Zeitung Heute : Italiens "Kanzlerkandidat": Strahlemann mit Schattenseiten

Werner Raith

Das Gesicht des "Sonnyboy" zeigt zwar noch immer das gewohnte Lächeln, doch da sind auf einmal ein paar ärgerliche Falten zwischen den Augen Francesco Rutellis. Ausgerechnet in der Zeitung "la Repubblica", dem puzblizistischen Flaggschiff der Mitte-Links-Koalition, hatte der Chef von Italiens grösstem Gewerkschaftsdachverband CGIL, Sergio Cofferati, eine Breitseite gegen ihn abgefeuert. Der vor drei Wochen mit plebiszitärer Akklamation gekürte "Kanzlerkandidat" der Regierungsallianz zeigt sich vor allem von der Wortwahl des Arbeiterbosses verärgert: Unüberlegt seien Rutellis Einlassungen, unausgegoren und "für die Linke untragbar", außerdem sei sowieso keinerlei "konkretes Regierungsprogramm erkennbar, und auch keine überzeugende Ministermannschaft". Auslöser für die Rüffel war ein Statement des Kandidaten, in dem dieser "Übereinstimmung" mit dem Arbeitgeberverband in der Frage von Steuererleichterungen für Unternehmer zeigte. Seither drohen die Gewerkschaften den Kandidaten bei der Wahl im Frühjahr 2001 nicht zu unterstützen. Rutelli zeigte sich trotzig: "Ich bleibe bei meiner Einschätzung." Seither versuchen seiner Förderer, den Riss zu kitten - bisher vergebens.

Es ist nicht die einzige Bananenschale, auf der Rutelli in den erst wenigen Tagen seit seiner "Wahlkampferöffnung" ausgerutscht ist. So fehlen noch immer neue Unterstützergruppen für die Allianz, die er vollmundig angekündigt hatte. Die Neokommunisten sehen, vor allem seit der "Anbiederung bei den Industriellen", mittlerweile nicht einmal mehr gute Chancen für einen pragmatischen Wahlpakt gegen Berlusconi, und der autonom kandidierende ehemalige Star-Ermittler Antonio di Pietro wartet noch immer auf "konkrete Zeichen Rutellis zur Garantie einer sauberen Administration".

Gesträubte Haare hinterlässt Rutelli auch mit der Ankündigung der Termins für seinen Rücktritt als Oberbürgermeisters von Rom: Das Gesetz schreibt die Niederlegung aller öffentlicher Ämter spätestens 180 Tage vor Ende der Legislaturperiode für jeden vor, der für das Parlament kandidieren will. Das aber wäre anfang November gewesen, denn die Legislaturperiode endet am 6. Mai. Doch Rutelli möchte noch die medienträchtigen Abschlussfeierlichkeiten zum Heiligen Jahr nutzen, und so hat er seinen Rücktritt für den 7. Januar festgelegt. Was mit der Frist sei, fragen verdutzt Parteifreunde und Gegner. Die Frist gilt aber nicht im Falle, dass das Parlament vorzeitig aufgelöst wird. Davon redet derzeit aber niemand - und so belastet er die Regierung mit einer schweren Hypothek: Sie muss sich formell stürzen lassen, damit der Staatspräsident das Parlament auflösen kann. "Und wie stellst du dir vor, dass wir das den Wählern verklickern?", fragte ein Delegierter bei der Wahlkampferöffnung in Rom. Rutelli grinste, aber nicht wenige argwöhnen, dass er keine Antwort weiß.

Immer mehr Anhänger Rutellis stellen mittlerweile die Frage, ob man da tatsächlich den Richtigen ins Rennen schickt. Dass er dem Kandidaten der Opposition, Silvio Berlusconi, rhetorisch Paroli bieten kann, daran ist kein Zweifel, und auch, dass er seinem Gegenspieler die Aura der Jugendlichkeit, Flexibilität und Modernität voraushat. Doch ein anderer Aspekt, auf den die Linke Mitte besonders gesetzt hat, bekommt inzwischen heftige Kratzer - die persönliche Integrität, die so schön im Gegensatz zu Berlusconis mitunter düsteren Freundschaften und zahlreichen Ermittlungsverfahren steht. Just am Tag seiner Nominierung hatte der Oberste Rechnungshof von Rutelli persönlich mehr als umgerechnet eine Million Mark gefordert, weil es bei der Auftragsvergabe von Gutachten nicht ganz regelkonform zugegangen sei. Nichts strafrechtlich Relevantes, lediglich adminstrative Unkorrektheit, aber sein Image leidet Schaden. Und Rutelli sieht sich seither zu jener Abwehrstrategie gezwungen, die auch Berlusconi einsetzt: Alles sei nur eine böse Intrige.

Kein Zweifel, das strahlende Image à la Blair und Schröder schrumpft deutlich, trotz einer erlesenen Schar von Wahlkampfmanagern, zu denen auch Asse aus der Clinton-Crew gehören. Die Presse listet reichlich politische und administrative Fehler Rutellis während seiner Amtszeit in Rom auf: Potemkinartige Eröffnungen neuer repräsentativer Einrichtungen, die, wie das famose Musikzentrum "Auditorium", nach Claudio Abbados Einweihungskonzert gleich wieder geschlossen wurden; penetrante Bevorzugung Vatikan-naher Bauunternehmer bei Renovierungsarbeiten, seit Rutelli ein besondere Beziehung zu Papst Johannes Paul II. entwickelt hat; dann der Verkauf städtischer Betriebe weit unter Wert.

Immer deutlicher wird auch, dass Rutelli, ähnlich wie Berlusconi, seine Biografe gerne mal schönt und oft höchst widersprüchliche Versionen von seiner Vergangenheit gibt. Wie etwa über "seine" Verhaftung 1981, die er als Beweis seiner Zivilcourage preist. Festgenommen wurde er wegen illegaler Verbreitung von Flugblättern - doch wogegen diese waren, darüber verbreitet er je nach Publikum unterschiedliche Versionen: bei seiner früheren Partei, den antimilitaristischen Radikalen, rühmte er sich, es sei gegen einen Truppenübungsplatz gegangen; den Grünen erzählt er, die Aktion habe sich gegen den Atomreaktor von Latina gerichtet.

Und dann ist da auch noch die Sache mit seinem Studium: Mal schreibt er, er habe bei seinem Vater "noch vor meinem Examensabschluss in Architektur" zu arbeiten begonnen, was einen tatsächlichen Abschluss unterstellt, dann wieder erzählt er, das Examen habe er doch nicht ganz fertig gemacht, allerdings bereits 22 Prüfungen absolviert. Sein Vater, ebenfalls Architekt, erinnert sich dagegen, dass der Filius so gut wie überhaupt keine Prüfungen abgelegt hat. "Da ist Klärungsbedarf", murmelt einer seiner Mitarbeiter im Kapitol zu Rom.

Ob sich seine politischen Freunde die politischen Alleingänge und den Mangel an Transparenz noch lange gefallen lassen, ist nicht ausgemacht. Der Parteichef der Linksdemokraten, Walter Veltroni, der ihn bisher sehr gefördert hat, nimmt ihn nach der Attacke Cofferatis allenfalls pflichtgemäss in Schutz und rät "allen Seiten", doch "lieber vorher miteinander zu reden als nachher zu streiten". Rutelli erwartet solche Unterstützung auch: "Schließlich bin doch ich der Kandidat." Den Gewerkschaftsboss Cofferati beeindruckte das wenig: "Sicher bist du der Kandidat", entgegnete er, "aber wir sollen dafür sorgen, dass du gewählt wirst."

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