ITALO-POPGianna Nannini vs. Eros Ramazotti : Im Herzen ein Schönling

Mittlerweile dürfte auch hier die Globalisierung einiges verändert haben. Aber wenn man so vor 30 oder 35 Jahren in westdeutschen Fußgängerzonen ein italienisches Restaurant betrat, wurde man zuverlässig mit Klassikern des Italopop beschallt. Da man diese exotische Musik zumindest hierzulande eher selten zu hören bekam, konnte sich leicht der Eindruck verfestigen, italienischer Pop bestünde hauptsächlich aus den Schlager-Rock-Hybriden von Gianna Nannini (rechts), Umberto Tozzi oder Adriano Celentano. Zu diesem verengten Kanon kamen später noch der Jazzbarde Paolo Conte und der jugendliche Held Eros Ramazotti (links) hinzu.

Als Nichtkundiger der italienischen Sprache mochte man die Italo-Songs leicht als pizzataugliche Untermalungsklänge zu unterschätzen, wozu das Heraushören von Reizwörtern wie „amore“ beitrug. Dabei war und ist etwa die Rockröhre Gianna Nannini nicht nur eine Rampensau von Janis-Joplin-Format, sondern auch eine politische Künstlerin, die auf Alben wie „California“ (1979) oder „Malafemmina“ (1988) feministische Positionen weit in den Mainstream getragen hat. Und selbst ein notorischer Herzensbrecherschönling wie Eros Ramazotti erzählt in seinen autobiografisch gefärbten Liedern deutlich komplexere Geschichten, als man es von Titeln wie „Quasi amore“ oder „Ma che bello questo amore“ vermuten würde. Zudem war der gebürtige Römer auch noch langjähriger Torjäger der Nazionale Italiana Cantanti, der Fußballmannschaft italienischer Sänger. Beide Ikonen italienischer Popmusik kann man nun an zwei Abenden nacheinander erleben. Zeit, die eigenen Vorurteile mal wieder zu überprüfen.Jörg Wunder

Nannini: Columbiahalle, Fr 17.5., 20 Uhr, 51 €;

Ramazotti: O2 World, Do 16.5., 20 Uhr, 48-80 €

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