Zeitung Heute : ITB 2002: Eine Messe fürs Geschäft, nicht zur Volksbelustigung

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"Wer auf die ITB nicht kömmt, hat den Trend verpennt." Nun - diesen Holperreim fabriziert zu haben, wollen wir der Messe Berlin nicht unterstellen. Doch einen entsprechenden Tenor haben die Äußerungen der ITB-Verantwortlichen durchaus. Und sie haben Recht. Im Prinzip. Denn noch immer ist die Tourismus-Börse das Branchenereignis, das sich kaum ein Profi entgehen lässt. Es macht sich dennoch mal wieder Unruhe breit unter den Ausstellern.

Bereits Ende der achtziger Jahre gab es wüste Drohungen Einiger, die ITB zu boykottieren und etwa dem Londoner World Travel Mart als der Fachmesse in Europa den Vorzug zu geben. Warum nur?, fragte man sich. Die schöne ITB! "Zu laut, zu bunt, zu wenig Arbeitsatmosphäre", wurde geknurrt. Und mit sechs Tagen noch immer zu lang (bis 1985 waren es gar sieben Tage). Gewiss, die Messe reagierte schließlich: 1995 wurde noch ein Tag hinten abgeschnitten und das reiselustige Volk der Prospekt-, Katalog- und Stickersammler an zwei von fünf Tagen ausgesperrt. Der Reisemarkt boomte, die Gemüter beruhigten sich.

In diesen Zeiten, in denen die Ressourcen Zeit und Geld wieder knapper sind, stehen die Zeichen jedoch erneut auf - nun gut, Sturm wäre übertrieben. Aber es weht den ITB-Machern immerhin eine steife Brise ins Gesicht. Wieder wird gemäkelt: "Zuviel Heiterkeit in den Hallen, zu wenig Geschäft." Außerdem stehe der Nutzen des teuren Auftritts in keinem Verhältnis zu den Kosten. Zwar bemüht sich die Messe immer wieder, zu betonen, im internationalen Vergleich sei der ITB-Quadratmeter unter dem Funkturm nahezu ein Preisschnäppchen. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt dieser Behauptung ist jedoch an der Tatsache nicht zu rütteln, dass die Messebeteiligung die teilnehmenden Aussteller eine gehörige Stange Geld kostet. Für Fach- und Verkaufsgespräche biete die ITB zwar noch immer eine hervorragende Plattform, heißt es, doch es müsse kostengünstiger sein. Aufwändig gestaltete Stände, Heerscharen von Personal - wofür? Nur um die Reiselust des Publikums zu befriedigen, das sich keine Reise leisten kann, in den Messehallen jedoch einen Hauch von weiter Welt schnuppern möchte?

Nun kann man nicht alle Aussteller über einen Kamm scheren. Manche kommen vor allem wegen des Publikums. Etwa die deutschen Urlaubsregionen. Auch die direkten Nachbarländer versprechen sich einiges vom unmittelbaren Kontakt zu den Nicht-Fachbesuchern. Doch wie die meisten Aussteller über Otto-Normalurlauber auf der ITB denken, zeigt sich oft deutlich am Standaufbau: abgeschottete Kisten, gelegentlich mit einem kleinen Tresen versehen, über den dann mehr, meist weniger informatives Papier ans Volk verteilt wird. Es wird signalisiert: Wir sind hier fürs Geschäft, nicht zur Volksbelustigung.

Der Dämpfer, den die Messe Berlin in diesem Jahr durch zahlreiche Absagen kostenbewusster Aussteller einstecken muss, sollte Folgen, das heißt ein Umdenken zeitigen. Nun gut, vom nächsten Jahr an gibt es etwas Kosmetik (siehe Seite B 2). Doch was spricht eigentlich dagegen, die Messe in zwei Teile zu splitten? (Der die ITB begleitende Kongressteil findet seit je unter Ausschluss der allgemeinen Öffentlichkeit im ICC statt.) Die Messehallen sollten es erlauben, einen funktionalen Part für alle lediglich am Geschäft Interessierten zu gestalten sowie einen anderen, kompakten, wo vom Reisefieber Geschüttelte nach Herzenslust Shanty-Weisen und Buschtrommeln lauschen, sich an Hüften schwingenden Brasilianerinnen satt sehen oder dem unvermeidlichen Aborigine die Hand schütteln können. Man gewinnt den Eindruck, die Messeleitung beharrt und verharrt auf ihrer Position, möglichst jeden Quadratmeter zu einem möglichst hohen Preis zu vermieten, den Ausstellertross über Gebühr lange in der Stadt zu halten. Kurzfristig mag das gut gehen. Doch wie lange geht diese Rechnung noch auf?

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