Zeitung Heute : ITB 2002: "Populärste Form des Glücks"

Deutsche Urlauber werden im Reisesommer 2002 nach Ansicht des Freizeitforschers Horst W. Opaschowski kaum weniger, aber sparsamer buchen. "Der 11. September ist schon fast vergessen, aber die Rezession hält noch an", sagt der Leiter des B. A. T.-Freizeit-Forschungsinstituts in Hamburg. Für etliche Reiseentscheidungen werde daher der Preis wichtiger sein als die Angebotsqualität. Wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage ganz aufs Reisen zu verzichten, komme für viele aber nicht in Frage. "Menschen brauchen schöne Augenblicke. Und Urlaub als populärste Form von Glück darf nicht aufs Spiel gesetzt werden", sagt Opaschowski.

"Eine Reise muss sein, aber sie muss sich rechnen", erläutert der Wissenschaftler. Für Feriengebiete in Deutschland, aber auch die oft noch preiswerteren Mittelmeerstrände seien Zuwächse zu erwarten. "Es kommt eine Renaissance der alten Reiseziele der 60er Jahre", glaubt Opaschowski. Auch mit Auto und Bahn gut erreichbare Orte in Italien und Österreich würden profitieren. Für Spanien sei zu erwarten, dass die abgebremste Entwicklung nach dem Boom der 90er Jahre anhalte. "Der Massentourismus dort hat seinen Zenit überschritten, das werden auch Lockpreise, die zurzeit die Menschen zur Buchung bewegen sollen, nicht ändern können."

Nach der Krisenerfahrung der Terroranschläge vom 11. September 2001 gebe es weiter einen Trend zur Pauschalreise, die Gefühle von Sicherheit und Aufgehobensein vermittele. "Man will ja nicht nur mit brauner, sondern auch mit heiler Haut nach Hause kommen." Ein halbes Jahr nach dem Schrecken der Anschläge hätten aber die meisten dieses Problem verdrängt und sich an die Krisenerfahrung gewöhnt. "Der Zeitfaktor heilt", versichert Opaschowski. Sein Institut befragt für die jährliche Tourismusanalyse regelmäßig 5000 Menschen.

Die kulturellen und sozialen Besonderheiten der Reiseziele seien für viele Urlauber nach wie vor unbedeutend. "Die fremde Umgebung spielt nur eine Rolle als Kulisse. Die Einheimischen sollen da sein, aber bitte nicht zu nahe kommen." Dass Tourismus automatisch zur Völkerverständigung beitrage, sei eine zu einfache Vorstellung und setze längere Erfahrungen voraus, sagte Opaschowski. "Erst wer zum dritten Mal nach Italien reist, verändert seine Vorurteile."

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