Zeitung Heute : ITB 2002: Vom Normalzustand weit entfernt

Die deutsche Reiseindustrie hat nach Expertenansicht auch ein halbes Jahr nach den Terroranschlägen in den USA die Folgen für die Branche noch nicht verkraftet. "Es mag sein, dass die Reiseängste nach dem 11. September zurückgehen, von einem Normalzustand aber ist die Branche weit entfernt", sagt der Leiter des Europäischen Tourismus Institutes (ETI), Martin Fontanari (Trier). "Die Veranstalter legen mit ihren positiven Prognosen reinen Zweckoptimismus an den Tag." Viele noch unschlüssige Urlauber entschieden sich 2002 gegen eine Reise.

Die Branche habe sich nach dem 11. September "naiv verhalten", so Fontanari. "Sie tut so, als sei sie von allen äußeren - insbesondere politischen - Einflüssen losgelöst. Dabei waren Touristen immer wieder das Ziel von Attentaten, etwa auf den Philippinen oder in Luxor in Ägypten."

Die Menschen nähmen die Bekundungen zu gesteigerten Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr ernst. "Sie merken, es braut sich weltpolitisch etwas zusammen - aber die Konzerne machen immer noch auf gute Stimmung. Sie planen in dieser Hinsicht nicht strategisch. Was fehlt, sind eine sorgfältige Situationsanalyse und entsprechende Zukunftsszenarien." Bislang werde nur reagiert. "Alle wollen möglichst den Stand des bereits Dagewesenen beibehalten." Andere Wege beschreite man nicht.

Grundsätzlich gebe es mehrere bedeutende Einflussfaktoren, die das Reiseverhalten der Menschen weiter verändern werden. Die Auswirkungen von Seuchen und Terror zeichneten sich bereits ab. Finanzkrisen und die persönliche Haushaltssituation führten künftig dazu, dass sich "nicht alle Menschen das Reisen mehr leisten werden können". Die Haushalte in Deutschland seien bereits jetzt mit rund 116 Prozent des verfügbaren jährlichen Haushaltsnettoeinkommens überschuldet, Tendenz steigend.

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