Zeitung Heute : ITB - in fünf Tagen um die Welt

HEIK AFHELDT

Wie würde Mister Fogg staunen, wenn er heute die ITB, die Internationale Tourismusbörse Berlin besuchte.Er könnte einen "Rund-um-die-Welt-Flug" für ganze 2300 Mark buchen, wäre schon nach zwei Tagen zurück in seinem Club und träfe überall auf seinem Weg Bequemlichkeit und dienstfertige Geister.Allerdings hätten die meisten seiner heutigen Mitreisenden wohl keinerlei Chance, in seinen alten Club aufgenommen zu werden.Reisen ist längst zu einer Bewegung der Massen geworden.Sie fallen lärmend in bunt kostümierten Scharen über die Ferienziele rund um den Globus her.Je jünger, desto weiter und im Alter oft ruhelos auf der Suche nach Erlebnissen und Zerstreuung.

Etwa fünf Milliarden Touristen waren 1998 weltweit unterwegs.Der Tourismus ist zu einer der größten globalen "Industrien" geworden - mit einem Anteil am Weltbruttosozialprodukt von 13 Prozent.Mehr als 200 Millionen Menschen verdienen ihr Geld mit Reisen - mit Reisen anderer.Die Einnahmen aus dem Tourismus bilden für viele Länder und Regionen die wichtigste wirtschaftliche Basis.Nun wird wieder gefragt, ob das hohe Wachstumstempo anhalten kann.Was spricht dafür?

Erstens gibt es immer mehr Reise für das Geld: Für weniger als 400 Mark kann man heute von Europa nach Amerika fliegen.Immer günstigere Pauschalangebote locken an die Strände, in die Berge, die Städte oder Parks in allen Gegenden der Erde."Last minute"-Angebote und "Spezialtarife" fördern die Nachfrage.Mit dem Verkauf noch freier Sitze zu Grenzkosten fahren die Veranstalter, die Airlines und Hotels besser als mit Leer-Kapazitäten.Einen kräftigen Druck auf die Reise-Preise aber bringt vor allem der heftigere Wettbewerb.Immer mehr "Destinationen", Veranstalter, Carrier, Hotels, Spezialisten mischen im globalen Reisemarkt mit.

Zweitens wird Reisen immer beliebter - und die Menschen haben mehr Geld und auch Zeit dafür.Die arbeitsfreie Zeit hat sich seit der Jahrhundertwende im Durchschnitt mehr als versechsfacht - dank der viel kürzeren Arbeitszeiten und der längeren Leben.Und kaum einen bremst noch "Reiseangst" wie unsere Großeltern.Wir haben das Reisen früh gelernt, und die Reiseartikelbranche rüstet uns mit geeigneter Kleidung, mit Werkzeugen, mit Literatur und Arzneimitteln aus.Sogar die Risiken auf Reisen sind geringer geworden.Lawinen, Wetterkapriolen oder Überfälle fordern zwar immer wieder Opfer, aber sie beunruhigen jeweils nur kurze Zeit.

Drittens locken immer speziellere Angebote: Reisen für Junge oder Alte, für

Bridge- und Golfspieler, für Musicalliebhaber und Museumsbesucher, Reisen zu Sportanlässen oder Weltausstellungen, Reisen für Singles und Reisen für Münzensammler.Da wird das Reisebüro immer mehr zum Reiseberater - gebucht wird dann häufig direkt bei der Airline oder beim Hotel.Womit soll das Reisebüro noch seine Kosten decken, wenn die Kommissionen kleiner werden oder ganz ausfallen?

Die Reisewelt steht in den nächsten Jahren also vor umwälzenden Änderungen.Viele kleine Betriebe werden vergeblich ums Überleben kämpfen.Es wird viele Zusammenschlüsse geben bei den Veranstaltern, den Carriern, den Hotel- und Restaurantketten.Weitere integrierte Reisekonzerne entstehen.Das Internet mischt alles neu auf.Manche Tourismus-Regionen werden, wenn sie zum Ziel billigen Massentourismus verlottert sind, wie die alten Industriereviere von Grund auf mit modernen Konzepten und mit "neuer Qualität" neu anfangen müssen.

Das alles spricht nicht für ein Ende des Wachstums im Tourismus, im Gegenteil.Aber es wird für alle am Reisemarkt immer schwieriger werden, im heftigen Wettbewerb um die Gunst der anspruchsvolleren Kunden die Nase vorne zu halten.Deswegen hat die ITB in den nächsten fünf Tagen und in den folgenden Jahren die Chance, nicht nur ein bunter Schauplatz, sondern der international wichtigste Marktplatz für Reisen und Tourismus zu sein.

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