Zeitung Heute : Ja, ja. Hä? Wie bitte?

Die Ohren müde, die Augen trüb, die Finger steif: Im „Age Explorer“ tapst eine Vierzigjährige durch ihre Zukunft – und erlebt urplötzlich den ganzen Schrecken des Alters.

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Von Ariane Bemmer Es dauert nicht lange, bis ich das erste Mal denke: Ist doch egal.

Egal, wie der Mantel sitzt, was ich einkaufe, ob ich was vergessen habe, ob mir Kleingeld aus dem Portemonnaie fällt, ich werde mich nicht bücken. Viel zu mühsam.

Beim Ausflug ins Zentrum von Dresden ist mir die Stadt schnell zum Feind geworden, ihre Farben verwirren mich, ihr Tempo hetzt mich, ihre Größe erschöpft mich. Nein, ich will mich all dem nicht stellen müssen. Was ich will, ist: sitzen.

Einen Nachmittag lang bin ich fast doppelt so alt wie in Wirklichkeit. In einem speziellen Anzug, der das durchschnittliche Befinden von über 70-Jährigen simuliert, erlebe ich meine Zukunft im Probelauf. Ich trage einen Overall, der mit vier Gewichten à 1,5 Kilogramm beschwert ist. Um Ellenbogen und Knie werden Neoprengamaschen geschnürt, was mich unbeweglicher macht. Handschuhe versteifen meine Finger und zeigen, wie Arthritis schmerzt, indem kurze Borsten auf die Handinnenfläche drücken. Ich kann nicht mehr gut gucken, weil ich einen Helm mit ovalem Sichtfenster trage, das mit gelber Folie beklebt ist. Die lässt vieles verschwimmen, Grün und Blau sind kaum zu unterscheiden. Man nennt das Alterssichtigkeit. Und ich höre schlecht.

Der Anzug mit Namen Age Explorer, Alters-Entdecker – erfunden 1994, damit die Industrie mit seiner Hilfe seniorengerechte Produkte entwickeln kann – vermittelt, was der Schriftsteller Jean Améry die „Grundbefindlichkeit des Alters“ nennt: „Mühsal und Drangsal“. Alt sein im Age Explorer heißt, in einem Körper zu stecken, der einschränkt und abschottet, der Last ist und Grenze statt Ausgangsbasis. Würde ich mich heute ohne Anzug so fühlen, ich liefe zum Arzt. Aber irgendwann wird das Dauerzustand sein.

Eine Frau von der Anzugfirma begleitet mich auf dem Weg in die Stadt, doch Rücksicht nimmt sie nicht. Viel zu schnell geht sie voran, Richtung Straßenbahnstation. Dabei wäre es so leicht für sie, langsamer zu gehen. Ich dagegen muss mich mühen. „Wir sind zu schnell“, rufe ich ihr hinterher und denke: Als könnte sie sich das nicht vorstellen!

Es ist eine freudlose Erkenntnis, dass die Alten keine Möglichkeiten zur Anpassung haben. Sie können ja nicht besser laufen, hören, gucken. Ob man zueinanderfindet, entscheiden die anderen. Was bleibt den Alten, als zu hoffen.

In einer kleinen Seitenstraße betreten wir einen Supermarkt. Langsam schiebe ich mich durchs Drehkreuz, das außerhalb meines Sichtfensters kreiselt. In der Obstabteilung verschwimmen hellgelbe Preisschilder vor meinen Augen, dauert das Fingern nach einer Plastiktüte viel zu lang, ich gehe zu den Konserven, wo die Büchsen und Gläser viel zu eng in den Regalen stehen. Würde ich nach ihnen greifen, fielen die Nachbarn zu Boden. Es fällt mir auch schwer, sie voneinander zu unterscheiden. Ist das Leipziger Allerlei oder Erbsen und Möhren? Alles ist so grün. Das oberste Regal auf etwa 1 Meter 70 Höhe ist unerreichbar, meinen gichtigen Arm bekomme ich dort nie hingehoben. Oben, da stehen Pfifferlinge. Die muss ich ja auch nicht essen.

Das ist die nur eine von vielen Kapitulationen, die ich zulasse. Überall entstehen Situationen, die zwei Alternativen erlauben: um Hilfe bitten oder verzichten.

Der alte Körper ist kein Werkzeug mehr zur Erkundung der Welt. Er ist Gefängnis. Als kiloschwerer Ton- und Bildverzerrer hat er sich zwischen mich und die anderen gedrängt. Wäre das Folge einer Krankheit, könnte er mir leidtun, aber das würde die Hoffnung auf Genesung voraussetzen. Der nur alte Körper dagegen ist kein Freund mehr. Wir sind nicht mehr eins. Schlimm auch deshalb, weil er identitätsstiftend war. Ich war die, die loslief, um die Straßenbahn zu bekommen. Die hinhörte, wenn jemand erzählte. Die mit offenen Augen durch die Welt ging.

Aber das ist vorbei. Die Fähigkeiten dazu, die jahrzehntelang selbstverständlich waren, sind degeneriert, unwiederbringlich abhanden gekommen. Und schrumpfe ich damit nicht auch selbst?

Man kommt bei diesen Fragen an, wenn man das Alter nachäfft, schneller vielleicht, als wenn man wirklich altert. Wer bin ich? Was macht mich aus? Wie rette ich, was ich für mein Wesen halte, durch die körperliche Degeneration? Wen sehen alte Leute, wenn sie in den Spiegel gucken? Wie arrangiert man sich damit, dass die Tränensäcke, die hängenden Wangen, die breit gewordenen Hüften, die unbrauchbaren Füße zu einem selbst gehören? Zwar ist Verfall ein Prozess, aber es kommt der Tag, an dem nicht mehr zu leugnen ist, dass fast alles, was mich ausmacht, hinter mir liegt. Dass ich keine Zukunft mehr habe. Was dann?

Und doch sehen die wenigsten Alten, denen ich begegne, wütend aus oder verzweifelt. Zwei alte Damen kichern gar. „So ist es eben“, ist ein Satz meiner Mutter. Und unterwegs im Age Explorer klingt er für mich erstmals nicht zum Aufregen resigniert – sondern tröstlich.

Ich dagegen ringe mit dem, was ich vorfinde: Zwei Gänge hinter den Konserven leuchten bei den Hygieneartikeln allein die Corega-Tabs knallrot auf weiß. Die schmalen Schriften auf anderen Tuben, Tiegeln, Pasten, die violetten oder blauen Buchstaben auf rosa und grünem Hintergrund kann ich kaum entziffern. Ist das Shampoo für normales oder fettiges Haar? Das herauszufinden strengt mich an, aber ich will mich nicht für ein Shampoo anstrengen. Es heißt, dass alte Leute oft über Fehlkäufe klagen.

Wir sind seit einer Stunde unterwegs, und schon kann ich nicht mehr.

Die Gewichte zerren an mir, die Schultern sinken nach vorn, die Schritte werden ungelenk, zwischen Teegebäck und Kasse torkele ich. Ich will hier raus und auch aus dem Anzug. Noch geht das: das Alter abstreifen. Aber was, wenn ich eines Tages wirklich alt bin? Ich will das nicht! Wo soll ich die Disziplin hernehmen, in den Supermarkt zu gehen, wissend, dass es mühselig wird. Wie schnell werde ich Anstrengungen sparen? Immer dasselbe essen, weil ich weiß, wo die Zutaten stehen. An der Bluse nur jeden zweiten Knopf schließen – hält doch.

Schon als ich mit meinen Arthritishandschuhen den Gürtel am Overall schließen sollte, habe ich aufgegeben. Ist doch egal, ob’s ordentlich sitzt, habe ich gedacht. Ich sehe mit dem Helm sowieso aus wie ein Idiot und jeder wird sich nach mir umdrehen – ob der Gürtel geschlossen ist oder nicht. Und ist es bei den echten Alten nicht umgekehrt? Die guckt sowieso keiner an, egal, wie ihre Kleider sitzen.

An der Kasse habe ich nicht viel zu zahlen, 64 Cent für eine kleine Wasserflasche, aber der Kassierer, wahrscheinlich aus Gewohnheit, fragt mich, ob ich Kleingeld habe. Mit dicken Gelenken wühle ich, nach vorne gekippt, in meiner Jackentasche in Rippenhöhe – eine völlig ungeeignete Stelle, sehen kann ich die auch nicht – nach dem Portemonnaie. Zerre so grob, dass das Futter mit rauskommt. Hoffe, dass meine Begleiterin darauf achtet, ob noch was anderes rausfällt. Mit plumpen Fingern stoße ich im Hartgeldfach herum, möchte dem Kassierer die Börse hinhalten und sagen: Gucken Sie selbst, junger Mann, ich sehe so schlecht. Doch dann sage ich nur: Nein.

Wie oft habe ich schon über die Alten geschimpft, die an der Kasse ihre Münzen auskippen, wenn ich es eilig habe. Und wie kleinmütig bin ich jetzt. Was soll man denn tun, wenn man schlecht sieht, schlecht greift und dann diese Kleingeldfrage kommt, gleichsam eine Einladung zum Mitspielen. Alle werden nach Münzen gefragt und ich auch. Und, ja, ich möchte noch mal mitspielen.

Wir laufen zur großen Haltestelle am Albertplatz. Ich würde mich gern bei der Anzugfirmafrau einhaken. Hier fahren viele Straßenbahnen, sie kommen von überall, ich höre sie nicht, ich muss den Kopf drehen, sie sehen, aber ich kann dem gelben Sichtfenster nicht trauen.

In einem Schaufenster kleben große Buchstaben, die Preisstürze ankündigen, alles billiger, 30 Prozent!, doch was für ein Geschäft das ist, sehe ich nicht. Ich müsste den Kopf heben, um den Namen über dem Fenster zu lesen. Das lasse ich. Es interessiert mich nicht. Es wird nicht für mich sein. Den Kopf hebe ich nur, wenn ich glaube, dass es sich lohnt. Sonst starre ich geradeaus oder auf die Straße vor meinen Füßen. So reduziert sich, was ich von der Welt mitbekomme. Und das ist bloß Folge der Verfallssimulation – ohne Krankheiten.

Die Straßenbahnen in Dresden sind modern, hell und leise, sie fahren bodennah. Das ist gut. Stufen sind schwierig, weil man sie nicht sieht. Linie 7 fährt vor, wir steigen ein. Der Ticketautomat ist gegenüber der Tür. Es gibt Karten in zwei Farben. Aber wo ist die Erklärung? Immer näher krieche ich an den Kasten heran, bis ich alle Informationen habe. Ich halte mein Portemonnaie direkt vor die Augen, was in den Armen schmerzt, damit ich etwas sehe, und freue mich über ein Zwei-Euro-Stück gleich vorne.

Die Frau von der Anzugfirma, die sich neben mich setzt, sagt immer mal wieder etwas. Anfangs neige ich ihr den Kopf zu und sage „Wie bitte?“. Dann wiederholt sie ihr Gemurmel, guckt aber beim Reden geradeaus, so dass ich ihren Mund nicht sehe. Die Lippen nicht, die Worte formen, die ich nicht hören kann, aber vielleicht ahnen würde, wenn ich nur sehe, wie sie geformt werden. Wie vorhin in der Apotheke. Als ich die Tabletten nannte, die ich wollte, hat die Apothekerin gefragt: „Zum Auflösen oder zum Schlucken?“ Gehört habe ich das nicht, aber – nicht ohne Stolz – an den Mundbewegungen erkannt.

Meiner Begleiterin habe ich ein paar Mal gesagt, sie solle lauter reden, aber sie will nicht noch mehr Aufsehen erregen. Dann soll sie doch den Mund halten! Ich fange ja auch keinen Dialog an, wissend, dass ich die Antwort nicht verstehe. Sie dagegen macht immer neue Anläufe. Ich sage noch ein, zwei Mal „wie?“ und „hä?“, dann nicke ich nur noch und sage „ja, ja“, ohne zu wissen, worum es geht.

Das ist die wohl folgenreichste Kapitulation, weil sie einsam macht.

Das Gehör hat nachgelassen, und schon will ich nichts mehr hören müssen, um das nicht zu merken. Allein die weibliche Stimme, die nach einem synthetischen Dreiklang die nächste Station nennt, verstehe ich gut. Es ist wie ein Kontakt zur Welt der Anderen. Ich höre, was sie hören, und für die Zeit einer Haltestellenansage leben wir wieder in einer Welt. Das ist nicht viel, dafür, dass man vielleicht 20, 30 Jahre lang alt ist.

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