Zeitung Heute : Ja, wo fliegen sie denn?

Die Nordhorner plädieren für’s Bombodrom – damit es bei ihnen ruhiger wird

Claus-Dieter Steyer[Nordhorn]

Von Claus-Dieter Steyer,

Nordhorn

Wie wohl würden sich alle in Nordhorn, in „Niedersachsens Holland“, fühlen, wäre da nicht dieses Geräusch. Der Strom der Vechte, der das Zentrum der Stadt durchfließt erinnert ein wenig an Grachten und die meisten Häuser tragen weiße Giebelbalken. Alles sehr schön, wäre da nicht dieses Geräusch. Der Bürgermeister springt auf. „Hören sie!“, sagt er mit erhobenem Zeigefinger. „Die Kinder schreien erbärmlich bei dem Krach der Tiefflieger“, sagt Meinhard Hüsemann. Und auch die Erwachsenen könnten sich einfach nicht an den Lärm gewöhnen. Dabei lebt seine Stadt schon lange mit dem ständigen Donnern von Militärmaschinen. Dieses Schicksal teilt die Kreisstadt der Grafschaft Bentheim im Moment nur mit dem bayerischen Siegenburg. Eigentlich hätte sich das heute ändern sollen: Die Bundeswehr wollte am heutigen Montag das so genannte Bombodrom in der Kyritz-Ruppiner-Heide bei Wittstock in Betrieb nehmen. Doch in der vergangenen Woche gab das Potsdamer Verwaltungsgericht bekannt, noch bis Ende September Klagen von Anwohnern prüfen zu wollen. Keine gute Nachricht für Nordhorn und Siegenburg: Jeder weitere Tag Ruhe in Wittstock bedeutet mehr Lärm für die anderen beiden Städte. Sie hoffen auf Entlastung, wenn der Brandenburger Luftwaffenübungsplatz in Betrieb genommen wird.

In Nordhorn leben sie seit 1933 mit dem Lärm der Flugzeugmotoren: Damals hatte die Firma Krupp der Wehrmacht ein 2200 Hektar großes Testgelände für Waffen aller Art überlassen. Nach Kriegsende besetzte die Royal Air Force den Platz. Von ihr übernahm schließlich die Bundeswehr die „Nordhorn-Range“. In Nordhorn selbst deutet nur noch eine goldene Tafel am Baum gegenüber des Rathauses auf die frühere Militärpräsenz hin; die Bundeswehrsoldaten sind heute im 25 Kilometer entfernten Lingen stationiert. Der Übungsplatz, die Klausheide, liegt zwischen Nordhorn und Lingen. Ein altes rotes Warnschild mit einem Flugzeug in der Mitte deutet auf den Flugbetrieb hin.

Hauptmann Schmitz ist nicht wirklich zufrieden mit dem Übungsplatz. Der „Range-Controller“ erscheint im Fliegeroverall im Offiziersheim Lingen. Die Ein- und Ausflugschneisen hier glichen einem Slalomkurs, sagt Schmitz. Überall müssten die Flieger auf Siedlungen achten, die sie nur in bestimmter Höhe oder gar nicht passieren dürfen – und das bei Geschwindigkeiten von 700 bis 800 Kilometern pro Stunde. Das Kernkraftwerk in Lingen stellt ein zusätzliches Hindernis dar. „An taktische Übungen ist da kaum zu denken.“ Anders die Lage bei Wittstock – beim Blick auf die Karte des dortigen Übungsplatzes kommen die Bundeswehroffiziere ins Schwärmen. „Vom Krach werden die wenigen Anwohner nicht viel mitbekommen. Das ist ja so ein großer Platz, da kann sich alles auf die Mitte konzentrieren.“ Für die Nordhorn-Range musste dagegen in den 80er Jahren sogar die „Weiße Siedlung“ von der Landkarte verschwinden – sie lag in der Einflugschneise: 42 Häuser und zwölf Bauernhöfe wurden platt gemacht. Nur eine Allee von Obstbäumen steht noch.

Auch in Nordhorn gab es, wie heute in Wittstock, großen Protest. Die „Notgemeinschaft Nordhorn Range“ klagte vor Gericht, besetzte das Gelände und demonstrierte eifrig – bis in die 90er Jahre. Auch die in den Fotoalben der Notgemeinschaft klebenden Sprüche von Politikern gleichen den in Wittstock gemachten Versprechungen. Im November 1991 applaudierten 2500 Demonstranten am Rande des Nordhorner Übungsplatzes dem damaligen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder. Der hatte dem Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg vorgeworfen, mit dem Beharren auf dem Luft-Boden-Schießplatz gegen Beschlüsse von Bundestag und Bundesrat „Front zu machen“. Schröder nannte die Unbeweglichkeit der Hardthöhe einen demokratischen Skandal. „Seit er Bundeskanzler ist, lässt er nichts mehr von sich hören“, sagt Wilfried Hanisch von der Notgemeinschaft. In seiner Chronik ist auch das Versprechen des damaligen Kanzlerkandidaten Rudolph Scharping festgehalten, dass es unter einer SPD-geführten Bundesregierung kein Bombodrom geben werde. Die Muster wiederholen sich: Die Wittstocker werfen dem Verteidigungsminister Peter Struck Wortbruch vor. „1992 hat er die Kohl-Regierung aufgefordert, auf die ehemals sowjetischen Übungsplätze zu verzichten, um die Glaubwürdigkeit im Osten nicht zu verlieren. Heute ordnet er den sofortige Inbetriebnahme der Kyritz-Ruppiner Heide an“, sagte kürzlich Pfarrer Benedikt Schirge von der Bürgerinitiative „Freie Heide“.

Der Bürgermeister von Nordhorn springt wieder von seinem Stuhl auf und eilt zu einem Bauplan an der Wand. Er hat noch ein Argument: Die Fliegerei behindere die Stadtentwicklung. „Unsere ganze westliche Stadthälfte grenzt an Holland, auch nach Norden und Süden gibt es keine freien Flächen mehr. Wir müssen uns also nach Osten ausdehnen, kommen aber dort in die Einflugschneisen des Abwurfplatzes. Jährlich wachse die Einwohnerzahl um etwa 500 Menschen, womit Nordhorn nicht nur in Niedersachsen ziemlich beispiellos dasteht. Derzeit zählt die Stadt an der Vechte knapp 52000 Einwohner. Die meisten Zuzügler kommen aus dem nahen Holland, wo Grundstücke knapp sind. Sie gehen zwar weiterhin in ihrer Heimat zur Arbeit und zahlen dort ihre Steuern. „Aber ihr Geld geben sie meistens bei uns aus“, sagt der Bürgermeister. Das sei keine unwesentliche Einnahmequelle in einer Stadt mit rund 15 Prozent Arbeitslosigkeit. Die Bundeswehr dagegen nütze der Stadt nichts.

Meinhard Hüsemann wünscht den Wittstocker Widerständlern viel „Glück für ihren Protest“. Aber er gibt zu, dass ihm ein Verzicht der Bundeswehr auf den Brandenburger Platz ärgern würde. „Die Lasten durch die Tiefflieger müssen schon gerecht verteilt werden.“ Keiner würde bevorzugt, sagt Oberstleutnant Hans-Georg Schmidt, bei der Bundeswehr zuständig für „den Fall Wittstock“ – aber das Wittstocker Gelände mit seiner dünnen Besiedlung biete nun einmal die besten Voraussetzungen. „Da können sich 1000 Soldaten mit ihren Flugabwehrraketen mehrmals am Tag verstecken und den ankommenden Flieger mit ihrem Radar ins Visier nehmen.“ Der müsse dann ausweichen und den Angriff proben – mit Übungsbomben, aus denen beim Aufschlagen Rauch aufsteige. Drei Viertel der Flieger-Ausbildung soll sowieso weiterhin im Ausland, vor allem in den USA, Kanada und über Sardinien, stattfinden. „Nur für den Rest brauchen wir die drei deutschen Übungsplätze“, sagt Schmidt. Nordhorns Bürgermeister kennt die Größenverhältnisse auswendig. „Der Platz Wittstock ist sechsmal so groß wie der bei uns. Da muss die Bundeswehr einfach zugreifen." Noch gravierender fällt das Verhältnis zum bayerischen Siegenburg aus: 44 zu 1 – zu Gunsten Brandenburgs.

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