Zeitung Heute : Ja, wo laufen sie denn?

WM-Spiele live auf dem Handy verfolgen – das funktioniert bereits ohne Ruckeln. Aber der Ball ist im Display kaum auszumachen

Sebastian Leber

Was er da sah, konnte er zuerst kaum glauben: die Börsenkurse der Daxunternehmen. Unten auf dem kleinen blauen Laufband, beim Nachrichtenkanal N24. Und zwar nicht auf dem Bildschirm seines Wohnzimmerfernsehers, sondern auf dem eines Handys. Auf einem 3,5 mal 4,5 Zentimeter großen Display. „Das war schon deutlich besser, als man erwarten konnte“, sagt Martin Müller.

Der Mann kennt sich mit Handys aus. Er ist Chef des Online-Magazins Teletarif.de, das Mobiltelefone testet und bewertet. Seit Ende Mai trägt Martin Müller das neue Samsung SGH-P900 in der Hosentasche. Das Gerät mit dem zur Seite klappbaren Bildschirm, das man in deutschen Innenstädten gerade auf unzähligen Plakatwänden sieht. Das SGH-P900 ist das erste frei verkäufliche Handy, mit dem man sich mit neuer Technik WM-Spiele live anschauen kann. Im Bus, auf der Straße, am Baggersee. Vorausgesetzt, man lebt in Berlin oder einer anderen deutschen Großstadt, in der das „Watcha“-Angebot von Debitel empfangen werden kann (siehe Infokasten). Damit ist Debitel Pionier in Sachen Handy-TV. Andere Anbieter übertragen von der WM kurze Spielausschnitte oder Zusammenfassungen aufs Handy, meistens mit Zeitverzögerung. T-Mobile zeigt 20 Spiele, allerdings per UMTS-Signal. Wieder andere übertragen sämtliche Begegnungen live, stellen den Service aber bisher nur ausgewählten Testpersonen zur Verfügung. Das ist zu wenig, findet Martin Müller von Teletarif.de. „Für mich steht fest, dass Politik und Industrie zu lange gewartet haben.“ Was übrigens auch für Debitel gelte: „Die haben ihr Programm erst zehn Tage vor dem WM-Eröffnungsspiel gestartet.“ Da sei es doch logisch, dass Handy-TV bei dieser Weltmeisterschaft „für Endkunden nur ein Randphänomen darstellt“. Wie viele Verträge bis heute abgeschlossen wurden, will Debitel nicht sagen.

Martin Müller möchte „derzeit auch niemandem raten“, bei Debitel zu unterschreiben. Einmal, weil das jetzige Angebot laut Müller zwar „ideal ist, um zehn oder 20 Minuten lang Nachrichten zu gucken“. Das Anschauen eines ganzen Spielfilms sei jedoch keine große Freude. Und die Übertragung eines Fußballspiels schon gar nicht: „Das klappt zwar ohne Ruckeln, aber auf dem winzigen Bildschirm dem winzigen Ball zu folgen, am besten noch aus der Totale, da gibt es Schöneres.“ Außerdem überträgt Debitels „Watcha“ nur ZDF, N24, MTV und ein Comedy-Mischprogramm aus Sat 1 und Pro Sieben – zwei von drei Gruppenspielen der deutschen Mannschaft liefen aber in der ARD. Ein weiterer Grund, warum sich Müller derzeit selbst noch kein Handy-TV kaufen würde: Debitel-Kunden müssen sich mit einem Zwei-Jahres-Vertrag binden. Dabei sei nicht einmal klar, ob sich der von Debitel verwendete technische Standard DMB (Digital Multimedia Broadcasting) auf dem Markt durchsetzt – oder doch eher die Alternative DVB-H (Digital Video Broadcasting – Handheld). Deren Bildqualität ist vergleichbar, aber DVB-H kann mehr als 20 Programme übertragen.

Seit Monaten streiten Experten darüber, wie viele Deutsche überhaupt Interesse an Handy-TV haben. Der Bundesverband Informationswirtschaft Telekommunikation und neue Medien hat in einer Umfrage ermittelt, dass sich acht Millionen erwachsene Deutsche gerne Nachrichten per Handy-TV anschauen würden. Und das sei noch tiefgestapelt, sagt Bitkom-Bereichsleiter Manfred Breul. „Hätte man vor fünfzehn Jahren gefragt, wer sich ein Handy zulegen möchte, hätten 99 Prozent der Menschen geantwortet: So was brauchen nur Wirtschaftsbosse und Politiker.“ Er findet Bild- und Tonqualität der derzeitigen Angebote „schon sehr zufriedenstellend“. Das gelte für Debitel, aber auch für die Testläufe anderer Anbieter.

Breul schwärmt bereits von künftigen Anwendungen des Handys. Zum Beispiel könnten sich Kunden darauf Kurzvorschauen neuer Kinofilme ansehen. Und das Handy kann gleich nach dem nächstgelegenen Kino suchen, das diesen Film im Programm hat. Noch ein Tastendruck mehr, schon hat man sich eine Karte für die Vorstellung reserviert.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben