Zeitung Heute : Ja, wo öffnen sie denn?

Viele Läden verkaufen länger - aber von einheitlichen Zeiten kann nicht die Rede sein.

Cay Dobberke

Das Geschäft mit den längsten Öffnungszeiten der City-West ist weiterhin die Wohlthat’sche Buchhandlung in der Budapester Straße: Die Filiale verkauft zwar nicht mehr wie im Advent rund um die Uhr, aber immerhin noch werktags bis 1 Uhr beziehungsweise bis 24 Uhr am Sonnabend. „An diesem Standort lohnt sich das für uns“, sagt der Berliner Bereichsleiter Olaf Lindner, „wir würden auch sonnabends bis 1 Uhr verkaufen.“ Das aber geht nicht, weil nach Mitternacht schon der besondere Schutz des Sonntags gilt.

Seit Dezember gibt es werktags in Berlin keinen Ladenschluss mehr, zudem darf jährlich mehrmals an Sonntagen verkauft werden. Neben Wohlthat gehört besonders C & A zu den Vorreitern: An sechs Wochentagen öffnet die Modehandlung im Neuen Ku’damm-Eck bis 22 Uhr.

Gegen Ende der Woche kommt rund um den Kurfürstendamm und die Tauentzienstraße eine Reihe weiterer Geschäfte mit längeren Verkaufszeiten hinzu. So bedient Wertheim am Kurfürstendamm seine Kunden freitags und sonnabends bis 22 Uhr; Niketown tut dies von Donnerstag bis Sonnabend, wie auch die meisten Läden im Europa-Center. Das KaDeWe konzentriert sich auf den Freitag und öffnet dann zwei Stunden länger. Dagegen ist bei Peek & Cloppenburg um 20 Uhr Schluss.

Auch in der zweitgrößten Einkaufsstraße des Bezirks, der Wilmersdorfer Straße, gehen die Händler unterschiedlich mit den neuen Freiheiten um. Zum Beispiel öffnet Karstadt dort zurzeit nur bis 20 Uhr, der Media Markt dagegen freitags und sonnabends bis 22 Uhr.

„Viele haben die Öffnungszeiten zurückgeschraubt“, sagt Boris Kupsch, Vorstandsmitglied der AG City und Betreiber des Internetportals www.kurfuerstendamm.de, das eine Übersicht der Öffnungszeiten bietet. Kupsch ist „überrascht, dass so wenige länger aufmachen“ und bedauert, dass die Zeiten selbst in großen Straßen „unübersichtlich für den Konsumenten“ seien. Allerdings gelte das erste Quartal des Jahres im Handel immer als „Sauregurkenzeit“. Spannend werde es im Sommer.

Leichter zu organisieren sind nun abendliche Einkaufspartys wie die „Lange Nacht des Shoppings“, die am 24. März wieder rund um den Ku’damm stattfindet, oder die Mitternachtsverkäufe in der Wilmersdorfer Straße. Die Händler benötigen – außer sonntags – keine Sondergenehmigung mehr. Veranstaltungen mit „Event-Charakter“ empfiehlt SPD-Wirtschaftsstadtrat Marc Schulte auch für kleinere Straßen.

Im Alltag aber ist in Seitenstraßen fast überall um 18, 19 oder 20 Uhr Schluss; länger öffnen meist nur Supermärkte. Unter den Mittelständlern in der Reichsstraße „bin ich die einzige, die bis 20 Uhr aufmacht“, sagt die Buchhändlerin und Vorsitzende der dortigen Interessengemeinschaft, Ursula Kiesling. „Alles stöhnt über schlechte Umsätze, aber keiner hat den Mut zum Ausprobieren“, ärgert sie sich. Mit einheitlichen Zeiten punkte nur die größte Konkurrenz: die Center.

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