Zeitung Heute : Jacek Debski: Der Tod des Drachentöters

Klaus Bachmann

Das Stammlokal des Vorkämpfers gegen die Mafia heißt "Cosa Nostra". Selbst seinen Namenstag feierte Jacek Debski dort, der ehemalige polnische Sportminister und selbsternannte Aufklärer von Korruption. Zuvor war er mit einem bekannten Sportjournalisten und einer jungen Dame, die die Polizei "Inka" nennt, durch die Kneipen der Warschauer Innenstadt gezogen. Gegen Mitternacht waren Debski und Inka zu einem kleinen Spaziergang rund ums "Cosa Nostra" aufgebrochen. Ein Gast hörte einen Knall und lief nach draußen. Er fand Debski auf dem Pflaster liegen, mit einem Kopfschuss. So endete die kurze, aber rasante Karriere einer polnischen Anti-Mafia-Ikone - höchstwahrscheinlich im Kugelhagel der Mafiosi. Das Pikante: Die Mörder haben sich mit Debski nicht eines zentralen Gegenspielers entledigt, sondern bloß eines säumigen Geschäftspartners.

Drei Jahre lang gehörte Jacek Debski der Regierung des konservativen Premiers Jerzy Buzek an. "Drachentöter" nannten ihn seine Landsleute respektvoll, seit er die Machtprobe mit dem Chef des polnischen Fußballverbands, Marian Dziurowicz, gewann. Sein Vorwurf an Dziurowicz: Er soll Gelder veruntreut und Vetternwirtschaft im Verband betrieben haben. Trotz Intervention des Weltfußballverbands Fifa setzte Debski ihn einfach ab. Doch nach allem, was bisher bekannt wurde, scheint Debski selbst nicht besser gewesen zu sein. Bei einer Untersuchung des Sportministeriums durch den Obersten Rechnungshof kam raus, dass er angeblich Steuergelder verschwendete. Mehr noch: Er soll mehreren hohen Vertretern der Warschauer Unterwelt seine Verbindungen zur Regierung angeboten und für die Anbahnung von Kontakten Vorschüsse kassiert haben. Doch er hat wohl seine Verpflichtungen nicht eingehalten und sich bei Leuten verschuldet, die, wie es eine Zeitung ausdrückte, "keine Gerichtsvollzieher brauchen, um Schulden einzutreiben". Bei einer Verkehrskontrolle im Februar wurde Jacek Debski neben einem Boss der "Pruszkow-Gang" im Wagen erwischt, einer Bande, die den größten Teil des organisierten Verbrechens in Polen in der Hand hat. Mit einem einflussreichen Rauschgifthändler in Wien soll Debski in telefonischem Kontakt gestanden haben.

Auch wenn die Polizei ihre Ermittlungen noch weitgehend geheim hält - vielen Polen ist Debskis Lebensstil Beweis genug für seine Mafiakontakte: das schnelle Auto, die hohen Nachtclub-Rechnungen. Wie konnte er sonst so aufwendig leben? Debski war doch arbeitslos. Premier Jerzy Buzek hatte ihn letztes Jahr im Februar aus seiner Regierung geworfen. Seitdem hatte er nicht wieder einen Job gefunden. Anlass für den Rausschmiss war ein Zeitungsinterview, in dem Debski von einer Intrige gegen den Präsidenten Aleksander Kwasniewski berichtete. Er behauptete, führende Politiker der regierenden Parteienallianz hätten ihn "ultimativ" aufgefordert, belastendes Material gegen den Präsidenten zu suchen. Buzek wollte, dass Debski die Politiker nennt, sonst müsste er gehen. Doch Debski schwieg beharrlich.

Der Fall Debski hat der Debatte über die Verwicklung von Politik und Unterwelt neuen Stoff geliefert. In Polen gebe es keine Mafia, pflegten fast alle der früheren Innenminister vor der Presse zu sagen, erst recht keinen Einfluss der Mafia auf die Regierung. Daran darf gezweifelt werden - schon nach dem Selbstmord des ehemaligen sozialdemokratischen Chefs des Hauptzollamtes, Ireneusz Sekula, vom vergangenen Jahr. Dem werden ebenfalls enge Verbindungen zum organisierten Verbrechen nachgesagt.

Bei der Aufklärung des Debski-Mordes spielt jetzt das Mädchen Inka die Schlüsselrolle. Der Kneipen-Gast, der den erschossenen Debski gefunden hat, hat Inka weglaufen sehen. Die Polizei geht davon aus, dass sie den Mörder erkannt haben müsste. Inka sagt nur, dass sie zu betrunken war, um sich an irgendetwas zu erinnern. Die Staatsanwaltschaft stellte einen Haftbefehl aus, der mit dem Vorwurf begründet wurde, Inka habe es unterlassen, den Mord der Polizei zu melden. Ein teurer Staranwalt vertritt Inka jetzt. Aber ob er ihr wirklich helfen wird? Er bringt sie noch mehr in Verdacht: Er ist der Anwalt der Warschauer Unterweltgrößen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben