Jackson-Abschied : Der letzte Tanz

Hysterie und Masseneruptionen – die immer mächtiger werden, je mehr Menschen sich daran beteiligen. Vorläufiger Höhepunkt: Dienstag, zehn Uhr morgens in Los Angeles, die Trauerfeier für Michael Jackson. 11.000 können dabei sein, Tausende treffen sich auch in Berlin, und ein Siebtel der Menschheit sitzt vor dem Fernseher.

Trauerfeier
Trauerfeier für Michael Jackson - Fan mit Abschiedsplakat. -Foto: dpa

Earl Paysinger hat einiges erlebt in seinem Leben und vor allem in seinem Beruf, denn er ist seit 30 Jahren Polizist in Los Angeles, er hat dazu beigetragen, im berüchtigten Süden der Stadt Bevölkerung und Polizei miteinander auszusöhnen, aber das jetzt, die Trauerfeier von Michael Jackson, das hat neue Dimensionen. Das jetzt, so sagte es Earl Paysinger, einer der ranghöchsten afroamerikanischen Polizeibeamten der Stadt, um drei Uhr früh am Dienstagmorgen bei der Lagebesprechung im Sportraum der Los Angeles Fire Academy, das jetzt stelle selbst die Olympischen Spiele von 1984 in den Schatten.

Sechseinhalb Stunden später strahlen Fernsehsender und Onlinedienste in die ganze Welt, was er damit gemeint hat.

Sechseinhalb Stunden später zirkeln dutzende Hubschrauber wie nervöse Bienen über der Stadt, und es rollt ein schwarzer Leichenwagen vom Friedhof Forest Lawn in den Hollywood Hills elfeinhalb Meilen über den Freeway nach Downtown Los Angeles, zum Staples Center, 1111 Figueroa Street, von der privaten Trauerfeier zur großen, öffentlichen. Der Freeway ist leer, abgesperrt, sechs leere Spuren Richtung Südosten. Der Leichenwagen rollt, ihm folgen drei Dutzend schwarze Autos, in ihnen sitzen die Familienmitglieder – und Beamte der polizeilichen Spezialeinheit SWAT.

Es war erst am Dienstagmorgen bekannt geworden, dass der Sarg im Staples Center gezeigt werden würde. Der goldene Sarg mit dem blauen Samt und dem König des Pop darin.

Gegen zehn Uhr Ortszeit, und damit gut 20 Minuten später als geplant, kommen die schwarzen Wagen am Staples Center an, da haben drinnen die meisten der 11 000 Fans, die bei einer Internet-Lotterie kostenlose Tickets gewonnen oder dafür bis zu 10 000 Dollar auf dem Schwarzmarkt gezahlt hatten, die Plätze längst eingenommen. Und auch die weiteren 6500 Fans, die im benachbarten Nokia Theatre auf einer Leinwand zusehen dürfen.

Tausende sind es auch, die in Berlin zusammenkommen. In der O2-World, einer Veranstaltungshalle, die wie das Staples Center der Anschutz Entertainment Group gehört.

In der Hallenmitte hängt ein riesiger Leinwandwürfel. Darunter, in einem grellen Lichtkegel, steht eine Blume in einer Vase und eine Kerze. Es gibt Leberkäse, Popcorn, Brezeln und Bier.

Die Zuschauer in Berlin haben die Verzögerung bemerkt, weil auf dem Leinwandwürfel quälend lange nur die schwarze Autokarawane gezeigt wird. Es wird immer lauter gemurmelt, telefoniert, gekichert auch. Ein junges Mädchen, das einen Videofilm dreht für ihre Freundinnen, die nicht dabei sein können, findet das unmöglich. Sie ist nahezu die einzige an diesem Abend, die dem Anlass entsprechend gekleidet ist.

Auch in Berlin hatten sie kostenlose Eintrittskarten verteilt. Und auch in Berlin sind unter den Zuschauern der Trauerfeier diejenigen, die gekommen sind, um dabei zu sein, und jene, die etwas verloren haben seit dem 25. Juni, als die Nachrichtenagenturen die Eilmeldung verschickten: Michael Jackson ist tot. Der Mann mit dem Glitzerhandschuh. Der bleichen Haut, der spitzen Nase. Moonwalk. Billie Jean. Thriller. Earth Song.

Seitdem Hysterie, Masseneruptionen, die immer mächtiger werden, je mehr sich daran beteiligen. Vorläufiger Höhepunkt am Dienstag dann: die Trauerfeier, zelebriert als Mammutshow mit anderen Superstars: Mariah Carey, Lionel Ritchie, Stevie Wonder. Jeder für sich ist an normalen Tagen ein eigenes Massenereignis.

Der Prinz, der „King of Pop“ ist tot. Es lebe der „größte Entertainer, den die Welt je erlebt hat“. Das sagt Berry Gordy, der Gründer der Plattenfirma Motown, auf der gleichen Bühne stehend wie Jackson, probend, noch am Abend vor seinem Tod. „Wenn er seinen Moonwalk machte, war ich geschockt: Es war Magie.“ Und dann: „Er entschwand in den Orbit und kam nie mehr zurück.“ Es klingt wie die Feststellung: Michael Jackson ist in den Götterhimmel aufgenommen.

Vergessen sind in diesem Moment sein Lebensstil, die Kindesmissbrauchsvorwürfe. „Thank you Michael, thank you Michael“, sagt der schwarze Bürgerrechtler Al Sharpton und erhält stehenden Applaus, an Jacksons Kinder gerichtet sagt er: „Euer Vater war nicht seltsam. Seltsam waren die Dinge, mit denen euer Vater umgehen musste.“

„I’ll be there“, verspricht die Sängerin Mariah Carey, Stevie Wonder singt „Never Dreamed You’d Leave in Summer“, um Fassung kämpft Brooke Shields, die 13 Jahre alt war, als sie Jackson das erste Mal traf. Dann das große Finale: Die ganze Arena scheint sich an den Händen zu fassen und singt zusammen mit der Jackson-Familie „We Are the World“. Gefolgt von „Heal the World“, die letzten Worte kommen von Jacksons Tochter Paris, 12, die schluchzt: „Du warst der beste Vater.“

Eine Milliarde Menschen sollen der Feier beigewohnt haben, am Fernseher, im Internet oder live in Los Angeles.

In Berlin hat, bevor die Trauerfeier losging, eine junge Frau von ihrer Katze erzählt. Von Tinky, die auch tot ist. Sie wisse nicht, was sich schlimmer angefühlt habe. Sie denkt nach. „Naja, das ist wohl so auf einer Stufe“, sagt sie dann. Sie ist mit ihrer jüngeren Schwester, einem Teenager, da, beide tragen sie T-Shirts mit Jacksons Bild. Er gehörte für sie zur Familie wie Tinky. „Das kommt durch unsere Mutter“, sagen sie, „die ist so ein Riesen-Fan.“ Immerzu sei das „Thriller“-Video bei ihnen gelaufen. „R.i.P.“ haben die beiden auf ein Plakat geschrieben, Rest in Peace, Ruhe in Frieden, und statt des i-Punkts ein Herz gemalt. Und dann steht da noch: „We will always love you“.

Einer, der über 50 Jahre alt ist, der sich wie Michael Jackson gekleidet hat, hält nichts von den jungen Schwärmerinnen. „Ich hab’ mehr Gefühle für ihn als die jungen Leute“, sagt er kämpferisch, als gebe es etwas zu gewinnen. Er sei schon so lange ein Fan, dass er sich kaum noch an die Zeit davor erinnern könne, sagt er, auch er ein Tänzer, Schauspieler, ursprünglich aus dem Libanon. Er sagt: „Mein Leben hing mit an seinem.“

Und woran hing seins?

Weil die Todesursache noch immer nicht klar ist, fehlt dem Michael Jackson im rosenüberhäuften goldenen Sarg im Staples Center das Gehirn. Er wird ohne begraben werden. Ärzte hatten es entfernt, es ist in der Gerichtsmedizin von Los Angeles, doch die abschließende Untersuchung könne erst zwei Wochen nach dem Tod – also frühestens am morgigen Donnerstag – stattfinden. Das Gehirn, wurde erklärt, müsse aushärten.

Jacksons Familie war vor die Wahl gestellt worden, bis zum Ende der Untersuchungen mit der Beerdigung zu warten oder ihn eben ohne Gehirn zu begraben.

Sie haben sich lange nicht entschieden. Sie haben auch nach der Trauerfeier noch geheim gehalten, wo der Sohn und Bruder beerdigt werden soll. Stattdessen stritten sie um sein Erbe, um die Kinder.

L. A. Deputy Chief Earl Paysinger und seine Kollegen waren seit Wochen vor allem mit einer Frage beschäftigt: Wie organisieren wir an diesem Tag die Sicherheit in der Stadt? Zu viel Emotionen, zu viele Leute, mit 250 000 rechneten sie, zu wenig Platz, sogar in der Luft. 3200 Beamte waren im Einsatz. Sie haben Teile des Luftraums über dem Staples Center sperren lassen, weil sie fürchteten, zu viele Hubschrauber mit Kamerateams würden kommen, womöglich zusammenstoßen. Und immer wieder haben sie die Menschen aufgerufen: Bleibt zu Hause, seht fern, kommt nicht her, wenn ihr kein Ticket habt. Ein Ansturm, der nicht zu bewältigen gewesen wäre, blieb tatsächlich aus.

Einer, der ohne Ticket gekommen ist, hat ein Schild dabei: „Gebt nicht mein Steuergeld für Millionäre aus!“, hatte er darauf geschrieben. Das ist die nächste große Frage. Wer bezahlt eigentlich den ganzen Aufwand? Sicherheitsaufgebot, Sanitäranlagen. 2,5 Millionen Dollar soll das gekostet haben, sagt der Stadtrat.

Wenn Earl Paysinger nicht in seinem Büro im Los Angeles Police Department ist, kann es sein, dass er sich mit der Vergangenheit seines Arbeitgebers beschäftigt. Er engagiert sich in der „Los Angeles Police Historical Society“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Geschichte der Polizei, die am 10. März 1869 begann, aufzuschreiben und zu vermitteln. Am Ende des 7. Juli 2009 wird er ein neues Kapitel in diese Geschichte hineinschreiben können.

Aus Los Angeles und Berlin: Rita Neubauer, Daniela Martens, Katja Reimann, Torsten Hampel und Ariane Bemmer

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