Zeitung Heute : Jacques I.

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Von Sabine Heimgärtner, Paris

Kaum waren die Jubelrufe „Chirac, Chirac“ auf der Place de la Republique verhallt, zog sich der wieder gewählte Staatspräsident Jacques Chirac, neuer Held des Landes, Retter der Republik und auserwählter Verhinderer eines Rechtsrucks, in seine vier Wände zurück und dachte über seine selbst gestellte Aufgabe als „Präsident aller Franzosen“ nach. „Ich habe Ihren Aufruf verstanden“, sagte er in Anlehnung an seinen frühen Vorgänger Charles de Gaulle. Der sprach 1958 fast den gleichen Satz aus: „Ich habe die Franzosen verstanden.“

De Gaulle meinte damals den Wunsch vieler Franzosen nach einer Unabhängigkeit Algeriens. Wenig später zog de Gaulle ebenfalls auf die Place de la Republique, um die erste Verfassung für Frankreich zu verkünden. Symbole, die nicht zu übersehen sind. Der bislang eher glücklose 69-jährige Chirac wittert nach dem Schock der Ereignisse der vergangenen Wochen seine Chance, als „Großer“ in die Historie des Landes einzugehen.

Mit seiner Frau Bernadette, die wegen ihrer Fürsorglichkeit und Offenheit in Frankreichs Bevölkerung bislang beliebter war als er, zeigte er sich winkend auf einem Balkon, ganz Monarch. Der „König der Franzosen“, wie der Sozialist und Ex-Wirtschaftsminister Dominique Strauss-Kahn schon vorsorglich vor einigen Tagen spottete. Für den Fall nämlich, dass Chiracs neogaullistische Partei RPR die im Juni anstehenden Parlamentswahlen verlieren würde. „Dann hätte unser Präsident dieselbe Funktion wie die Königin von England“, feixte Strauss-Kahn.

So weit will es Chirac nicht kommen lassen. Nach dem überraschenden Wahlerfolg des Führers der rechtsextremen Front National, Jean-Marie Le Pen, und den darauf folgenden Massendemonstrationen überwiegend junger Parteiloser und vieler Linker, den Aufrufen nahezu sämtlicher Organisationen und Parteien zu einem Votum gegen Le Pen, hat Chirac begriffen, dass er jetzt breite Bündnisse schaffen muss, womöglich parteiübergreifende. „Die zukünftige Regierung wird einen besonderen Auftrag haben. Sie wird sich ausschließlich darum kümmern, auf die Sorgen der Franzosen zu antworten und Lösungen für Probleme zu suchen, die zu lange vernachlässigt wurden.“

Gesagt, getan. Wenige Stunden nach den grandiosen Chirac-Feiern rund um den Platz der Republik erscheint ein kräftiger Mann auf den Stufen vor dem Elysée-Palast, einer, den keiner kennt, roter Schal und grauer Anzug. Es ist Jean-Pierre Raffarin, soeben aus der südwestlichen Provinz des Landes eingetroffen. Wie er künftig die Regierung führen würde, fragen ihn die Journalisten. „Arbeiten, arbeiten, arbeiten“, ist die viel sagende Antwort des 53-Jährigen.

Mit Raffarin hat Chirac einen Mann zum Regierungschef ernannt, der zumindest bis zum Ergebnis der Parlamentswahlen am 16. Juni einen geschickten Kompromiss darstellt. Er gehört nicht Chiracs Partei an, sondern ist Mitglied der Liberalen Demokraten. Als Präsident des Regionalrats von Poitou-Charentes in der südwestlichen Provinz ist er ein Mann des Volkes, ein Mann, der auf dem Land aufgewachsen ist und – wichtig für Chirac: kein Ehrgeizling. Deshalb hat Raffarin den lange als konservativen „Thronfolger“ von Premierminister Lionel Jospin gehandelten Karrieristen Nicolas Sarkozy aus dem Feld geschlagen. Mit der Ernennung dieses neuen Regierungschefs, der nicht aus dem Chirac-Lager kommt, ist der alte und neue Präsident über seinen Schatten gesprungen – eine Geste, über die noch lange diskutiert werden wird.

Noch hat Frankreich in diesem Moment anderes zu tun, als sich über einen Unbekannten als Regierungschef zu freuen. Das Land feiert sich selbst. Die Erleichterung im Land ist enorm. Die Mobilisierung von Millionen von Menschen gegen den Rechtsruck in Frankreich wird in die Geschichte eingehen. Noch bis spät in die Nacht fielen sich auf der Place de la Republique, Symbol für das demokratische Frankreich, wildfremde Menschen in die Arme, Gesänge wurden angestimmt und immer wieder rief die Menge nach Jacques Chirac, dessen sensationelles Ergebnis bei der zweiten Wahlrunde der Präsidentschaftswahlen – 82 Prozent – tatsächlich in die Geschichte eingehen dürfte.

Das Erstaunlichste: Die Mehrzahl der jubelnden Chirac-Anhänger sind Schwarze und Nordafrikaner. Nationalflaggen von Algerien und Marokko wehen über dem Platz. Mit zitternder Stimme gestehen die Kinder von Einwanderern vor den Fernsehkameras, welche Angst sie seit dem ersten Wahlgang am 21. April durchgestanden haben. Le Pen hatte nach seinem Wahlerfolg in der ersten Runde mehrmals verkündet, Frankreich „ausländerfrei“ zu machen. Das massive Votum gegen den Ultrarechten hat Menschen wie Walid erleichtert: „Nun wissen wir wenigstens, dass die Franzosen keine Rassisten sind.“ Überall wird diskutiert. „Wir sind Algerier und 100 Prozent Chirac“, erklärt Dschamal kurz bevor die Menge um Mitternacht den Song „I will survive“ anstimmt, wie 1998, als Frankreich die Fußballweltmeisterschaft gewann. Viele der jungen Maghrebiner, die seit ihrer Geburt in Frankreich gelebt haben, wollen dieses Land als ihres anerkennen und keine Nachteile haben.

Deshalb, so warnt Dschamal: „Chirac ja, aber jetzt müssen wir für die Parlamentswahlen weiter kämpfen.“ Die Erwartungen sind hoch. „Chirac, wir haben dir keinen Freibrief ausgestellt“ oder „Chirac, wir haben dich gewählt, aber der Kampf geht weiter“, heißt es auf Plakaten. Die jungen Ausländer, die eigentlich keine Ausländer sind, wollen bessere Chancen, Gleichberechtigung und vor allem eines: Dass sie von alteingesessenen Franzosen nicht ständig als Schuldige für Kriminalität jeglicher Art herhalten müssen.

Natürlich gibt es auch unversöhnlichere Töne. Vor allem bei der stramm linken Gegendemonstration nur wenige hundert Meter weiter, auf der Place de la Bastille, fordern die Teilnehmer Chiracs Rücktritt, „Chirac ins Gefängnis“ oder stellen einfach fest: „Hilfe, die Rechte ist auf dem Vormarsch.“ Frankreich bleibt in Bewegung.

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