Zeitung Heute : Jäger Schatten-

1904 sind die Indianer am Ende. Da macht sich ein Fotograf auf, ihr Vermächtnis für die Nachwelt festzuhalten.

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Von Andreas Austilat Edward Sheriff Curtis, schon allein der Name klingt nach Wildem Westen. Dazu diese Erscheinung, hünenhaft, an die 1,90 groß, und auf dem Kopf trägt Curtis einen Hut, der aussieht, als wäre eine Straßenbahn darüber hinweggefahren. Ja, dieser Mann, der im Sommer 1904 im Haus Theodore Roosevelts auftaucht, ist ganz nach dessen Geschmack. Denn Roosevelt, Präsident der Vereinigten Staaten, sieht sich selbst als letzten Pionier des Westens. Gut, er ist in New York geboren, hat in Harvard studiert, aber sein Herz hängt immer noch an Dakota, wo er eine Ranch besaß, mitten in der amerikanischen Prärie.

Eigentlich ist Curtis gekommen, den Präsidenten und seine Familie zu fotografieren. Mit einem einzigen Bild hat er sich für diese Aufgabe qualifiziert: Sein Foto der kleinen Marie Fischer aus Seattle wählte eine Jury unter 18 000 Einsendungen als das schönste Kinderporträt Amerikas aus. Nun ist er hier, auf dem PräsidentenLandgut Sagamore Hill und hat nicht nur die Kamera mitgebracht. In seinem Gepäck befinden sich 100 großformatige Bilder, die nur ein Motiv zeigen: Indianer. Denn Curtis hat einen Plan. Er will so viele Stämme der nordamerikanischen Ureinwohner besuchen wie nur möglich, will fotografieren, was von ihrer dem Untergang geweihten Kultur noch übrig ist. Und am Ende wird er die umfangreichste Würdigung dieses Volkes herausgeben, die je erschienen ist. Seine Sammlung soll noch in 100 Jahren das Bild prägen, das von den Indianern im Gedächtnis bleibt.

Curtis weiß, dass dieses Unternehmen weit mehr kosten wird, als sein Fotogeschäft in Seattle abwirft. Er braucht Unterstützung, am besten die des Präsidenten. Roosevelt schaut sich die Aufnahmen sehr genau an. Kein Bild ist älter als zehn Jahre. Aber alle sehen sie aus, als stammten sie aus einer ganz anderen Zeit. Da sind Sioux, stolze Krieger hoch zu Ross, mit Federkronen auf dem erhobenen Haupt und der Waffe in der Hand. So wie damals, vor gut 30 Jahren, als die Sioux und die mit ihnen verbündeten Stämme am Little Bighorn River der US-Armee ihre größte Niederlage in den Indianerkriegen bereiteten. Oder das Bild des wettergegerbten Häuptlings Joseph von den Nez Percé, den gepiercten Nasen, wie der Stamm einst von französischen Waldläufern getauft wurde. Was für ein Gegner war das gewesen.

Natürlich nannten die Nez Percé sich selbst ganz anders und Joseph hieß in der Sprache seines Volkes „Der Donner, der zu erhabenen Berggipfeln hallt“. Das traf die Sache auch besser, denn Joseph hatte sich einst einen Namen wie Donnerhall gemacht. Als die Soldaten kamen und ihm und seinen Leuten befahlen, ihr Land binnen 30 Tagen zu räumen, da ließ der Häuptling die 750 verbliebenen Angehörigen seines Volkes über Nacht die Sachen packen. Aber nicht, um ins Reservat zu gehen, sondern um nach Kanada zu fliehen. Dort hofften die Nez Percé auch in Zukunft nach ihren Vorstellungen leben zu können.

Kreuz und quer zog der Stamm 2400 Kilometer weit durch den amerikanischen Nordwesten, gejagt von über 2000 Soldaten, denen Josephs Krieger beträchtliche Verluste zufügten. Sogar die Zeitungen an der Ostküste berichteten darüber. Am Ende erwies sich Joseph als glänzender Stratege, aber als schlechter Geograph. Die Nez Percé waren nämlich nicht in Sicherheit, wie sie annahmen, sondern befanden sich 65 Kilometer vor der kanadischen Grenze, als sie gestellt, eingekreist und mit schwerem Geschütz beschossen wurden. Joseph streckte die Waffen und hielt jene Rede, die seitdem als Ende einer Ära angesehen wird: „Hört mich an meine Häuptlinge; mein Herz ist krank und traurig. Vom jetzigen Stand der Sonne an, werde ich nie wieder kämpfen.“

Solche Indianer sind 1904 selten geworden. Vom einstigen Stolz dieses Volkes ist nicht viel geblieben, sie sind geschlagen, entrechtet, ihres Landes beraubt. Digger nennt man sie, weil sie im Müll nach Essbarem graben. Im „Overland Tourist and Pacific Coast Guide“, dem populärsten Westküsten-Reiseführer Anfang des 20. Jahrhunderts, werden Indianer allenfalls abfällig erwähnt. Entschließen sich Touristen doch zu einem Besuch im Reservat, äußern sie sich enttäuscht von den elenden Gestalten, die man ihnen dort vorführt.

Von den 30 Millionen Ureinwohnern, die um 1500 in Nordamerika gelebt haben sollen, sind bei der Volkszählung im Jahr 1900 gerade noch 237 196 übrig. Joseph, der Donnerhall, lebt als alter Mann im Reservat, nachdem er jahrelang in Fort Leavenworth interniert war. Allerdings verfasst der Häuptling Petition um Petition, um gegen den Landraub an seinem Volk zu klagen, schafft es sogar, vor Kongressabgeordneten gehört zu werden. Seine Forderung ist einfach: „Lasst mir meine Freiheit als Mensch – zu reisen, Handel zu treiben, meine eigenen Lehrer zu wählen, der Religion meiner Väter zu folgen, für mich selbst zu denken, zu sprechen und zu handeln – und ich werde jedes Gesetz befolgen.“ Auch der inzwischen über 70-jährige Joseph weiß um die Macht der öffentlichen Meinung. Weshalb er gern bereit ist, sich vor Curtis Kamera in Pose zu setzen. Seiner Sache nutzt es nichts.

Roosevelt verspricht Curtis, ein Vorwort für das geplante Großwerk zu schreiben, denn der Präsident weiß, „der Indianer wird bald ausgelöscht“ oder aber Bürger der Vereinigten Staaten sein, so oder so, dann hat er „seinen Wert als lebendiges historisches Dokument vollends verloren.“ Immerhin, zu seiner Inaugurationsfeier im kommenden Jahr wird Roosevelt noch den alten Geronimo einladen, den legendären Apachenführer. Auch der hielt einst mit seinen paar Dutzend Lendenschurzkriegern eine ganze Armee auf Trab. Inzwischen ist er aus seiner Heimat New Mexico deportiert und baut Gemüse an in Pennsylvania.

Curtis hat vor seiner Begegnung mit dem Präsidenten bereits an zwei Expeditionen teilgenommen. Vor allem der Besuch bei den Prärieindianern stimmt ihn enthusiastisch, findet er doch dort die Motive, die am ehesten jener Vorstellung entsprechen, die das zahlende Publikum vom edlen Wilden hat. Und die Indianer sind auch bereit, sich so zu zeigen, wie Curtis sie haben will, frei von jedem zivilisatorischen Tand, mehr noch, gern stellen sie für die Kamera des „Schattenjägers“, wie sie den Fotografen nennen, nach, wie sie einen Angriff reiten, mit viel Geheul und allem Drum und Dran.

Schließlich ist es Roosevelts Schwester, die einen Kontakt zu dem Eisenbahnkönig John Pierpont Morgan herstellt, der zu Curtis wichtigstem Mäzen wird. Morgan will das Werk unterstützen, eine 20-bändige Dokumentation in Wort und aufwendigem Bild über die nordamerikanischen Indianer. Für den Druck setzt Curtis auf die Photogravur, ein aufwendiges Tiefdruckverfahren, das seinen Bildern einen goldbraunen Glanz verleiht. Curtis will die Indianer nicht zeigen wie sie sind, sondern wie sie waren – oder wie er sich vorstellt, wie sie einmal waren. Seine Fotos sollen keine simplen Abbildungen werden, sondern Kunstwerke.

Ein Jahr später lässt Roosevelt Curtis ausrichten, dass Professor Franz Boas von der Columbia Universität schwere Vorwürfe erhoben habe: Der Fotograf arbeite vollkommen unwissenschaftlich. Boas gilt als anthropologische Autorität. Ein Untersuchungsausschuss wird einberufen. Man beauftragt drei wissenschaftliche Kapazitäten mit der Expertise, zwei haben noch nie einen Indianer gesehen, der Dritte hasst den Konkurrenten von der Columbia Universität; das Trio gibt Curtis seinen Segen. Worauf Roosevelt das versprochene Vorwort schreibt.

Tatsächlich sind die Vorwürfe nicht aus der Luft gegriffen. Wie der britische Forscher Mick Gidley sehr viel später nachweist, sorgt Curtis zuweilen selbst für die Kostüme, und die Indianer wissen ihrerseits, was der weiße Mann für bares Geld gern hören würde. Als zwei Indianer zum Beispiel stolz einen Wecker ins Bild rücken, retuschiert Curtis ihn wieder heraus. Was aber nichts daran ändert, dass er ein fleißiger Feldforscher ist, so fleißig, dass seine Frau ihn verlässt, weil sie der Exkursionen zu irgendwelchen Lagerfeuern überdrüssig ist.

Während die Anthropologen der Zeit Indianer mit dem Zollstock vermessen, sogar den Abstand der Nasenlöcher notieren, aber nur selten zu deren Riten eingeladen werden, macht Curtis nicht mehr nur romantische Porträts. Akribisch zeichnet er auf, was er an Gesängen, Geschichten, Fertigkeiten vorfindet. Er wird zum geschätzten Gesprächspartner eines verachteten Volks. Als Häuptling Joseph stirbt, lässt Curtis ihn umbetten und in der Heimat bestatten, aus der man die Nez Percé einst vertrieb.

Bis 1930 hat Curtis 80 Stämme besucht, einen von der Kritik, aber nicht vom Publikum geschätzten Film gedreht und seine 20 Bände über die nordamerikanischen Indianer veröffentlicht, jeder Einzelne ein Kunstwerk. Die Reihe verkauft sich allerdings schlecht. Das Publikum hat sich längst anderen Themen zugewandt, die Wissenschaft will immer noch nichts hören von dem Mann, der herumläuft wie Buffalo Bill. Curtis bleibt nichts anderes übrig, als umzusatteln. In Hollywood arbeitet er als Standfotograf, wirkt an Cecil B. De Milles erster Version von „Die zehn Gebote“ mit. Später versucht er sich erfolglos als Schriftsteller.

Erst posthum wird der letzte Chronist der nordamerikanischen Indianer wiederentdeckt – vom Kunsthandel. Seine Aufnahmen haben unsere Vorstellung von den Indianern so nachhaltig beeinflusst, dass sie bis heute ihr Publikum finden – auch in Berlin. Die Galerie Camera Work präsentiert die Fotos demnächst in einer Ausstellung, Abzüge sollen dort 500 Euro, Originale aus Curtis’ Werkstatt bis zu 6000 Euro kosten.

In welcher Auflage die 20-bändige Curtis-Reihe gedruckt wurde, ist nicht bekannt. Ursprünglich waren 500 nummerierte Exemplare geplant, 272 erschienene Sätze sind nachgewiesen. Für einen einzelnen, mit großformatigen Bildtafeln reichlich ausgestatteten Band werden im Internet Summen bis 22 000 Dollar genannt. Alle zusammen hätte man 1930 für 3000 haben können. Aber wer interessierte sich damals schon für Indianer.

Edward Sheriff Curtis in der Galerie Camera Work, 19. März bis 7. Mai, Kantstraße 149, Berlin Charlottenburg.

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