Zeitung Heute : Jaguar: Allradantrieb für den X-Type

Ingo von Dahlern

Das Geheimnis ist gelüftet. Denn vor wenigen Tagen hat Jaguar verraten, wie seine vierte Modellreihe, die bislang unter dem internen Code X400 entwickelt wurde, heißen wird. X-Type nennt sich der künftig kleinste Jaguar. Er soll der edlen Marke noch jüngere Kunden und unter denen möglichst auch viele Frauen bringen. Und er soll vor allem in die fest gefügte Phalanx der deutschen Anbieter einbrechen, die mit Fahrzeugen wie der C-Klasse von Mercedes-Benz, dem 3er BMW oder dem Audi A4 die Szene der Premium-Anbieter in diesem Mittelklasse-Marktsegment prägen. Für diese sicher nicht leichte Aufgabe zeigt er sich, wie die jetzt bekannt gewordenen ersten Bilder und Daten zeigen, durchaus gut gerüstet.

Schon der erste Blick bestätigt, dass man hier einen typischen Jaguar vor sich hat. Und das nicht im Retro-Look, wie beim eine Klasse höher angesiedelten S-Type, sondern in der Optik, wie man sie vom größeren XK kennt. Dabei ist der breite zweigeteilte Grill sogar ganz bewusst und gegen die Gesetze der Aerodynamik so schräg gestellt, dass der für Jaguar bekannte Haifisch-Look entsteht, der dieses Auto besonders dynamisch und geradezu wie zum Sprung geduckt erscheinen lässt. Es überrascht immer wieder, welche Wirkung dieses eigentlich nur kleine Design-Element entfaltet. Auch aus der Heckperspektive signalisiert dieses Auto mit seinem charakteristischen Hüftschwung, dass man einen Jaguar vor sich hat.

Einen Jaguar, der, auch wenn er der Kleinste im Programm sein wird, ein recht respektables Auto ist. Denn in der Länge misst er immerhin 4,70 Meter - das sind 13 Zentimeter mehr, als bei der neuen

C-Klasse und sogar 23 Zentimeter mehr als beim 3er-BMW. Da überrascht es nicht, wenn der X-Type seinen Konkurrenten mit einem besonders großen Innenraum und vor allen Dingen viel Platz auf den hinteren Sitzen entgegen tritt. Und auch der größte Kofferraum in der Klasse, der X-Type bringt es auf 500 Liter, während die C-Klasse 455 Liter und der 3er-BMW 440 Liter hat, ist bei diesen Dimensionen keine Überraschung. Allerdings muss man den Designern des X-Type bestätigen, dass ihr Entwurf raumökonomisch ausgesprochen überzeugend ist - was ja für die größeren Jaguar-Baureihen nicht unbedingt gilt.

Um die Maße des X-Type noch zu komplettieren: die Breite liegt bei 1,80 Meter, die Höhe bei 1,40 Meter und der Radstand misst 2,70 Meter. Das ist ein interessantes Maß, denn dieser Radstand liegt exakt fünf Zentimeter unter dem des neuen Ford Mondeo. Und mit dem hat der X-Type eine ganze Menge zu tun. Denn er baut auf der ein wenig verkürzten Plattform dieses neuen Ford auf, der soeben erst bei der "aaa 2000" in Berlin seine Deutschland-Premiere feierte und in drei Wochen zu den deutschen Händlern rollt. Denn schließlich gehört Jaguar seit längerem unter das große Ford-Dach. So ist es selbstverständlich, dass man bei der Entwicklung neuer Modelle bei den verschiedenen Ford-Marken Synergien nutzt.

Allerdings wäre es falsch, wenn man aus der gemeinsam für den neuen Mondeo und den neuen

X-Type genutzten Plattform schlösse, der neue Jaguar sei nur ein etwa anders gekleideter Mondeo. Denn Mondeo und X-Type sind trotz der gemeinsamen Basis zwei eigenständige Konstruktionen mit völlig eigenständigen Karosserien und Innenausstattungen. Gemeinsam sind ihnen allerdings einige für die Stabilität und die Crashsicherheit wichtige Strukturen unterm Blech sowie einige Grundlemente des Fahrwerks.

Als erster Jaguar hat der X-Type vorne quer eingebaute V6-Motoren mit seitlich angeflanschtem Getriebe - eine für Fronttriebler typische Bauweise. Doch beim Antrieb geht Jaguar ganz eigene Wege. Denn der X-Type hat einen permanenten Allradantrieb. Ausgestattet ist der mit einer Visco-Kupplung, die abhängig von den aktuellen Traktionsverhältnissen die Antriebskräfte automatisch auf die Räder mit der besten Traktion verteilt. Unter normalen Bedingungen werden 60 Prozent an die Hinterachse geleitet, so dass der X-Type im Fahrverhalten entscheidende Elemente eines Fahrzeugs mit angetriebenen Hinterrädern zeigt.

Mit zwei Triebwerken wird der X-Type an den Start gehen. Beide sind V6-Motoren und beide sind verwandt mit dem schon im S-Type eingesetzten Dreiliter-V6. Dessen Grundkonstruktion stammt zwar von Ford, wurde aber den Jaguar-Bedürfnissen entsprechend in vielen Details modifiziert. Das stärkere Triebwerk ist ein Dreiliter-V6, der mit 173 kW (235 PS) nur unwesentlich schwächer ist als der Dreiliter im S-Type. Mit einem höchsten Drehmoment von 290 Nm bei 4500 ist er kräftig und anzugsstark bereits aus niedrigen Drehzahlen heraus. Den X-Type lässt diese Maschine binnen 7,2 Sekunden Tempo 100 und maximal 235 km/h erreichen - ein rundum sportliches Auto also, das seine Antriebsqualitäten optimal ausspielen kann, da es seine Kräfte über alle vier Räder auf die Straße bringt. So verspricht der kleinste Jaguar, was seine Fahrdynamik angeht, der dynamischste im Programm zu sein, der neben Konkurrenten wie dem Mercedes C 320 und dem BMW 330i eine sehr gute Figur macht. Neben dem Allradantrieb setzt er dabei auf ein Fahrwerk mit Federbeinen vorne und Querlenkern an der hinteren Mehrlenkerachse. Die Fahrdynamikregelung ESP allerdings gehört nach den derzeitigen Planungen nicht zur Serien- sondern nur zur Wunschausstattung.

Alles andere als schwach motorisiert ist der X-Type aber auch mit dem zweiten Triebwerk, einem 2,5-Liter-V6 mit einer Leistung von 160 kW (190 PS), der damit um einiges stärker als der 2,5-l-V6 des neuen Mondeo ist. 8,4 Sekunden für den Spurt auf Tempo 100 und maximal 225 km/h machen auch den kleineren X-Type sehr agil. Beide Motoren sind mit einem Fünfgang-Schaltgetriebe kombiniert. Doch für beide steht auf Wunsch auch eine Fünfgang-Automatik bereit.

Innen gibt sich der neue X-Type als ein typischer Jaguar. Und bei der Gestaltung des Interieurs hat man offensichtlich aus manchem Fehler, den man beim S-Type gemacht hat, gelernt. Über die gesamte Breite des Armaturenbretts reicht ein Holzpaneel, bei dessen Färbung man eine neu entwickelte Technik angewendet hat. Die Rundinstrumente mit ihren Umrandungen aus Chrom haben ihre eigene Optik, sind also nicht nur einfach aus dem Konzernregal gegriffen. Anklänge an die XJ- und XK-Modelle zeigt zudem die Mittelkonsole, auf der wahlweise ein großes Display für ein Navigationssystem untergebracht werden kann. Und bei allen Schaltern und Hebeln hat man sich für ein eigenständiges Design entschieden. Wer in diesem Auto Platz nimmt, hat beim Blick rundum also nicht den geringsten Zweifel, dass er in einem typischen Jaguar sitzt.

Schon im Sommer soll der X-Type, dessen Produktion im Febraur 2001 beginnt, auf den Markt kommen. Und in etwa zwei Jahren soll es neben der Limousine auch einen Kombi geben. Nicht zur Debatte stehen dagegen ein Coupé und ein Cabrio, über die in den vergangenen Jahren öfter spekuliert wurde. Dafür ist es bereits heute so gut wie sicher, dass es nicht beim derzeitigen Motorenangebot bleiben wird. Denn als künftiges Spitzenmodell wird eine R-Version mit einem mit zwei Kompressoren aufgeladenen 3,0-l-V6 mit rund 220 kW (300 PS) vorbereitet Und auch an einem sportlichen direkt einspritzenden Diesel wird intensiv gearbeitet. Ebenfalls fest steht, dass es im X-Type keinen Vierzylinder geben wird. Wenn ein Einsteigermodell mit noch kleinerem Triebwerk und vielleicht auch reinem Frontantrieb realisiert werden sollte, dann nur mit einem 2.0- oder 2,2-Liter-V6.

Bis zu 100000 X-Type sollen bis 2003 von den Bändern des Werks Halewood nahe Liverpool rollen. Dennoch bleibt eine gewisse Exklusivität erhalten. Denn mit Preisen, die voraussichtlich bei 60000 DM beginnen, ist auch der X-Type nicht unbedingt ein Jaguar für jedermann.

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