Zeitung Heute : Jahn gegen Ex-Stasi-Leute in seinem Amt

Gutachten im Mai / Beauftragter will auch über die Mitläufer in der SED-Diktatur reden

Berlin - Der neue Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Roland Jahn, hat für eine „offene Diskussion über Verantwortung“ in der SED-Diktatur plädiert. Viele Menschen wollten nicht wahrhaben, dass auch sie durch Anpassung die Diktatur stabilisiert hätten. „Anpassung hatte in der DDR einen Preis – einen Preis, den meistens andere bezahlen mussten“, sagte Jahn, der seit 14. März als Nachfolger von Marianne Birthler die Behörde leitet und 1983 als Oppositioneller zwangsweise ausgebürgert worden war.

Er wünsche sich „ein Klima, in dem ein Neuanfang auch für Menschen möglich ist, die in der Diktatur Teil des Machtapparats waren“, sagte Jahn dem Tagesspiegel. Es müsse dabei aber „eine Auseinandersetzung geben über die Stellung, die diese Leute in der DDR hatten und wie sie sich verhalten haben. Da müssen sie durch.“ Es sei „wichtig, dass sich jeder selbst darüber klar wird, wie er sich bewegt hat im Mechanismus der Diktatur. Das geschieht mir noch zu wenig.“

47 ehemalige hauptamtliche Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit sind nach Angaben des neuen Bundesbeauftragten noch in seiner Behörde beschäftigt. Er habe ein Gutachten in Auftrag gegeben, um herauszufinden, welche arbeitsrechtlichen Möglichkeiten es in der Sache gebe. „Ich habe zudem begonnen, mit allen Betroffenen zu sprechen. Mir geht es um die Glaubwürdigkeit der Behörde“, sagte Jahn. Der größte Teil dieser Leute arbeite im Wachschutz, aber auch am Empfang. „Jedes Stasi-Opfer, das zu uns kommt, kann einem Ex-Stasi-Mann am Eingang begegnen.“ Bei seiner Amtseinführung hatte Jahn gesagt, jeder Stasi-Mitarbeiter, der nach wie vor in der Behörde arbeite, sei ein Schlag ins Gesicht der Opfer.

Zur tieferen Auseinandersetzung über die DDR-Vergangenheit setzt Jahn auf die Jugend. „Da entwickelt sich etwas.“ Zugleich beklagte er, dass die Opfer des SED-Regimes „zu wenig Gehör“ fänden. „Und solange Opfer unzufrieden sind, müssen wir ihren Empfindungen Respekt zollen. Wenn heute jemand, der gesund verhaftet und krank entlassen wurde, beweisen muss, dass die Krankheit ursächlich mit den Haftbedingungen zusammenhing, dann ist er auf verlorenem Posten“, sagte Jahn.

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