Zeitung Heute : "Jahr des Tourismus": Deutschland - nix wie hin

Horst Schwartz

Im letzten Herbst überraschte Wirtschaftsminister Werner Müller die Reisebranche mit einer Idee: 2001 sollte das "Jahr des Tourismus" werden. Müller wollte "den Schwung der touristischen Entwicklung im Expo-Jahr nutzen und einen Bogen zum internationalen Jahr des Ökotourismus 2002 spannen". Viel Geld war nicht vorhanden: Das Wirtschaftsministerium steuerte eine Million bei, die Deutsche Zentrale für Tourismus gab fünf Millionen Mark dazu. Eine lächerliche Summe für so ein ehrgeiziges Unterfangen. Heraus kam zunächst ein lachendes Strichmännchen mit dem Slogan "Reiseland Deutschland - nix wie hin". Und einige Kritik. Für Hans Peter Nerger, Chef der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM), war das "Jahr des Tourismus" "der Versuch, alten Wein in neuen Schläuchen anzubieten". Der Riss zwischen Zustimmung und Ablehnung ging sogar quer durch die Verbände: Während der Präsident des Deutschen Tourismusverbands, Jürgen Linde, nicht müde wurde, den deutschen Fremdenverkehr auf das Jahr des Tourismus einzuschwören, befand die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes, Claudia Gilles, man hätte "genauso gut das Jahr des Zwergkaninchens ausrufen können" - eine Bemerkung, die ihr zeitweise Hausverbot im Wirtschaftsministerium eintrug.

Verblüffend zufrieden wurde nun Halbjahresbilanz gezogen. Rund 270000 Briefe werden täglich mit dem Stempel "Reiseland Deutschland - nix wie hin" in alle Welt geschickt, konnte die Post auftrumpfen. Die Deutschland-Angebote in den Katalogen der Reiseveranstalter waren verdoppelt und verdreifacht worden. Allerdings, klagt Astrid Clasen-Czaja, bei der TUI für "erdgebundene Programme" und also auch für die Deutschland-Angebote zuständig, sei die Beratungsqualität am Reisebürocounter nur "suboptimal". Nicht nur dort hakt der "Dienst am Kunden". Rolf Seeliger-Steinhoff, Geschäftsführer der Seetel Betriebsgesellschaft, die auch den Ahlbecker Hof auf Usedom betreibt, predigt den Auszubildenen vor allem dies: "Freundlichkeit, Freundlichkeit, Freundlichkeit". Deshalb lobt man im Bundeswirtschaftsministerium ausdrücklich das erheblich gestiegene Engagegement des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes und des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) zur Verbesserung der Servicequalität im Tourismus. Beide Organisationen bieten Seminare und Kurse an.

Die verschiedenen Bundesländer partizipieren auf ihre Weise. Sie nutzen einfach schon längst geplante Veranstaltungen, um zumindest bei einem der monatlich wechselnden Generalthemen mit von der Partie zu sein. Im Dezember sollen sich die Events um "Kultur und Klassik" drehen, im November steht das "Kulinarische Deutschland" im Mittelpunkt, im Oktober werden "Volks- und Heimatfeste" gebührend gefeiert. "Wein und Kunstgenuss" ist das September-Motto. Auf Altbekanntes wird eben flugs das Etikett "Jahr des Tourismus" gepappt.

Das von zahlreichen Rundfunk- und Fernsehstationen, durch Plakataktionen und mit Zeitschriften-Veröffentlichungen unterstützte "Jahr des Tourismus" ist also mehr eine Image- und PR-Aktion als ein Quell neuer Reise-Ideen und -Angebote. "Immerhin sind auf diese Weise Politik und Tourismuswirtschaft miteinander ins Gespräch gekommen", bilanziert Hotelier Seeliger-Steinhoff und Astrid Clasen-Czaja unterstreicht: "Die Aufbruchstimmung hat Kreativität freigesetzt", die nun für Initiativen der Tourismuswirtschaft genutzt werden könnten. "Die touristischen Produkte und deren Vielfalt sind bekannter geworden", freut sich in bestem Marketing-Deutsch

DZT-Chefin Ursula Schörcher. Die Buchungszahlen geben ihr Recht. Trotz des schlechten Wetters im Frühjahr sind in fast allen Urlaubsregionen von Januar bis Mai die Übernachtungszahlen gestiegen, in Bayern beispielsweise um 5,1 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern sogar um 11,5 Prozent. In ganz Deutschland wurden in diesem Zeitraum 6,2 Prozent mehr Übernachtungen von ausländischen Gästen registriert, die im Expo-Jahr 2000 schon einmal um 10,9 Prozent zugenommen hatten.

"Die Aktivitäten zum Jahr des Tourismus führen wir auch im nächsten Jahr fort!" verspricht deshalb DZT-Chefin Schörcher. "Alle wollen weitermachen!" schwärmt Gisela Hammers-Stritzek aus dem Wirtschaftsministerium. Doch nebenbei, so fordert die Tourismuswirtschaft, sollen auch die Politiker ihre Hausaufgaben machen. Einige Punkte aus dem derzeit bei Verbänden und Veranstaltern diskutierten Forderungskatalog: "Risikokapital für innovative Existenzgründer in der Tourismuswirtschaft" (Clasen-Czaja), Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, Abschaffung der Trinkgeldsteuer, Green Card für ausländische Arbeitnehmer im Gastgewerbe, Liberalisierung der Öffnungszeiten, aktives Baustellen-Management... Die Aufgaben würden für ein Jahrzehnt des Tourismus reichen.

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