Zeitung Heute : Jahrelanger Bergrutsch: Ein Dorf auf Talfahrt

Peter Linden

Der Ingenieur Elio Genazzi kommt nicht nach Hause wie ein normaler Mensch. Wenn der 47-Jährige seinen eisernen Schlüssel dreht, wenn er die schwere, hölzerne Türe öffnet, wenn er sie wieder schließt, dann forschen seine Hände nach Reibung, und seine Ohren horchen nach ungewöhnlichen Geräuschen. Jedes Knarren, jeder kleinste Widerstand könnte ein Indiz dafür sein, dass es wieder losgeht. Dass die Erde unter dem Tessiner Bergdorf Campo wieder wandert. Dass sein Haus und die Häuser der Nachbarn und die Ställe und die Kirche wieder ein Stückchen näher an den Abgrund gerückt sind, in dem die reißende Rovana dem Lago Maggiore entgegenrauscht.

Seit 1892 führen die Menschen in Campo Buch darüber, dass etwas mit ihrem Dorf nicht stimmt. Wahrscheinlich waren die fruchtbaren Almen am Fuße des 2330 Meter hohen Bombögn schon früher in Bewegung geraten, doch 1892 gab es die ersten Risse im Kirchturm. Auf einmal standen Grabsteine schief. Und irgendwann auch die Mauern der Häuser. Was blieb übrig, vor 100 Jahren, als einfach zu messen? Aus dem Jahr 1927 ist festgehalten, dass die Kirche zwei Meter vierundachtzig tiefer stand als zur Jahrhundertwende. 1940 waren es vier Meter zweiundachtzig. Und 1987 sechs Meter achtundvierzig. Doch die Kirche war nicht nur eingesunken. Im selben Zeitraum war sie siebenundzwanzig Meter Richtung Osten gewandert.

Würde Elio Genazzi nicht den Flügel eines prunkvollen Palazzos bewohnen, er hätte sich längst eine neue Bleibe suchen müssen. Doch die Mauern, einen Meter dick, widerstanden der Talfahrt ebenso wie die hölzernen Decken und die Türstöcke aus Speckstein. Sie hatten solide gebaut, die Händler der Familie Pedrazzini, damals, zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Voller Stolz hatten sie ihren Reichtum heimgeholt in das steile Seitental der Maggia, hinauf auf 1317 Meter Höhe. Unten in Locarno blickte man mit Respekt nach Campo. 1500 Menschen wohnten dort, und die Pedrazzinis leisteten sich die Dienste eines Giuseppe Mattia Borgnis, um der Pfarrkirche besondere Fresken zu schenken.

Heute leben noch 50 Menschen in Campo, und viele Häuser gibt es nicht mehr. Ganze Ortsteile sind in die Rovana gestürzt, die sich immer tiefer ins weiche Gestein wühlt. Sein Großvater, erzählt Elio Genazzi, habe noch auf dem Pferd bequem hinunter zum Fluss reiten können, um dort zu fischen. Heute thront Campo auf einer 200 Meter hohen Klippe aus Geröll. Unten am Fluss stehen die Warnschilder sogar auf der gegenüberliegenden Seite. Dort kann man den Steinschlag hören und sein Furcht erregendes Echo.

"Wir sind immer auf Reisen"

Die Wissenschaftler wissen erst seit kurzem, was unterhalb von Campo vorgeht. Die Flanken des Bombögn sind zum Teil bedeckt von einer bis zu 200 Meter dicken Gesteins- und Vegetationsschicht. Wenn es regnet, sickert das Wasser durch diese Schicht bis auf eine undurchlässige Haut aus Fels und Lehm. Dort unten sammelt es sich und fließt, parallel zum abschüssigen Gelände, auf die Rovana zu. Wenn es wenig regnet, reicht der Druck des Erdreichs, um Campo stabil zu halten. Wenn es viel regnet oder in Zeiten der Schneeschmelze fließt so viel Wasser unterhalb Campos dahin, dass das Erdreich keinen Halt mehr findet und mitrutscht.

Die 50 Menschen in Campo leben, als ob es die tickende Zeitbombe gar nicht gäbe. Elio Genazzis Tante Hilde, 76 Jahre alt, berichtet von einem Oktobertag im Jahr 1985, als sie mit ihrer Schwester Giovannina Kartoffeln vom Acker holte. "Plötzlich", sagt Hilde Lanzi mit starrem Blick, "wurde es hell." Die Rovana hatte den Lärchenhain am Rand des Ackers verschluckt. Dann lacht Hilde Lanzi auf einmal wieder und scherzt: "Wir haben keine Angst. Wir Einwohner von Campo sind halt immer auf Reisen." Als ob sie freiwillig gereist wären, die Menschen aus Campo. Zu Hunderten wanderten sie zwischen 1850 und 1930 nach Amerika aus, weil die Almböden nicht alle ernähren konnten. Nur wenige fanden wie die Pedrazzinis ihr Glück.

Es ist wahrscheinlich Trotz, weshalb Elio Genazzi an jedem freien Wochenende in sein Haus kommt. Noch immer sind die Reparaturarbeiten an dem Palazzo der Pedrazzini nicht beendet, und da, wo sie beendet sind, tun sich schon wieder kleine Risse auf. Elios Wohnzimmer: Das wirkt wie der Salon eines Schiffs auf hoher See. Schief die Wände, schräg der Boden, schräg der Tisch. Sieben Prozent Gefälle waren es, bevor Elio Genazzi zwei Stufen einbaute. "Doch noch immer", sagt er, "kann ich mein Weinglas nicht ganz voll machen." Weil der Palazzo bedrohlich vornüberkippt, hat man vor einiger Zeit den nördlichen Flügel abgerissen. Inzwischen sind die Schieferdächer das größte Problem. Nach vorne immer steiler, liegen sie hinten immer flacher, und wenn nichts passiert, wird das Regenwasser bald in die Speicher fließen.

Früher hat die Kantonalregierung Campos Problem einfach ignoriert. Die Bergdörfer im Tessin, Siedlungen aus Fels und Schiefer mit Kopfsteingassen und Dorfbrunnen, waren sich selbst überlassen. Am Fuße der Täler nutzte man die Nähe zu den Städten und lockte Tagestouristen mit Höhlenrestaurants oder Kleinkunstbühnen. Ganz oben, zum Beispiel in Fusio, probten und proben die wenigen Dauerbewohner den Wandel zum rustikalen Ferienort für stille Wanderer. Doch viele Dörfer standen auf einmal verlassen wie Larechia oberhalb des Bavonatals, wo nie eine Postkutsche hingelangte und auch kein Strom.

Eine Ausnahme, so scheint es, bildet Campos Nachbar auf der anderen Seite des Bombögn. Weil die Menschen in Campo damals keinen Sinn hatten für die Segnungen des Wintertourismus, entstand der erste Skilift der Region jenseits des Quadrella-Passes in der deutschsprachigen Siedlung Bosco Gurin. Bald bauten sie noch einen Lift und noch einen. Und dann holten sie sich die ersten Schneekanonen. Jetzt sprechen sie sogar von einer alpinen Metro für 40 Millionen Franken hinüber nach Fondovalle in Italien. Skifahrer aus Mailand wären binnen eineinhalb Stunden oben auf den baumlosen Hängen der Großalp. Bosco Gurin, so die kühne Fantasie, wird sich als einziger Tessiner Skiort mit den ganz Großen messen: mit Davos, Arosa, Sankt Moritz.

Das Dorf gegenüber wird reich

Vielleicht ist die Aussicht auf Reichtum der Grund, weshalb die meisten Menschen in Bosco Gurin im Moment recht unglücklich dreinschauen. Jahrhunderte lang hatten sie ihre Identität als Walser gewahrt, waren unter sich geblieben, sprachen ihren alten Dialekt, errichteten ihre typischen Holzhäuser mit den winzigen Fensterchen, die dazu dienen, die Seelen der Gestorbenen entweichen zu lassen. Und jetzt entsteht ein neues Hotel. Es entsteht ein großer Parkplatz. Es entsteht eine Schranke mit Videoüberwachung an der Ortseinfahrt. Erika Della Pietra, die jeden Tag das Museum von Bosco Gurin hütet, schimpft auf das Fernsehen, das "eine ganz gemeine Sendung" über die aus Bosco Gurin gezeigt habe. Doch dann gesteht sie, dass unter den 92 Einwohnern eine Menge nichts von dem vier Kilometer langen Tunnel für Skifahrer halten. Und dass sie überhaupt keine Einigkeit im Dorf hätten, was die Zukunft betrifft.

Dreimal im Jahr wandert Erika Della Pietra hinüber nach Campo. Oberhalb des Wasserfalls, am Bergbach, der zwischen den Felsen durch alpine Blumenwiesen gluckst, da ist Erikas Welt in Ordnung. Irgendwann verstummen die Kuhglocken, dann rauscht nur noch der Wind durch die Wipfel einzelner Lärchen, die hier Platz genommen haben, gut 100 Meter oberhalb der offiziellen Baumgrenze. Vom Quadrella-Pass aus sieht alles so idyllisch aus: der weite Kessel oberhalb von Bosco Gurin, die Almen, sogar der Sessellift, das Perpetuum Mobile der alpinen Freizeitgesellschaft. Auf der anderen Seite geht es in sanften Wellen hinunter zu Viglia, die bald ihren 35. Sommer auf der Alm verbringen wird, ganz alleine mit fünf Kühen, zwei Schweinen und fünf Hühnern. Dreimal hat Viglia es erlebt, dass der Boden einfach nachgab und ein Kalb in einem Loch verschwand. So ist das, mit den sanften Wellen oberhalb von Campo.

Erika ist 65, Viglia 73. Dreimal im Jahr begegnen sich die alten Frauen. Wenn Wanderer aufbrechen auf die andere Seite, lassen sie einander Grüße ausrichten. Ansonsten interessieren sich die Menschen von Bosco Gurin nicht für die Menschen in Campo. Und die von Campo nicht für jene in Bosco Gurin. Dabei hat ausgerechnet Elio Genazzi, der Ingenieur aus Campo, die delikate Aufgabe zu ermitteln, ob das Projekt mit der alpinen Metro wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll ist. Gleichzeitig betreut er die Arbeiten, die entlang der Rovana eingesetzt haben, um die Hochebene von Campo zu retten.

Dem Riesen ins Fell pieksen

Seit Wissenschaftler errechnet haben, dass ein Absturz Campos zu einer Katastrophe führen könnte, die sogar die 40 Kilometer entfernten Städte Locarno und Ascona bedroht, handelt der Kanton. Das Szenario, das dazu führte, dass nun über 80 Millionen Franken bereitstehen, reicht aus, einen Horrorfilm zu drehen: Der ganze Hang von Campo rutscht auf sechs Kilometern Länge ins Bett der Rovana. Ein Stausee bildet sich, in dem sich Millionen Kubikmeter Wasser, Geröll, Schlamm ansammeln. Dann, in der Nacht nach einem der heftigen Herbstregen, bricht der Damm. Und binnen Minuten wälzt sich eine tödliche Masse das Vallemaggia hinunter bis zum Delta am Lago Maggiore.

Nachdem dieses Szenario die Regierung in Bellinzona erschreckte, begannen rund um Campo Bauarbeiten. Senkrechte Bohrungen zu den unterirdischen Wasserläufen dienen als Drainage. Die Rovana hat auf der anderen Seite des Tales einen Felskanal erhalten, durch den ein Teil des Wassers abgeleitet wird, damit die Erosion im Flussbett nicht weiter voranschreitet. Und nun bauen sie am Fuße der Felswände des Bombögn, an jenen Stellen, wo Quell-, Regen- und Schmelzwasser unter die Vegetationsschicht dringen, kleine Umleitungsmauern. Die Arbeiter, die da nach Genazzis Berechnungen irgendwo im steilen Bergwald harken und schaufeln, sehen aus wie Zwerge, die einem Riesen ins Fell pieksen. Der Riese heißt Bombögn, und seit sie ihn pieksen, hat er sich tatsächlich nicht mehr bewegt.

Wird Campo überleben? Selbst, wenn sie es schaffen, den Hang zu stabilisieren nach all den Jahrzehnten, wer bliebe dort? Hilde Lanzi, Elio Genazzis Tante, scheint noch so rüstig mit ihren 76 Jahren. Viglia, die Almwirtin, wirkt fast jugendlich trotz ihrer weißen Haare. Doch samstags in der Kirche sieht man nur diese jugendlichen Alten und vielleicht ein, zwei Paare mit Kindern, die gerade zu Besuch bei den Großeltern sind. Der Pfarrer predigt den Leuten, sie sollten wieder mehr Platz für Jesus machen. Doch was vor allem fehlt, ist Platz für die Jungen. Es gibt keine Arbeit in Campo. Es gibt keine Perspektive.

"Vielleicht", sagt Elio Genazzi hoffnungsvoll, "kommen ja bald Touristen, um unseren Erdrutsch zu besichtigen, Europas größte Erosionsfläche." In der Pension Porta werden zurzeit Zimmer hergerichtet, damit man in Campo wieder übernachten kann. Die Besitzerin hofft, dass es ein paar Menschen spannend finden, unten am Fluss zu sitzen und zu warten. Zu warten, bis die letzte Scheune, die noch an der Kante zum Abgrund sitzt, hinunter in die Rovana kracht wie all die Häuser vor ihr.

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