Jan Josef Liefers : "Mit Männern kann man besser schweigen"

Er könnte längst lesen, was die Stasi über ihn gesammelt hat, doch er hat keine Lust. Und heute sagt Jan Josef Liefers: Ostalgie-Shows kotzen mich an.

Interview: Andreas Austilat Esther Kogelboom

Jan Josef Liefers, 44, ist durch die Rolle des Gerichtsmediziners Boerne im "Tatort" bekannt geworden. Zurzeit steht er mit seiner Band Oblivion auf der Bühne: Am 17. Februar präsentiert er als Sänger den Soundtrack seiner DDR-Kindheit in der Kreuzberger Passionskirche. Liefers lebt mit Anna Loos und zwei Kindern in Berlin.

Herr Liefers, Sie waren neben Ulrich Mühe, Jens Reich und Marianne Birthler einer derjenigen, die am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz vor Hunderttausenden geredet haben. Erinnern Sie sich an Ihren Auftritt?

Ich musste zwischen den Sätzen lange Pausen machen, weil die Schallwellen sich sehr langsam verbreitet haben – die olle Technik damals ver ursachte ein gigantisches Echo. Danach kam ein älterer Herr und bot mir ein Stück Pflaumen kuchen an. Ein Freund flüsterte: „Hey, das ist Markus Wolf.“ Ich: Markus Wolf? Er: „Ja, Markus Wolf, der Chef der Auslandsspionage!“ Ich: Moment mal, der Markus Wolf, der mit 170 Identitäten durch die Welt fährt und von dem noch nicht mal der Mossad ein Foto hat?

Haben Sie den Kuchen genommen?

Klar. Das war ein historischer Pflaumenkuchen! Ich dachte, okay, das war’s jetzt mit der DDR.

Auf dem Podium sagten Sie: „Zur ganzen Frage der führenden Rolle der Partei überhaupt meine ich schon, dass sie zur Disposition gestellt werden muss.“ Hatten Sie keine Angst?


Nein, obwohl es um das Fundament der Diktatur des Proletariats ging. Die führende Rolle der Partei war ja in der Verfassung verankert. An diesem Tag hat noch niemand damit gerechnet, dass bald die Mauer aufgehen würde und das Land wenige Monate später nicht mehr existiert.

Sie haben bei dem Oscar-nominierten Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ mitgespielt. Er beginnt mit der Demonstration gegen den Schah von Persien, die von der Polizei niedergeschlagen wird.

Die Bilder wiederholen sich durch die Zeiten. Gewalt erzeugt die immer gleichen Bilder: Leute haben die Schnauze voll, protestieren, kriegen eins auf den Deckel. Ich kann den Weg der Kerntruppe der RAF in seiner Konsequenz nicht nachvollziehen. Das hätte für mich nicht gestimmt. Ich glaube aber, dass es für junge Leute heute schwieriger ist, als es für mich war, zu erfahren, wie das ist, wenn man sich widersetzt. In der DDR musste man seine Gegner nicht lange suchen. Eins fix drei standen sie vor einem, sobald man von der Linie abwich.

Dann kam der 9. November 1989 …

Ich spielte brav im Deutschen Theater, wo ich damals engagiert war. Ich glaube, es war „Ein Monat auf dem Lande“ von Iwan Turgenjew. Nach der Aufführung bekam ich mit, dass am Tränenpalast die Hölle los war. Ich quetschte mich durch, es war eine Wahnsinnsnacht. Zuerst habe ich eine Freundin in Kreuzberg besucht, dann bin ich zum Ku’damm. Da war schon im Kleinen zu sehen, was sich später an schwer überbrückbaren Unter schieden zeigen sollte.

Was meinen Sie?

Na, zum Beispiel die fetten Autos, die sich in den Morgenstunden den Weg frei hupten, und dann die Szenen, als die Leute ihr Begrüßungsgeld ab geholt haben. Ich konnte verstehen, dass da rumgeschubst wurde, aber es war mir ein bisschen peinlich. Ich wollte mir die 100 Mark auch ab holen, aber lieber warten, bis es ruhiger wurde.

Wofür haben Sie Ihr Begrüßungsgeld ausgegeben?

Damals tranken alle Café au lait aus Schalen, das habe ich gerne mitgemacht. Als das Geld alle war, habe ich ein Buch geklaut: „In the Country of last Things“ von Paul Auster. Ich dachte, das passt irgendwie. Später habe ich Auster auf einer gemeinsamen Lesung kennengelernt und ihm diese Geschichte erzählt. Ich mag es, wie sich Kreise manchmal schließen.

Sie sind gerade auf Tour mit dem Soundtrack Ihrer Kindheit, singen Lieder von Renft, den Puhdys, Lift und Silly. Nutzen sich die Erinnerungen dadurch ab?

Erst mal puste ich den Staub runter, dann sind sie wie neu. Wenn ich genug davon habe, dann kommen sie wieder in den Schrank zu den anderen Erinnerungen.

Werther Lose von Lift hat uns erzählt, er mag, was Sie machen. Freut Sie das?


Ja, freut mich ehrlich. Sie müssen sich vorstellen, als wir zum ersten Mal auf der Studiobühne im Admiralspalast gespielt haben, saßen er und Maschine und Herzberg und die Sillys und noch weitere Originale im Publikum. Das war eine spezielle Art von Aufgeregtheit bei mir.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit „Am Abend mancher Tage“?

„Am Abend mancher Tage, stimmt die Welt nicht mehr, irgendetwas ist zerbrochen, wiegt so schwer.“ Das ist ein Song von Lift, der sich mir eingebrannt hat, als mir gesagt wurde, dass ich kein Abitur machen darf. Weil ich aus einem Künstlerhaushalt kam, hatte ich schlechte Karten. Meine Noten waren gut, trotzdem bekam ich eine 4 in Betragen. Dann tauchte ein Typ von der Armee auf: Wenn ich eine Unteroffizierslaufbahn einschlage, könnte man noch mal über alles reden. Er hatte ein Papier mitgebracht, das ich unterschreiben sollte.

Sie haben nicht unterschrieben?

Nein. Ich fühlte mich gut dabei, war aber auch deprimiert. Unzählige vielversprechende Lebenswege sind wegen solcher Arschlöcher auf dem Abstellgleis geendet. Es wurde gerne Druck aus geübt im Osten, erpresst.

Kurt Demmler schrieb für Lift das Lied „Mein Herz soll ein Wasser sein“. Er erhängte sich diese Woche in Untersuchungshaft.

Es gibt oft Helden, die zu einer Zeit gefeiert werden und dann keine mehr sind. Demmler hat viele gute Songs geschrieben. Aber er hat auch eine Grenze überschritten. Er hat offenbar seinem düsteren Trieb nicht widerstehen können, minderjährige Mädchen sexuell zu missbrauchen. Dafür stand er zu Recht vor Gericht. Das alles, inklusive seines Freitods, ist die Kehrseite eines begabten, aber auch kranken und zerrissenen Typen.

Werden Sie weiter Lieder von Demmler singen?

Ja. Die Lieder haben nichts verbrochen.

Woran denken Sie, wenn Sie „Als ich ein Vogel war“ von Renft singen?

Das Lied stammt aus dem Defa-Film „Für die Liebe noch zu mager?“. Mit dem Liebeskram konnte ich damals nicht viel anfangen, aber in dem Song ging es eigentlich um mich, fand ich. Was immer ich tat, um auf mich aufmerksam zu machen, es interessierte niemanden. Für manche klingt der Text kompliziert, aber er hat diese für gute DDR-Texte typische Poetik, hinter der sich Kritik, Aufruhr oder einfach die Wahrheit verstecken mussten, um durch die Zensur zu kommen.

Was ist mit „Anna Maria“ von den Roten Gitarren?

Die Antwort auf alle Fragen war: Engtanzen. Und das fing früh an. So ab der dritten Klasse.

In der dritten Klasse? Sie idealisieren Ihre Jugend.

Vielleicht war es auch erst in der fünften. Ich war zwar interessiert, aber schüchtern.

Wie ostalgisch sind Sie eigentlich?


Gar nicht. Ich mache drei Kreuze, dass es die DDR nicht mehr gibt. Diese Ostalgie-Shows im Fern sehen, in denen irgendwelche Gestalten sich in ihre FDJ-Hemden zwängen und verlegen an ihrer Vita-Cola nippen, kotzen mich an. Für Ostalgie bin ich zu kritisch aufgewachsen. Dabei war klar, dass nicht alles gesagt werden durfte, was am Küchentisch erzählt wurde. Jeder zweite Witz handelte von Honecker: „Wer wird der nächste Staatsratsvorsitzende? Der mit dem besten EKG.“

Und woher wussten Sie, dass Sie solche Witze besser nicht in der Schule erzählen?

Das wusste jeder gelernte DDR-Bürger. Einmal bin ich zur Staatsbürgerkunde-Prüfung in einer Mustang-Jeans erschienen und behauptete, dass mein FDJ-Hemd nass auf der Leine hängt. So etwas reichte, um zum Direktor zu müssen.

Wie haben Sie damals Musik gehört?


Schallplatten, später Kassetten. Ich hatte viel Zeit für mich alleine und hab mich mit der Musik regelrecht weggeschossen – nicht nur mit Ostrock, lieber waren mir Pink Floyd, Bob Dylan, die Beatles. Natürlich spielte Sehnsucht eine große Rolle.

Hatten Sie Sehnsuchtsorte?


Wir fuhren häufig mit der Bahn. Der Zug von Dresden nach Berlin kam aus Wien und endete in Hamburg. Aber die Warnhinweise waren in vier Sprachen geschrieben: deutsch, russisch, italienisch und französisch. Ich dachte, wo zum Kuckuck gibt es hier Italiener und Franzosen? Das Gefühl vom Eingesperrtsein milderte sich, weil ich wusste: Eigentlich liegen die Gleise da, es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir nicht mehr aussteigen müssen. Irgendwie war ich schon bereit für die Welt.

1988 wurden Sie für eine Defa-Produktion ausgewählt, Alexander von Humboldt zu spielen. Sie reisten an Originalschauplätze nach Ecuador.

Ein Wunder, dass ich überhaupt gecastet wurde. Auf meinen Fotos war ich damals ziemlich dick. Ich hatte mir auf der Schauspielschule was angefressen, weil ich keine jungen Liebhaber spielen wollte. Die waren wohl so verzweifelt, dass sie dachten: Lass uns den Dicken auch noch einladen. Ich hatte ja schon wieder abgenommen.

Waren Sie nach den Dreharbeiten in Ecuador noch derselbe?


Nein. Wir hatten da mit Einheimischen gedreht, zum Teil auf 5500 Meter Höhe. Ich schwebte auf einer Euphoriewolke, so sollte das Leben sein. Ich hatte vorher eine neue Wohnung zugewiesen bekommen, und als ich dann doch zurückkehrte, fragte ich mich: Wer wohnt eigentlich hier?

Vor zwei Jahren wollten Sie mit dem Motorrad durch Südamerika fahren, mussten das Unternehmen aber abbrechen, weil Sie einen Unfall hatten.

Die Reise war bis zu dem Unfall grandios. Dann war da dieser Junge auf der Straße, mit einem Fahrrad ohne Bremsen, ich konnte nicht ausweichen. Wir haben ihn ins Krankenhaus gebracht, zum Glück hatte er keine bleibenden Schäden.

Der Sender dmax hat Ihre Reise begleitet, und …

…für meinen Geschmack etwas boulevardmäßig- reißerisch aufgemacht. Ich habe den Geist der Unternehmung vermisst. Mein Kumpel Tobias, mit dem ich unterwegs war, und ich wollten unsere Erlebnisse mit allen teilen. Allerdings dachten wir dabei nicht an Unfälle.

Ihr Trip sollte ein echtes Männerabenteuer werden.

Männerfreundschaft ist super, aber es gibt nichts, wovon ich mir nicht vorstellen könnte, es auch mit meiner Frau zu besprechen.

Was war der Auslöser für Ihre Freundschaft?


Der erste Tag an der Schauspielschule. Tobias und ich, wir standen lieber am Rand des Turnraums, rauchten Pfeife und sahen den anderen wortlos dabei zu, wie sie verschiedene Tiere spielten und die entsprechenden Laute von sich gaben.

Sie haben bestimmt bei der Reise viel geschwiegen.

Schweigen kann man mit Männern besser. Wenn du mit einer Frau zusammen bist, und sie 15 Minuten nichts sagt, weißt du, dass du ein Problem hast.

Warum haben Sie erst nach der Wende Ihren Motorrad-Führerschein gemacht?

Schön blöd. Ich Idiot hätte einfach nur ein Kreuzchen mehr auf dem Formular für den Auto-Führerschein machen müssen. Aber ich hatte mal eine Schwalbe, die mir auf dem Alex geklaut wurde.

Sie haben mal gesagt: Ich muss mich nicht für meine Jugend schämen. Wie kommen Sie darauf, dass Sie es müssten?

Das hab ich gesagt? Muss lange her sein. Das ist einer der Gründe, weswegen ich lange nicht öffentlich über die DDR reden wollte. Am Ende kommt man doch immer in eine Verteidigungs haltung, und das will ich gar nicht. Ich wollte auch kein Vorzeige-Ossi werden und bei dieser Art besonders lieb gemeinter Diskriminierung mit machen. Als ich in Hamburg lebte, hat immer wieder mal jemand ganz erstaunt gesagt: „Was, du kommst aus dem Osten? Merkt man gar nicht.“ Ja Gott, woran soll man das denn merken? Keiner wollte es mir erklären.

Sie sind nach der Wende direkt vom Deutschen Theater ans Thalia gewechselt. Dabei hatten Sie noch ein anderes verlockendes Angebot.

Claus Peymann hatte mich nach Wien zum Burgtheater eingeladen. Da saßen wir an seinem Schreibtisch und guckten uns freundlich an. Ich dachte: Er hat mich eingeladen, jetzt muss er auch was sagen. Irgendwann meinte er, er könne sich vorstellen, dass es in seinem Ensemble einen Platz für mich gäbe. Ich fragte: Herr Peymann, welche Stücke wollten Sie immer schon auf die Bühne bringen, konnten aber nicht, weil ich nicht hier war? Da hat er gelacht: So sei es auch wieder nicht.

Und wie war Ihr Empfang am Thalia?

Jürgen Flimm fuhr mich direkt zur Probebühne in Altona. Der Erste, der mir dort entgegenkam, war Tom Waits. Drinnen saß William S. Burroughs. Und Bob Wilson machte Regie. Ich lernte das Ensemble kennen, und alles war klar. Da sind ein paar Knoten bei mir aufgegangen.

Haben Sie später Akteneinsicht beantragt?


Ja. Aber die Benachrichtigung, dass ich meine Akte lesen kann, erreichte mich nie, weil ich umgezogen war. Irgendwann bekam ich eine Nachlese, es wurden noch weitere Unterlagen gefunden: der Brief einer jungen Dänin, mit der ich mal im Zug geknutscht hatte. Spannend, was?

Aber im Wien–Hamburg-Zug wurden die Abteile von Stasi und Armee bewacht, damit Ostdeutsche dem Rest der Welt nicht begegnen konnten.

Man muss halt wissen, wie man ein Schloss knackt. Däninnen wissen so was offensichtlich.

Die eigentliche Akte haben Sie nie gelesen?


Nein, inzwischen interessiert es mich nicht mehr. Vielfach wusste man eh, wer dazugehörte. Einmal wollte mir ein fremder Typ ein Gespräch aufdrängen. Es waren oft nicht gerade die Schlauesten.

Herr Liefers, mit welcher Figur aus dem Münsteraner „Tatort“ wären Sie lieber befreundet: mit Boerne oder Thiel?

Ich mag beide. Boerne ist ein Snob, aber wenn die Arbeit ruft, dann wühlt er sich notfalls mit seinem italienischen Anzug durch den Schlamm.

Der Regisseur des Münster-„Tatorts“ hat erzählt, Sie würden als Boerne nach einer langen Drehnacht um sechs Uhr morgens mit Schirmen werfen.

So ist mein Beruf. Boerne ist ein Verrückter. Er hat Kohle, man mag solche Leute nicht unbedingt. Der wirft beim Betreten des Restaurants mal eben einem Kellner seinen Schirm zu. Er schläft im Fünf-Sterne-Hotel, mir reicht eine Bushaltestelle.

Eine Bushaltestelle?

Ja, als ich mit Tobias auf dem Fahrrad 2000 Kilometer durch die USA fuhr, hatten wir noch nicht mal ein Zelt dabei.

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