Jan Ullrich : Ende einer
Irrfahrt

Jan Ullrich wurde zu einem Helden des Sports. Doch als Dopingvorwürfe aufkamen, erklärte er sich nicht. Nun hat ihm ein Gericht die Last abgenommen.

Er hat einen schlechten Tag erwischt, die Puste geht Jan Ullrich langsam aus auf dieser 18. Etappe der Tour de France, sie führt durch die Vogesen. Da brüllt ihn sein Teamkollege Udo Bölts an: „Quäl dich, du Sau!“ Der Spruch wird sofort zum geflügelten Wort. Dabei habe er Bölts gar nicht verstanden, wird Ullrich später sagen. Aber da ist er schon einer, der stellvertretend für alle anderen gegen den inneren Schweinehund ankämpft. Und am Ende die Tour de France gewinnt. Die Geschichte vom Sieg gegen das eigene Innere, sie war zu schön, um glücklich auszugehen. Der Internationale Sport-Schiedsgerichtshof Cas hat ihr am Donnerstag das Schlusskapitel geschrieben. Drei Juristen hatten sich lange beraten, die Entscheidung immer wieder verschoben und am Ende ein klares Urteil gefällt: Jan Ullrich ist des Dopings schuldig. Es ist nicht so, dass dieses Urteil überraschend kam. Dass nicht vorher schon viele wussten, wie Ullrich seiner Kondition durch Behandlungen des spanischen Dopingarztes Eufemiano Fuentes nachgeholfen hatte. Im professionellen Radsport gehört das Manipulieren des eigenen Bluts dazu wie das Aufpumpen der Reifen. Und dass die Richter Ullrich rückwirkend nur die Erfolge seit dem 1. Mai 2005, also etwa den 3. Platz bei der Tour de France 2005 aberkennen, ist auch nicht so wichtig. Bedeutend ist das Urteil, weil es etwas unwiderruflich festhält, was Ullrich selbst bislang nicht zugegeben hatte. Und weil es der Endpunkt einer langen Irrfahrt ist, eines Abstiegs, der beinahe genauso quälend erschien wie der sportliche Aufstieg, der Ritt hinauf auf die Berge. Mit diesem Erklimmen der Berge auf zwei Rädern hatte sich Jan Ullrich einen Platz im Herzen der Nation erkämpft. 1996 zunächst mit einem zweiten Rang beim wichtigsten Radrennen der Welt, der Tour de France. Noch ist sein Teamkapitän, der Däne Bjarne Riis, schneller. Doch ein Jahr später schlüpft auf einmal Jan Ullrich ins Gelbe Trikot des Führenden. Er lässt auch Riis hinter sich, der beim Zeitfahren wütend sein defektes Rad in den Straßengraben schleudert. Ullrich sieht nicht aus wie ein Übermensch, eher schmächtig. Dafür ist er umso zäher. Er kommt von der Küste, aus Rostock, und bezwingt trotzdem die Berge. Mit einem ganz eigenen Stil. Seine Kette dreht sich um das große Zahnrad, er fährt mit hohen Gängen, und während andere am Berg aus dem Sattel gehen, und das Rennrad zwischen ihren Beinen hin- und herschlenkert, bleibt Ullrich einfach sitzen – stoisch, trotzig, als ob die Straße unter ihm dann weniger steil ansteigen würde. So kommt er ans Ziel, mit seinem eigenen Rhythmus. Als 1997 auf den Champs-Elysées von Paris die Sieger gekürt werden, steht der 23 Jahre alte Jan Ullrich ganz oben. Als erster Deutscher hat er dieses Rennen gewonnen. Ein neuer Sportheld ist geboren, einer zum Gernhaben mit Stupsnase, Sommersprossen und apfelroten Wangen. Die Tour de France ist bei den Deutschen auf einmal ähnlich beliebt wie die Fußball-Bundesliga. Sie verfolgen zu Millionen am Fernseher, wie die Fahrer durch ihr Nachbarland sausen, und hören den Kommentatoren zu, wie sie en passant über Käsespezialitäten der jeweiligen Region erzählen. Die Fahrer sind die Helden der Landstraße. Und der größte Held unter den Ausdauerathleten heißt Jan Ullrich. 20 000 Fans empfangen das Siegerteam vom Staatskonzern Telekom in Bonn, die Farbe Magenta ist in Deutschland präsenter als lila Schokolade, und Ullrich einer Umfrage zufolge netter als Steffi Graf und historisch bedeutsamer als Max Schmeling. Ullrich löst einen Boom aus. Die Fahrradhändler verkaufen statt gebrauchter Hollandräder mehr teure Rennräder mit komplizierten Schaltungen. Es ist ein Sommer der Leichtigkeit. Im Dezember 1997 wird Jan Ullrich zum Sportler des Jahres gewählt. Im folgenden Jahr fällt ein großer Schatten auf die Tour de France, der Festina-Skandal. Ein ganzes Team steht unter Dopingverdacht. Zwar hätte der Tod des Briten Tom Simpson, der 1967 am Mont Ventoux starb, nachdem er zuvor auch Aufputschmittel genommen hatte, ein Warnung sein können, dass der auszehrende Sport nach mehr verlangt. Aber noch gibt es keinen Generalverdacht, noch scheint sich das Peloton zu teilen in gute und böse Fahrer. Die Telekom, Namensgeber von Ullrichs Team, bedankt sich in ganzseitigen Anzeigen nach der Tour 1998: „Saubere Leistung.“ Nach seinem ersten Triumph bei der Tour de France erschien Ullrich schon als Seriensieger der kommenden Jahre. Doch es fällt ihm schwer, seinen Gipfelsturm zu wiederholen. Er steht nun unter Beobachtung. Die Nation diskutiert nicht nur über seinen starken Antritt, sondern auch über seine Schwächen, etwa die für Süßes. Jedes Frühjahr wird die Frage gestellt, wann er aus seinem Winterschlaf erwache und mit welchem Gewicht. Das Pendel scheint zurückzuschlagen, im Sommer die Qualen, im Winter die Bequemlichkeit. Das lässt Ullrich umso menschlicher erscheinen. Ullrich ist sein eigener Gegner, doch sein härtester Konkurrent taucht aus Amerika auf: Lance Armstrong. Es entwickelt sich zwischen den beiden ein Duell, wie es sich die Organisatoren der Tour nicht schöner hätten ausdenken können. Der pausbäckige Deutsche gegen die Menschmaschine aus den USA. „VEB Radsport“ gegen „Cycling Ich-AG“, schreiben Sebastian Moll und Alexander Heflik in ihrem Buch „Das Duell“. Armstrong hängt Ullrich ein ums andere Mal ab. Er gewinnt Tour um Tour. Ihn umgibt die Aura einer fast unwirklichen Stärke. Ob sie daher kommt, dass Armstrong den Krebs besiegt hatte? Ullrich kann nicht mithalten. Nach jeder Zielankunft muss er sich die Frage der Journalisten anhören, ob er denn morgen endlich angreife. Der Zweikampf scheint Ullrich zu zermürben. Es fällt ihm schwer, die Disziplin zu bewahren. Bei einem Dopingtest werden ihm 2002 Amphetamine nachgewiesen, in der Disco habe er sich von einem Unbekannten eine Ecstasy- Pille andrehen lassen, erklärt er. Ullrich wird sechs Monate gesperrt. Das Publikum erwartet nach diesem Ausrutscher, dass er sich rehabilitiert – mit einem neuen Angriff auf Armstrong. Bei der Tour 2003 trennen Ullrich und Armstrong im Gelben Trikot 15 Sekunden. Plötzlich bleibt Armstrong an der Tüte eines Zuschauers hängen und stürzt. Ullrich forciert das Tempo nicht, er wartet. „Ich habe nicht einen Moment lang überlegt anzugreifen, das tut man einfach nicht“, sagt er. Dem darauf folgenden Antritt von Armstrong kann Ullrich nicht standhalten und verliert fast eine Minute. Dafür bekommt er einen Fair- Play-Preis. Die Tour de France dagegen kann Ullrich nicht mehr gewinnen. Inzwischen beschränken sich die Dopingfälle nicht mehr auf einzelne Fahrer. Das ganze Peloton steht unter Verdacht. Da erschüttert ein neuer, großer Fall den Radsport. Bei einer Razzia verhaftet die spanische Polizei im Mai 2006 den spanischen Gynäkologen Eufemiano Fuentes und beschlagnahmt umfangreiches Beweismaterial, unter anderem Blutbeutel. Doping mit eigenem Blut erhöht die Ausdauer und ist für die Fahnder nicht nachweisbar. Wer auf der Liste der Verdächtigen steht, macht schnell die Runde. Fast 60 Fahrer werden von der Tour de France 2006 ausgeschlossen, unter ihnen auch – Jan Ullrich. Doch Ullrich schweigt. Und wenn er nicht schweigt, sagt er: „Ich habe niemanden betrogen.“ Das ist seine Logik: Wenn doch alle gedopt haben, wie habe ich dann etwas Unrechtes getan? Die Anschuldigungen nehmen zu, auch der Druck wächst. Im Februar 2007 erklärt Ullrich seine Karriere für beendet. Es ist ein öffentlicher Auftritt vor Journalisten, 40 Minuten redet Ullrich, Fragen lässt er nicht zu. Auch in seinem einzigen Fernsehauftritt in jener Zeit bei Reinhold Beckmann versteckt er sich entweder hinter seiner Formel, niemand betrogen zu haben. Oder aber hinter seinen Anwälten, die ihm geraten hätten, zu diesem Thema nichts mehr zu sagen. Stoisch bleibt er im Sattel sitzen. Der symbolische Sieger gegen den inneren Schweinehund ist längst zum symbolischen Verlierer gegen die Mechanismen des Hochleistungssports geworden. Ullrich will lange nicht wahrhaben, dass er etwas gestehen soll, was so viele andere auch leugnen – Lance Armstrong eingeschlossen. Dass nun alles ins Gegenteil gekippt ist, er hat doch schließlich hart trainiert und die Schuld liegt doch im Grunde beim System. Er will auch nicht wahrhaben, dass das getäuschte Publikum um verzeihen zu können ein Geständnis hören will. Doch das ständige Ausweichen vor etwas, was ohnehin alle wissen, macht alles nur noch schlimmer. Es ist vielleicht auch diese Zerrissenheit, die dazu beiträgt, dass Ullrich 2010 von einem Burnout heimgesucht wird. Derjenige, den Ullrich einst bei der Tour de France als Sieger abgelöst hatte, Bjarne Riis, hat 2007 Doping zugegeben. Wie auch viele weitere Fahrer des Teams Telekom. Riis ist heute Leiter eines Profiteams und sagt, sein Geständnis habe eine Riesenlast von ihm genommen. Jan Ullrich ist diese Last seit Donnerstag ebenfalls los. Nur dass sie ihm andere abgenommen haben.

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