Zeitung Heute : Jana Simon: Zug der Träume

Jana Simon

Niemand soll sie sehen in ihrem Abschiedsschmerz. Anna Afanassiewa steht am Fenster und deutet mit der Hand zum Bahnhofsausgang. "Cholodna", es ist kalt, ruft sie ihrer Tochter auf der anderen Seite des Fensters zu. Sie soll endlich gehen, sie allein lassen. Die alte Dame steht da im Abteil, den Körper leicht vorgebeugt, den Blick konzentriert nach unten gerichtet. Sie sieht aus wie jemand, der jeden Moment losheulen möchte, es sich aber im letzten Moment immer wieder selbst verbietet. Bloß kein Theater jetzt. Es wird ihre letzte Reise nach Deutschland gewesen sein. Sie weiß es, sie hat da so ein Gefühl. Die Beine tun weh, das Herz macht kleine Pausen ab und zu. Anna ist 74. Noch mal den ganzen Weg von Rtischewo, Russland, bis nach Berlin Lichtenberg, zwei Tage hin und zwei Tage zurück endloses Dahindämmern im Zug wird sie nicht mehr schaffen. Sie sieht ihre Tochter auf dem Bahnsteig, die sich ein Taschentuch vors Gesicht hält, und weiß, es ist vielleicht das letzte Mal. Und sie sieht eine Gruppe junger Mädchen, die fette Tüten hin und her räumen. Tüten voll mit "Westen" - Babywindeln, Moulinex-Mixer, Gummibärchen. Daneben wuchten Männer dicke Taschen von Aldi, Einkaufswagen mit Bierflaschen und ein paar Autoreifen ins Innere des Zuges.

Es ist Sonnabend 15 Uhr 03, Gleis 16, Bahnhof Lichtenberg. Der Osten fährt heim. 2782 Kilometer sind es bis nach Saratow an der Wolga. 2782 Kilometer durch Polen, Weißrussland und Russland. 48 Stunden bis in eine andere Welt. Es ist der "längste Zuglauf" von einem deutschen Bahnhof aus.

Anna Afanassiewa setzt sich auf das weinrote Klappbett links unten im Viererabteil und wartet. Sie hat ihren grauen Wintermantel neben sich gehängt, der beige Sommermantel ruht unter der Liege im Koffer. In Russland ist es schon kalt. Sie sitzt da wie gefroren, den Mund klein gepresst, als hätte sie Zahnschmerzen. Ab und zu fährt sie mit der Hand zu dem Haarreifen auf ihrem Kopf und kontrolliert, ob die rötlich gefärbte Dauerwelle richtig liegt. Durch den Gang an ihr vorbei schieben sich Männer, die unter der Last des Gepäcks nach Atem ringen. Die Schaffnerin, Walentina Sorbalo, ruft verzweifelt Anweisungen in das Gewühl: "Büstro, büstro". Schnell, schnell. Als der Zug anfährt, bleiben trotzdem viele helfende Verwandte im Zug stecken und müssen nun bis Frankfurt / Oder mitfahren. Die paar Minuten Lichtenberg sind zu kurz, um das Sortiment ganzer Warenhäuser in die kleinen Abteile zu quetschen. Anna harrt in dem Chaos aus, als sei dass nur ein weiteres unvermeidbares Übel in einer Reihe von vielen. "Eto Rossija", das ist Russland, sagt sie. Das wird sie in den nächsten zwei Tagen noch oft sagen, immer dann, wenn etwas einfach so ist, und man absolut nichts daran ändern kann.

Ganz allein auf der Welt



Eine junge Frau in violettem Mantel und mit einem blasslila Hut auf dem Kopf betritt das Abteil. Sie heißt Tatjana Tanasjun und trägt ihren Sohn David auf dem Arm. Ihr deutscher Freund steht ein bisschen unsicher neben ihr. Auch er hat den Ausstieg verpasst und muss bis Frankfurt / Oder warten. Die beiden haben ihre Hände ineinander verkrampft, reden können sie nur durch Gesten. Er spricht ausschließlich deutsch, sie Russisch. Später wird Tatjana erzählen, dass sie schon seit anderthalb Jahre zusammen sind, sich aber erst zwei Mal besucht haben. Er hat sie nach einem Auftritt angesprochen. Sie leitet ein Kulturhaus in Brest und singt manchmal. Ihr früherer Ehemann hatte sich da schon ins Wodka-Delirium verabschiedet. Anna nickt nur: "Ja, ja, so sind die Männer bei uns." Tatjana ist jetzt froh über den deutschen Heizungsinstallateur aus Rügen. Auch wenn er Vegetarier ist, sie immer zwei Essen kochen muss, der Deutsche im allgemeinen unerklärlich früh ins Bett geht und sie die einzige Russin in ganz Samtens auf Rügen ist.

Es ist ungefähr sechs. Der Zug hat Deutschland lange hinter sich gelassen. Ab Polen beginnt der Osten. Draußen ist es so dunkel, als sei man allein auf der Welt. Die Werbeplakate werden von Station zu Station weniger. Selbst das Licht ist anders hier - orange, nicht neongelb. Osteuropa, das ist der Planet der langen schwarzen Nächte, der Schwermut. Im Zugradio säuselt George Michael, wie eine letzte Erinnerung an den Westen. Die Reisenden haben sich umgezogen. Die Männer tragen kollektiv glitzernde Trainingsanzüge, die Frauen haben grelle Morgenmäntel angelegt, in denen sie aussehen wie riesige fleischgewordene Bonbons. Die Füße stecken in grauen Filzpantoffeln. Im Wagen ist es heiß, und es riecht nach Wodka, Bouletten, Zwiebeln und aufgegossener Nudelsuppe. Die Schaffnerinnen dösen in ihrem Abteil. Sie mögen diesen Zug, seit fünf Jahren fahren sie in zwei Brigaden immer abwechselnd, im Sommer zwei Mal, im Winter einmal in der Woche die Strecke Saratow-Berlin-Saratow. Die eine Schaffnerin, Walentina, eine korpulente Blonde in den Vierzigern war in ihrem sowjetischen Leben Mathelehrerin, da hat sie kaum etwas verdient. Jetzt ist das anders. Auf dem Tisch vor ihr liegt ein Kosmetikbeutel dick gefüllt mit Rubel, Dollar, D-Mark. Hier sind die Schaffner noch uneingeschränkte Herrscher über Toiletten, Gepäck, Fahrkarten, Wechselkurse, Zuschläge.

Die Tür von Annas und Tatjanas Abteil steht offen. Menschen schlurfen mit Teetassen durch den Gang, Natascha schaut bei den beiden vorbei. Sie hat es geschafft. Ihr deutscher Freund hat sie geheiratet, Natascha lebt jetzt legal in Deutschland und gibt Ratschläge. "Nicht gleich heiraten", sagt sie zu Tatjana. Auch die Deutschen könnten sich entpuppen. Tatjana sieht aus, als wäre ihr das ziemlich egal - Hauptsache weg aus dem Nest in der Nähe von Brest, wo sie bei ihrer Mutter wohnt. Sie ist 28, ihr Sohn ist fünf. Für Weißrussland sei sie spät dran, sagt sie. Dann erzählt sie von ihrem Gehalt, 60 Mark im Monat. "Was soll das für ein Leben sein?", fragt sie. Tatjana wirkt oft fröhlich, lacht viel. Aber manchmal, wenn sie sich unbeobachtet fühlt, scheint sie in sich zusammenzusacken, die Schultern klappen nach vorn, und die Füße richten sich nach innen. Sie hat dann diesen seltsamen Ausdruck im Gesicht wie viele hier - eine Mischung aus Trauer und dumpfer Erschöpfung. Als hätten sie zu viel gehofft und seien immer wieder enttäuscht worden. Das hier ist nicht nur irgendein Zug. Es ist ein Zug der Träume von einem besseren Leben irgendwo im Westen. Und die Rückfahrt in den Osten bedeutet oft das Scheitern. Es ist ein Zug, der zeigt, dass das Leben ziemlich oft ziemlich beschissen sein kann. Es ist ein Zug der Trauer über zurückgelassene Verwandte und Freunde. Die Mehrheit der Russlanddeutschen, die in der Umgebung von Saratow wohnen, sind in den letzten Jahren ausgewandert. Auch aus diesem Grund wurde dieser Zug einmal eingesetzt, damit sie zwischen Alt- und Neuheimat hin und herpendeln können. Zurück nach Saratow sind sie fast nie gefahren.

Es ist neun Uhr abends. Draußen liegt düster Polen, es könnte auch Alaska sein. Der Zug umhüllt einen wie ein Kokon, abgeschnitten von der Außenwelt dämmert man im Nichts. Alles ist egal. Die Schaffner verteilen Spezialschlösser für zehn Mark, mit denen Tatjana und Anna die Tür von innen verriegeln sollen. Polen ist "opasno", gefährlich, sagen sie. Vor allem vor 1998 wurde der Saratow-Express oft in der Nacht überfallen. Durch die Lüftungslöcher haben die Banditen K.O.-Gas in die Abteile gesprüht und dann die Betäubten ausgeraubt. Die Schaffner haben sie in ihre Kabinen gesperrt, die Polizei wurde bestochen. Seit zwei Jahren ist der Zug ziemlich sicher, an jedem Bahnhof fragt die Miliz, ob alles in Ordnung sei. Aber man wisse ja nie, sagen die Schaffner und grinsen dämonisch. Der Zug erinnert an ein fettes Tier kurz vor dem Winterschlaf, voll gefuttert mit allerlei Herrlichkeiten - Geschenken, Dollar, Wodka. Man muss ihn nur noch schlachten.

Tatjana hat sich hingelegt, die alte Anna kann nicht mehr aufhören, zu erzählen. Immer wenn der Abend kommt, muss sie an Usbekistan denken, ihre schönste Zeit. Mit zehn Jahren, 1936, ist Anna mit ihrer Mutter und ihrem Bruder von Wolgograd nach Usbekistan gezogen. Usbekistan wurde damals "das Land des Brotes" genannt. Annas Vater war gerade gestorben, und in Wolgograd herrschte Hunger. In Annas Erinnerung scheint in Usbekistan immer die Sonne, als sei das Leben dort ein einziger endlos langer Sommer. Im Kriegsjahr 1941 schneite es zum ersten Mal in Usbekistan, und damit begann alles Übel. Ihre Mutter verhungerte mitten im Land des Brotes. Anna war damals 15 und hatte plötzlich ein Kind, ihren Bruder. Die alte Dame sieht ihr Gegenüber beim Erzählen nicht an, sie redet gleichmäßig ohne Höhen und Tiefen. Alles ist schon so lange her, es musste wohl so sein. Schicksal eben.

Irgendwann schläft sie ein. Um zehn ist der Zug in Warschau. Wieder scheint dieses orangefarbene Licht, das an Filme aus dem Osteuropa der siebziger Jahre erinnert - grobkörnig und immer ein wenig unterbelichtet. Zwei graue Gestalten suchen unter der Bahnbrücke nach Resten im Müll. Tatjana ist wach und sagt plötzlich in die Stille: "Die Polen sind schlecht." Warum? "Die verstehen sich nicht mit den Deutschen und nicht mit den Russen." Noch fast vier Stunden bis zur weißrussischen Grenze.

In diesem Teil der Welt sind Grenzen noch Grenzen, auf die sich die Reisenden stundenlang vorbereiten. Tüten verschwinden irgendwo, Geld wird auf alle Anwesenden verteilt. Kleider werden gerade gezogen, Haare glatt gestrichen wie vor einer großen Prüfung. Um 1 Uhr 45 hält der Zug. Die Zöllner betreten den Waggon, draußen auf dem Bahnsteig laufen Kollegen mit Maschinenpistolen nebenher. Nicht nur die Abteile durchsuchen sie gründlich, sie schrauben auch den Boden im Gang auf, leuchten mit kleinen Taschenlampen unter den Zug und steigen aufs Dach. Überall auf dem Gang stehen Menschen barfuß und in Unterhosen und versuchen, so gelassen wie möglich auszusehen. Selbst die Schaffner halten still wie unter Schock. Immerhin ist dieser Zug die größte private Im- und Exportstrecke zwischen Deutschland und Russland.

Die Katastrophe ihres Lebens



Nach über einer Stunde Zollkontrolle ist der Zug in Brest. Tatjana steigt aus. Mit zwei Verwandten an der Seite, die die vollen Tüten aus Deutschland schleppen, verschwindet sie im Dunkel. Kurz darauf fährt der Zug auf ein finsteres Abstellgleis. Das Fahrgestell wird auf russische Gleise umgespurt. Hier sind die Schienen breiter als irgendwo sonst auf der Welt. Es ist drei Uhr morgens, die Menschen sind so müde, dass sie nicht mehr einschlafen können. Ein Bahnarbeiter schleicht durch den Wagen und bietet Wodka aus seiner Jackentasche an. Ein bisschen Rausch gegen die Erschöpfung. Alte Männer und Frauen versuchen den Zug zu entern, sie tragen Plastikeimer mit Äpfeln. Aber die Schaffner bleiben hart, nur die, die auch einen Teil ihrer Einnahmen an sie abgeben, dürfen ihre Geschäfte im Zug machen. Die Gesetze im "Goldzug", wie er in Saratow genannt wird, sind hart. 35 Kilo darf jeder Passagier ohne Zuschlag mitnehmen, fünfzig Kilo kosten 40 Mark mehr. Wie die Schaffner das Gewicht ermitteln, wissen nur sie. Es ist ein feines System gegenseitiger Abhängigkeiten. Die Reisenden zahlen, die Schaffner schweigen beim Zoll.

Am nächsten Morgen steht eine lange Schlange vor der Toilette. Anna gibt nach einer halben Stunde auf. Alle warten, niemand fragt nach. "Eto Rossija", sagt sie und hebt die Schultern gen Himmel. Draußen ist es hell geworden, oder besser es ist eine Zwischenstufe zwischen hell und dunkel, Tag und Nacht. Vor dem Fenster liegen unendliche Weiten blass gelblichen Steppengrases, unterbrochen durch ein paar kahle Birkenwäldchen. Es scheinen keine Felder zu existieren, nur vor den schiefen Datschen am Weg ziehen sich Äcker bis zum Zaun. Die graue Landschaft, die verkommenen Dörfer, die traurigen Gesichter hinterlassen ein Gefühl, als haben einem jemand in den Magen geschlagen. Hoffnungslos, sinnlos. Der Osten, die Heimat der Depression.

Durch den Zug zieht seit dem Morgen eine Warenkarawane: Taubstumme bieten quietschbunte Ikonen in Plastikherzen an, eine Frau verkauft amerikanische Liebesromane. Drei Stück für zehn Mark. Und ein Mann in grauen Anzug mit Brille will einen gebraucht aussehenden Taschenrechner loswerden. "Günstig, Günstig", sagt er. Zugexistenzen, die irgendwo einsteigen und irgendwo wieder gehen, die sich in den Durchgängen der Wagen erholen und hektisch an ihren Zigaretten saugen. In einem anderem Leben waren sie einmal Lehrer oder Professoren. Von den Passagieren verachtet, den Schaffnern geduldet, sind sie hier irgendwie gestrandet.

Noch anderthalb Tage bis nach Saratow. Anna schaut aus dem Fenster und fängt wieder an von Usbekistan zu schwärmen und dem ewigen Sommer. Dort, wo sie jetzt wohnt, in einem Dorf in der Nähe von Saratow, dauert der Sommer nur drei Monate. "Da weiß man vor Schreck nicht, was man als erstes machen soll, das Haus ausbessern oder ernten", sagt sie. Die schlimmste Katastrophe in ihrem Leben, noch schlimmer als der frühe Tod der Mutter, ist, dass sie jemals Usbekistan verlassen musste. "Nach unserer Wende", wie sie die Perestroika nennt, hätten die Usbeken alle Russen aus ihrem Land gejagt und einige sogar umgebracht. Plötzlich war es ein schlimmes Verbrechen, Russisch zu sprechen, Straßennamen und Dokumente wurden ins Usbekische übersetzt. Anna konnte sie nicht mehr verstehen. Von einem Tag auf den anderen hatte sich ihre kleine Welt in etwas verwandelt, das sie nicht mehr wieder erkannte. Ihr ganzes Leben lang hat sie in einer Bierfabrik in der Nähe von Duschanbe als Buchhalterin gearbeitet. Nach 45 Jahren war plötzlich alles anders, aus, vorbei.

Es ist Mittagszeit. Durch den Gang balanciert eine Frau einen Teller mit dampfenden Hühnchenschenkeln. Im Nebenabteil wird gesoffen. Anna sitzt auf ihrer Liege, den Rücken gerade gedrückt und macht ein Geständnis. Sie habe sich in Deutschland furchtbar gelangweilt, sagt sie. Ihre Tochter wohnt in der Nähe von Stuttgart. Drei Monate saß Anna vorm Fernseher, hat Filme und Serien geschaut, von denen sie nicht ein Wort verstand. Sie ist nicht mehr gut zu Fuß, also hat sie auch die Stadt nur aus dem Auto gesehen. Eines nachts ist sie dann aufgewacht und hat keine Luft mehr bekommen. Sie dachte, das ist das Ende. Am nächsten Morgen hat ihre Tochter erzählt, dass viele Menschen in dieser Nacht Probleme gehabt hätten. Es hinge mit irgendwelchen negativen Magnetfeldern zusammen. Da hat Anna im Stillen beschlossen, dass sie das letzte Mal in Deutschland gewesen ist. Negative Magnetfelder - wer hat davon schon gehört? "In Russland sehe ich aus dem Fenster und weiß, was los ist." Der Westen ist auf seine Weise auch voller Rätsel, manchmal.

Mehr als 24 Stunden ist der Zug jetzt unterwegs. Die Menschen fangen an, sich zu grüßen und zeigen sich mit freiem Oberkörper und zerstörten Frisuren auf dem Gang. Jegliche Grenzen haben sich aufgelöst. Es ist einfach zu eng für Scham. Draußen, in der Welt außerhalb das Zuges, wird es dunkel. Die zweite Nacht beginnt.

Am nächsten Morgen, der Zug hält in Mitschurinsk. Die Luft riecht, als würde jemand Kohle im Freien verbrennen. Ein Mann, nur mit einer grünen Turnhose und Stiefeln bekleidet, rennt wie irrsinnig den Bahnsteig auf und ab. "Taxi, Wohnung, Wodka ich besorge euch alles", brüllt er. Niemand wundert sich mehr über ihn. Graue Mütterchen bieten Trockenfisch und Bier an. Die Schaffner lächeln nur, in den Zug dürfen sie nicht.

Bis der Revisor kommt



Wenn Anna die alten Frauen auf dem Bahnsteig betrachtet, kommt ihr ihre Jugend verdammt lang her vor. Nur manchmal tauchen kleine Bruchstücke der Vergangenheit wieder auf, um dann gleich wieder im Alltag zu versinken. Es war 1978, ihre einzige große Reise, und Anna erinnert sich noch an jede Einzelheit. Um fünf Uhr früh standen sie und ihr Mann vor dem Leninmausoleum in Moskau. "Immer nur fünf Schritte ging es vorwärts", sagt sie, und es hört sich irgendwie aufregend an. Um zwei Uhr nachmittags waren sie immer noch nicht weiter, dann machte das Mausoleum zu. Am nächsten Tag kamen sie wieder, diesmal gelangten sie hinein. "Wir mussten alles abgeben Jacken, Taschen, und dann standen da diese Männern mit Gewehren", sagt sie, und es klingt wie ein Krimi. Lenin an sich war dann nicht mehr so spannend. Irgendwie verschrumpelt habe er ausgesehen, meint Anna und muss kichern.

Die alte Dame wird langsam unruhig, es ist schon elf. Bald muss sie aussteigen. Sie zieht ihren Mantel immer wieder an und aus und prüft schon zum hundersten Mal, ob sie auch alles eingepackt hat. Als Anna geht, scheint zum ersten Mal seit zwei Tagen die Sonne, und es liegt ein bisschen Schnee. Zum Abschied sagt sie noch, dass sie den Winter fürchte, wenn ihr Hof eingeschneit sei. Es fällt ihr schwer zu laufen, ihre beiden Enkel helfen ihr in den Lada.

In den letzten Stunden vor Saratow, bricht bei den Schaffnern noch eine kleine Panik aus. Ein Bahnrevisor hat sich angekündigt und will Fahrkarten, Gepäck und Einnahmen kontrollieren. Die blonde Walentina macht ein sehr ernstes Gesicht und verschwindet mit ihm in ihrer Kabine. Nach einer halben Stunde scheinen sie sich einig geworden zu sein. Kurz vor dem Ziel legen die Passagiere ihre Ausgehkleidung an. Die Damen schließen sich in der Toilette ein und arbeiten mit Lippenstift und Mascara, ihre Männer warten, laut zu Gott fluchend, vor der Tür. Montags 16 Uhr 26, der Zug ist pünktlich in Saratow. Auf dem Bahnsteig warten sehnsüchtige Geliebte, aufgeregte Enkel, und verzweifelte Mütter auf die Ankommenden.

Walentina, die Schaffnerin, bleibt, als alle fort sind, allein im Zug zurück. Sie muss noch ein paar Tage ausharren, um zu heizen und aufzupassen, dass niemand Teegläser oder Bettwäsche klaut, bevor der Saratow-Express wieder nach Berlin fährt. Später am Abend wird Dima, der Zugführer, noch bei Walentina vorbeischauen, sie werden sich Zuggeschichten erzählen. Etwa die von dem alten Mann, der im Saratow-Express gestorben ist und vier Stunden tot im Abteil lag, bis sie am nächsten Bahnhof halten konnten. Sie werden lachen und sich Wodka nachgießen. Der Zug ist immer in ihrem Kopf. Er ist ihr Leben.

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