Zeitung Heute : Janßens Freiheit

Er ließ sich von seiner Geliebten mit dem Auto überfahren. Freiwillig. Zweimal. Nun hat er Ruhe vor ihr

Marc Neller[Hameln]

Vom großen Geld hat Janßen nichts gesehen. Die Sache flog auf, brachte ihm zwei Jahre auf Bewährung und zwei zertrümmerte Beine; laufen kann er nur mit Krücken, Schmerzen hat er fast ständig. Dennoch, da „diese Dame“, wie er sie nennt, die kommenden acht Jahre im Gefängnis verbringen wird, hat er doch etwas gewonnen – seine Freiheit.

Heinrich Janßen, 55, wohnhaft in Hameln, Beine wie Streichhölzer, das Gesicht unrasiert, so sitzt er auf dem Sofa mit dem verschossenen braunen Plüschbezug in seiner Wohnung unterm Dach und raucht eine Zigarette nach der anderen. Von Zeit zu Zeit verzieht sich sein Gesicht vor Schmerzen. Draußen bläst ein kühler Wind, Wolken kündigen Regen an, das spürt Janßen – „dieses Stechen im linken Unterschenkel, als ob jemand ein Messer reintreibt und es dann ein paar Mal umdreht“. Die Schmerzen hat er immer, wenn es feucht und kalt ist.

Janßen wohnt jetzt allein. Über „diese Dame“, die ihm die Schmerzen gebracht hat, spricht er nicht gern. Als könnte er durch Schweigen die Erinnerung auf Distanz halten. Vor vier Jahren hat die Dame Janßen, der einmal Landschaftsgärtner war, mit dem Auto überfahren, zweimal innerhalb weniger Wochen. Das Landgericht Bielefeld hat Mitte März festgestellt, dass Janßen zuvor eingewilligt hatte.

Heinrich Janßen und Monika König (Name geändert) – beinahe 16 Jahre jünger – waren einmal ein Paar, mehr als zehn Jahre ist das her. Seine Ehe war zerrüttet, sie war geschieden. „Sie wohnte im selben Haus. So haben wir uns kennen gelernt“, sagt Janßen. Er zog bei ihr ein. Im Herbst 2000 hatten sie zusammen 150000 Euro Schulden, beide waren arbeitslos und lebten über ihre Verhältnisse.

Als sie eines Abends zusammensitzen, sagt sie, sie habe da eine Idee. Etwas, das sich richtig lohnen würde: Versicherungsbetrug. „Ein paar Tage nach dem Gespräch hat sie zwei Policen für mich abgeschlossen“, sagt Janßen. Er unterschreibt nur. So läuft es auch später noch zwischen ihnen, als sie längst kein Paar mehr sind: Sie befiehlt, er folgt. Auf einem Foto sieht sie so aus: dunkelbraune kurze Haare, ein fülliges, grobes Gesicht, fast männlich.

Im Februar 2001 ist es so weit. Sie fahren in eine entlegene Straße in Bielefeld, wo sie damals wohnten. Janßen setzt sich auf den Gehsteig, legt den rechten Unterschenkel auf die Bordsteinkante, Monika König fährt ihm mit ihrem Opel Corsa über das Bein. Vorderreifen, dann Hinterreifen, Ergebnis: zwei Trümmerbrüche, ein Monat Krankenhaus, bleibende Behinderung. „Den Versicherungen haben wir geschrieben, dass mir ein Schrank aufs Bein gefallen ist“, sagt Janßen. Beide Versicherungen zahlen. Das große Geld aber gibt es erst bei Vollinvalidität.

Monika König schlägt Janßen vor, sich auf Bahngleise zu legen und sich das Bein von einem Zug abtrennen zu lassen. Kettensäge ginge auch. „Das war mir zu radikal“, sagt Janßen. Stattdessen machen sie es noch einmal wie gehabt. Dieses Mal legt Janßen den linken Unterschenkel auf die Gehsteigkante und zur Sicherheit den linken Arm darüber. Ein gemeinsamer Bekannter steht hinter ihm und stützt ihn, damit er nicht zur Seite wegknickt. Den Rest erledigt König mit dem Auto. Vorderreifen. Hinterreifen. „Höllische Schmerzen waren das“, sagt er. Die Ärzte teilen ihm mit, dass das Bein steif bleiben und er nicht mehr ohne Krücken und Schmerzen leben würde. Dieses Mal gibt Janßen an, er sei eine Treppe heruntergestürzt.

Die Versicherungen zahlen 700000 Euro, dazu eine monatliche Unfallrente von 500 Euro. Was Janßen nicht eingeplant hat: Immer wieder entzündet sich das Bein. Er wird 16 Mal operiert, liegt fast zwei Jahre im Krankenhaus. Als er entlassen wird, zieht er wieder bei Monika König ein. Von dem Geld der Versicherungen sieht er allerdings so gut wie nichts. König gewährt ihm ein Taschengeld, mal 20 Euro die Woche, mal 50. Sie reist durch die Welt. Sie kaufen Schmuck für 10000 Euro, ein neues Auto und lassen die Wohnung aufwändig sanieren. Das meiste legen sie in Wertpapieren an.

„Das hat mich nicht so sehr gestört“, sagt Janßen, „ich habe das alles ja sowieso nicht in erster Linie für mich gemacht.“ Das Bielefelder Gericht hat es ähnlich gesehen, darum belegte es Janßen mit der mildesten Strafe, die möglich war. Warum aber setzt jemand für Geld seine Gesundheit aufs Spiel, wenn er das Geld angeblich nicht will?

Zwei Gutachter in dem Prozess haben Janßen als labil und willensschwach beschrieben, als „anpassungswillige Persönlichkeit“. Man könnte auch sagen, er war ein perfektes Opfer. Und König war das Gegenteil davon: mehrfach vorbestraft wegen Diebstahls, Betrugs. Im Gefängnis wegen räuberischer Erpressung, kurz bevor sie und Janßen sich kennen lernten.

Anfangs waren sie ein Paar, und dann – ja was eigentlich? „Eine Art Zweckgemeinschaft“, sagt Janßen. Er wollte ein bequemes Leben führen mit wenig Verantwortung. Seine sechs Kinder leben längst in Pflegefamilien. Monika König konnte frei über sein Konto verfügen. Sie versprach ihm, eine Wohnung zu kaufen, er bekäme lebenslanges Wohnrecht, und sie würde seine Schulden tilgen.

„Ich war ihr hörig“, hat Janßen im Prozess gesagt. Und weil er ja mittlerweile nicht mehr über sie sprechen mag, weil er oft sagt, „ich erinnere mich nicht mehr“, ist nicht viel über die beiden bekannt. Aber so viel doch: Er hat versucht, sich ihrer Macht zu entziehen. Er zog weg; sie fand ihn. Er ließ sich in die Psychiatrie einweisen, mehr als ein Dutzend Mal; sie holte ihn wieder raus. Wer weiß, ob Janßen es je geschafft hätte, sich loszusagen.

Schließlich war es der Bekannte, der beim zweiten „Unfall“ mitgeholfen hatte, der den Betrug auffliegen ließ. Monika König hatte ihm 20000 Euro versprochen, aber nicht gezahlt. Er ging zur Polizei.

Heinrich Janßen ist nach dem Prozess nach Hameln gezogen, weil ihn hier niemand kennt. „Ja, war wohl eine Flucht“, sagt er. Er lebt von einer Erwerbsunfähigkeitsrente, 500 Euro monatlich. Im Fernsehen läuft eine Heimwerkersendung, es ist Mittag. „Das sehe ich immer, die geben super Tipps“, sagt Janßen. Bevor er die Wohnung herrichtet, ist der kleine Garten dran, den er billig gepachtet hat.

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