Zeitung Heute : Japan in höchster Not

Stephan Haselberger
Das ganze Ausmaß. Eine Frau in der vom Tsunami zerstörten Hafenstadt Ishinomaki. Die japanischen Behörden gehen inzwischen von tausenden Toten aus. Foto: AFP/Yomiuri Shimbnun
Das ganze Ausmaß. Eine Frau in der vom Tsunami zerstörten Hafenstadt Ishinomaki. Die japanischen Behörden gehen inzwischen von...Foto: AFP

Tokio/Berlin - Die Lage in Japan nach dem verheerenden Erdbeben und dem anschließenden Tsunami wird immer dramatischer. Ministerpräsident Naoto Kan sagte, sein Land erlebe die größte Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Am Sonntag fiel in einem dritten Atomkraftwerk eine von zwei Kühlpumpen aus, wie die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf die Feuerwehr berichtet. Es handelt sich um das Akw Tokai etwa 120 Kilometer nördlich von Tokio. Im Kernkraftwerk Fukushima hat nach Einschätzung der Bundesregierung in zwei Reaktoren die Kernschmelze begonnen. Das größte Risiko gehe von möglichen Wasserstoffexplosionen aus, sagte Michael Sailer, Geschäftsführer des Ökoinstituts. Der Wasserstoff bildet sich in den Reaktordruckbehältern der havarierten Atomkraftwerke, die am Sonntag mit Meerwasser und Borsäure geflutet wurden. Zehn deutsche Techniker, die an Wartungsarbeiten in Fukushima beteiligt waren, blieben unverletzt und haben das Land verlassen. Experten warnten, dass erwartete Nachbeben mit einer Stärke von bis zu 7,0 die Reaktoren weiter gefährden könnten.

Inzwischen sind fast 600 000 Menschen umgesiedelt worden. Dies teilte das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Hilfe in Genf mit. Etwa 380 000 Japaner aus den von dem Erdbeben und den Tsunami-Wellen betroffenen Gebieten seien in Notunterkünften untergebracht worden. Hinzu kämen etwa 210 000 Menschen, die in der Nähe des Atomkomplexes Fukushima wohnten.

Allein in der Region Miyagi, wo ein weiteres Kraftwerk liegt, sind vermutlich mehr als 10 000 Menschen ums Leben gekommen. Das berichten japanische Medien unter Berufung auf den örtlichen Polizeichef. Große Gebiete sind von der Umwelt abgeschnitten, Küstenstraßen teilweise unbefahrbar. Mehr als 20 000 Häuser sind zerstört oder beschädigt. Tausende erschöpfte Menschen warten laut den Berichten auf Rettung mit Hubschraubern. Am Sonntagmorgen erschütterte ein starkes Nachbeben den Großraum der Hauptstadt Tokio. In der Stadt wankten Hochhäuser. Im ganzen Land drohen massive Engpässe in der Stromversorgung. Um Blackouts zu vermeiden, planen die Stromkonzerne, Energie zu rationieren. Das könne einige Wochen dauern, sagten Regierungsbeamte. Im Süden des Landes brach am Sonntag zudem ein Vulkan aus. Schäden waren zunächst nicht bekannt.

In der neu aufgeflammten Debatte um die Sicherheit und Laufzeit deutscher Kernkraftwerke kündigte Baden- Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) eine Sicherheitsüberprüfung der vier Atomkraftwerke seines Bundeslandes an. „Kernkraftwerke, die nicht den erforderlichen Sicherheitsansprüchen genügen, werden abgeschaltet. Nicht in sieben Jahren, nicht in 15 Jahren, nicht in 20 Jahren, sondern sofort“, sagte er.

SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte die sofortige Abschaltung älterer deutscher Atomkraftwerke. Ein Super-GAU sei auch in Deutschland „keine rein theoretische Rechengröße“. Dies hätten Fälle wie die in Harrisburg und Tschernobyl gezeigt. Zwar seien derart schwere Erbeben und Tsunamis wie in Japan in Deutschland nicht denkbar, aber auch hier seien Stromausfälle möglich. Gabriel warf Kanzlerin Angela Merkel und Umweltminister Norbert Röttgen (beide CDU) vor, die Bevölkerung zu beschwichtigen. Merkel will am Dienstag mit den Ministerpräsidenten über die Sicherheit in deutschen Kernkraftwerken sprechen. Einen sofortigen Ausstieg aus der Atomkraft lehnte die Kanzlerin in einem ARD-„Brennpunkt“ am Sonntagabend ab. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin forderte „den Ausstieg aus einer unbeherrschbaren, menschenfeindlichen Technologie“. mit AFP/dpa

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