Zeitung Heute : Japan und der Mangafußball

Helmut Schümannn sieht die Brücke von Tokio nach Berlin

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Bei einer Reise durchs das weltmeisterschaftliche Deutschland kann man an Tokio praktisch nicht vorbeikommen. Tokio schlägt die Brücke, vor vier Jahren war Tokio ein Nabel der Welt. Der andere war in Seoul zu finden, aber in Tokio war der Irrsinn noch schriller, noch kreischender als in Korea. Man hatte seinerzeit schon stark den Eindruck, als begriffen die Japaner Fußball als Manga-Comic. Die Spieler stylten sich auf jeden Fall, als kämen sie geradewegs aus den bunten Bildchen. Ob das immer noch so ist, wird man heute überprüfen können, wenn die Japaner gegen Australien ins Turnier treten.

Diesmal sind wir nach Tokio vom Potsdamer Platz aus spaziert. Am Potsdamer Platz sieht es derzeit ein bisschen aus wie in Ripongi, Tokios Neon-Night-Light District. Aber gleich um die Ecke sieht man schon die Fahnen, die vor der Neuen Nationalgalerie flattern und die dort gezeigte Ausstellung „Berlin–Tokyo Tokyo–Berlin“ verkünden. Und wenn man eintritt in die Museumshalle, ist die Welt draußen. Drinnen ist Ruhe und eine begehbare Hügellandschaft, in die Waben und Verschläge und winzige Nischen gezimmert sind, in die man klettern kann und sich dann fühlen wie Japaner in beengter Wohnlandschaft. Und tatsächlich: Da drin war es wie vor vier Jahren im Tunnel der gigantischen U-Bahnstation von Shinagawa, wo man vor lauter Menschen auch die Arme nicht ausstrecken konnte. Oder man geht im Untergeschoss in einen dunklen, vom Künstler Tatsuo Miyajima gestalteten Raum. An den Wänden blinken etliche Leuchtdiodenzählwerke, die alle in unterschiedlichen Rhythmen von null bis neunundneunzig zählen und umgekehrt. Neunundneunzig, nicht etwa neunzig, was ja vielleicht auch Sinn gemacht hätte, gerade in diesen Tagen. Möglicherweise liegt das daran, dass der Fußball in Japan eben tatsächlich mehr Comic ist als Tradition und noch nicht in jedem Kopf, auch nicht dem künstlerischen, rumspukt. Es gibt noch eine Menge anderer Sachen zu sehen, Gemälde, Skulpturen, Grafiken, Fotografien Videoarbeiten. Zeichnungen, eine Schau mit weit über 500 Exponaten eines seit über 100 Jahren existierenden intensiven künstlerischen Austausches zwischen Tokio und Berlin. Sehr schön, sehr sehenswert, sehr ruhig, sehr entspannt. Nicht, dass es zu bedauern wäre – aber auf der Suche nach einem irgendwie gearteten weltmeisterlichen Gefühl sind wir in der Neuen Nationalgalerie in Berlin allerdings nicht fündig geworden. Vielleicht morgen, wenn die Reise nach Gotha geht.

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