JAZZPat Methenys „Orchestrion“ : Geist in der Maschine

Jörg W erD

Eigentlich sind die Rollen seit Jahrzehnten klar verteilt: Auf der einen Seite gibt es maschinelle oder elektronische Klangerzeuger, beispielsweise Drumcomputer oder Synthesizer, deren seelenloses Gepatsche, Geschnarre und Gelärme die Künstlichkeit der Musik unterstreicht. Auf der anderen steht das menschliche Individuum, dessen ureigene Fähigkeiten sein musikalisches Werk wie ein genetischer Fingerabdruck prägen.

Ausgerechnet einer der größten Virtuosen des zeitgenössischen Jazz stellt diese Dichotomie nun infrage: Für sein „Orchestrion“-Projekt verabschiedet sich Ausnahmegitarrist Pat Metheny vorübergehend von der Ensembleidee des Jazz und lässt sich von einem Automatenorchester begleiten. Das Orchestrion war ursprünglich eine Jahrmarktsattraktion des frühen 20. Jahrhunderts, bei dem in schrankwandgroßen Gehäusen verborgene Apparaturen dem Instrumentarium von bis zu einem halben Dutzend Musikern Leben einhauchten.

Metheny geht es in seiner komplexen Neuauflage des Orchestrions, die er sich von der „League of Electronic Urban Musical Robots“ konstruieren ließ, um die Verwischung der Grenzlinie zwischen maschineller Perfektion und menschlicher Beseeltheit: Mittels der winzigen Unregelmäßigkeiten, die die im Orchestrion verwendeten Naturinstrumente dem Diktat der Mechanik abtrotzen, spürt Metheny dem Geist in der Maschine nach. Übrigens: Die Musik dieses erstaunlichen, der Hybris nicht unverdächtigen Projekts, das man als „One-Man Band mit mechanischen Hilfstruppen oder als Roboterorchester mit Gastsolist“ (Gregor Dotzauer im Tagesspiegel) bezeichnen könnte, ist von verschwenderischem Reichtum.Jörg Wunder

Philharmonie, Di 2.3., 20 Uhr, 33-53 €

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