Zeitung Heute : Je nach Beziehungsebene

Noch nie war auf einem Katholikentag so oft von Alleinerziehenden, Unverheirateten und Singles die Rede wie diesmal in Osnabrück. Wie verändert sich das Familienbild der katholischen Kirche?

Claudia Keller

Das Ratsgymnasium in Osnabrück hatte sich in den vergangenen fünf Tagen in das „Familienzentrum“ des Katholikentages verwandelt. In dem ehrwürdigen Gebäude erwarteten einen aber nicht Bilder in der traditionellen Vater-Mutter-KindKonstellation, wie man es für einen Katholikentag eigentlich erwarten würde. Vielmehr war das Thema der Fotoausstellung „Alleinerziehenden-Leben ist vielfältig“. Geschiedene, Mütter und Väter, die nie verheiratet waren, und Verwitwete erzählten auf den Stelltafeln davon, wie schwer es ist, Kindererziehung und Beruf zu vereinen – aber auch wie glücklich ihre Kinder sie machen. Die Frauenseelsorge des Bistums Augsburg wollte mit dieser Ausstellung „Klischeevorstellungen aufbrechen, wie sie in Gesellschaft und Kirche“ vorherrschen. Ausgerechnet das Bistum Augsburg warb für mehr Verständnis für Alleinerziehende. Ausgerechnet das Bistum, das Bischof Walter Mixa leitet, der sich im vergangenen Jahr heftig mit Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) anlegte, als die sich für den Ausbau der Kinderkrippen in Deutschland stark gemacht hatte.

Die Ausstellung ist nur eines von vielen Beispielen, wie sich das Familienbild der Katholischen Kirche verändert. Auf dem Katholikentag ließ sich an vielen Orten ablesen, wie neue Familienformen neben das klassische Modell der lebenslangen Ehe rücken. Dass Beziehungen zerbrechen können, wurde diesmal deutlicher thematisiert als in den Jahren zuvor. So gab es speziell einen Gottesdienst für getrennt Lebende und Geschiedene, Workshops und Podien, die sich mit dem Scheitern von Ehen beschäftigten und dem Lebensgefühl von Scheidungskindern. Andere Veranstaltungen machten die bewusste Entscheidung gegen Kinder zum Thema, zum Beispiel unter dem Motto „Einsam glücklich – Single-Männer auf der Überholspur“.

Kurz vor Beginn des Katholikentages hatte das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, das das Treffen in Osnabrück organisiert hat, auf seiner Vollversammlung gefordert, die verschiedenen Familienbilder dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es dürfe in der Debatte nicht zu Grabenkämpfen um das vermeintlich richtige Familienmodell kommen.

Auf dem Katholikentag selbst fiel dann auf, dass nicht mehr überall von Ehe und Familie gesprochen wurde, sondern mehr von Paaren und Beziehungen. „Wenn es in der Beziehung nicht gut läuft, braucht man an Familie gar nicht zu denken“, erklärte Eva Polednitschek-Kowallick das Umdenken in Kirchenkreisen. Sie arbeitet in der Familienseelsorge im Bistum Münster und bot auf dem Katholikentag Workshops an, in denen es darum ging, die Kommunikation in einer Beziehung zu verbessern. In einem „Ehe-Paar-Cours“ verdeutlichten Psychotherapeuten, dass das Glück in einer Ehe mit dem Segen des Pfarrers nicht etwa besiegelt ist, sondern danach die Arbeit an der Beziehung beginnen muss, wenn die Liebe bleiben soll.

„Bislang wurde in der Katholischen Kirche Familie als etwas Statisches gesehen“, sagt Andreas Lob-Hüdepohl, Rektor der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. Jetzt entdecke man das Prozesshafte von Beziehungen, die unterschiedliche Phasen durchlaufen. Wichtig sei, dass man auch das Unperfekte, Missglückte wertschätze, das sich in jeder Lebensgeschichte ereignen könne. Und auch das Scheitern der Ehe dürfe seitens der Katholischen Kirche nicht mehr als unverzeihliche Schuld auf den Ehepartnern lasten. Lob-Hüdepohl sieht sich darin sogar auf einer Linie mit dem Papst. Vor 30 Jahren hatte Josef Ratzinger in einem Aufsatz zur „Theologie der Ehe“ gefordert, dass sich die Pastorale, wenn jemand gegen das Sakrament der Ehe verstoße, „stärker von der Realität der Vergeben bestimmen lassen“ müsse und den in Schuld geratenen Menschen „nicht einseitig disqualifizieren dürfe“. Dieser Appell des heutigen Papstes sei in der Katholischen Kirche „noch unzureichend eingelöst“ worden, sagt Lob-Hüdepohl. Doch ist er zuversichtlich, „dass hier noch befriedigende Lösungen gefunden werden“.

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