Zeitung Heute : Je nach Kondition

Bei einem Zusammenschluss mit Schering wäre Bayer der stärkere Partner – für den Standort Berlin muss das kein Nachteil sein

Moritz Döbler Henrik Mortsiefer

Nach einem möglichen Zusammenschluss von Bayer und Schering soll die gemeinsame Pharmasparte in Berlin angesiedelt werden. Wäre der Schering-Standort Berlin damit gerettet?


Bayer ist für Schering die bessere Wahl – von einer Rettung des Berliner Konzerns zu sprechen, dafür wäre es am ersten Tag nach dem Übernahmeangebot aber wohl zu früh. Klar ist: Schering wird seine Eigenständigkeit verlieren – egal, ob Bayer oder ein möglicher anderer Interessent zum Zuge kommen. Die positive Reaktion von Schering-Chef Hubertus Erlen auf die Offerte zeigt allerdings, dass Schering sich bei dem Aspirin-Produzenten gut aufgehoben fühlt. Das Übernahmeangebot biete „neue Chancen für Schering und für Berlin“. Für Erlens Optimismus gibt es gute Gründe: Anders als nach einer Übernahme durch den Pharmahersteller Merck bleiben der Firmensitz, der Markenname und zentrale Teile des operativen Geschäfts von Schering erhalten. Der Standort Berlin, wo Schering rund 6000 Mitarbeiter beschäftigt, soll sogar gestärkt werden. Teile des Bayer-Konzerns sollen nach den Worten von Bayer-Chef Werner Wenning in der Zentrale des Pharmageschäfts in der Hauptstadt gebündelt werden. Hier soll künftig die Bayer-Schering-Pharma AG die neun Milliarden Euro schwere Sparte steuern.

Ob Schering und seine weltweit gut 24 600 Mitarbeiter davon auch unter dem Strich profitieren werden, ist aber noch offen. 6000 Arbeitsplätze werden durch die Übernahme wegfallen – das wäre jeder zehnte Beschäftigte im Pharmageschäft beider Konzerne. Wie bei Übernahmen üblich werden dies überwiegend Arbeitsplätze in zentralen Bereichen sein, die sich künftig doppeln – wie in der Verwaltung, im Marketing und im Vertrieb. Der Schering-Betriebsrat war gestern nicht zu einer Stellungnahme bereit. Thomas de Win, Chef des Konzrenbetriebsrats von Bayer, sagte dem Tagesspiegel, man habe „die Zusicherung, dass alle Instrumente der Beschäftigungssicherung genutzt werden und alle Forschungsstandorte erhalten bleiben“. Der geplante Umzug der Pharmazentrale von Wuppertal nach Berlin müsse erst noch im Detail verhandelt werden. „Welche Funktionen umziehen, welche bleiben, steht noch nicht fest.“

Von dem Stellenabbau werde eher Bayer als Schering betroffen sein, vermutet Michael Kunert, Berliner Vertreter der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). „In Berlin dürften weniger Arbeitsplätze abgebaut werden als bei einer feindlichen Übernahme durch Merck.“ Schering beschäftigt weltweit 3900 Mitarbeiter in der Verwaltung, in der Forschung und Entwicklung sind es gut 4000, im Marketing und Vertrieb 8800.

Dass Bayer der eindeutig stärkere Partner eines Bündnisses wäre, muss für Schering ebenfalls nicht nachteilig sein. Nach einer feindlichen Übernahme durch Merck wäre Schering als der gewichtigere Konzern unter dem Dach des im Pharmageschäft eher schwachen Darmstädter Unternehmens verschwunden. Nun könnten die Berliner mit Bayer weltweit an Bedeutung gewinnen. Bayer will mit dem kombinierten Pharmageschäft ein „Specialty-Care“-Unternehmen aufbauen, das in den Bereichen Gynäkologie und Multiple-Sklerose-Therapie (in beiden Bereichen ist Schering stark) sowie Hämatologie oder bei Kontrastmitteln über Spitzenpositionen verfügen würde. Im weltweiten Ranking der größten Pharmakonzerne stünden Bayer und Schering künftig Wenning zufolge in bestimmten Bereichen auf Platz sieben. Gemessen am gemeinsamen Umsatz von neun Milliarden Euro, lägen beide hinter dem US-Konzern Wyeth.

Scherings Bedeutung für Berlin als Forschungsstandort und „Gesundheitsstadt“ würde nach einer Übernahme durch Bayer ebenfalls gestärkt. Zumindest hoffen das Politik und Verbände. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und Wirtschaftssenator Harald Wolf begrüßten das Angebot. Wolf sagte dem Tagesspiegel, es könne ein „schlagkräftiges und weltweit konkurrenzfähiges Pharmaunternehmen mit Sitz in Berlin“ entstehen. Mittelfristig könne die Schering-Übernahme neue Jobs bringen, weil eine fusionierte Pharmasparte mit Sitz in Berlin als „Treiber und Motor für den gesamten Cluster Gesundheitswirtschaft in unserer Stadt“ wirke. Auch die Berliner Industrie- und Handelskammer sieht „eine große Chance für den Wirtschaftsstandort Berlin“. Nach Wolfs Auffassung überwiegen die Chancen die Risiken. In den weiteren Verhandlungen werde der Senat darauf drängen, dass der Firmensitz von Schering in Berlin bleibe. „Die Entscheidung über eine Fusion treffen aber die Aktionäre, nicht der Senat“, sagte Wolf.

An der Börse könnte Schering bald an Bedeutung verlieren. Sinken der Wert der frei gehandelten Schering-Aktien und ihr Börsenumsatz nach der Bayer-Übernahme unter eine bestimmte Schwelle, fällt Schering aus dem Dax.

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