Zeitung Heute : Je nach Perspektive

Unicef und Ursula von der Leyen haben Studien zur Kinderarmut vorgestellt. Wie geht es Deutschlands Kindern?

Martin Gehlen Jost Müller-Neuhof

Unbeschwert soll Kindheit sein, aber für viele Kinder ist sie es nicht. Ihre Eltern rechnen mit jedem Cent, an Kleidung, Essen, Ferien und Schulsachen wird gespart. Die Politik hat das Thema der armen Kinder entdeckt, und jeder zieht daraus seine Schlüsse: Arbeitsminister Olaf Scholz plädiert für den Mindestlohn, die FDP fordert niedrigere Steuern, und Familienministerin Ursula von der Leyen will den Eltern dabei helfen, trotz Kindererziehung arbeiten zu gehen. „Wir haben die Lösungen in der Hand“, sagt sie.

Zwei neue Studien zeichnen jetzt ein Bild von der Lage. Sie sollen in einen gemeinsamen Bericht der Bundesregierung einfließen. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef stellte am Montag seinen Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland vor. Zugleich präsentierte von der Leyen Daten des Baseler Prognos-Instituts. Die Ministerin sieht sich mit den Ergebnissen in ihrer Einschätzung bestätigt, dass „wir die Kinderarmut gut bekämpft haben“. Deutschland sei im internationalen Vergleich im oberen Drittel zu finden. Aber: „Wir könnten besser sein“.

Das betrifft vor allem das Los der Alleinerziehenden. 35 bis 40 Prozent ihrer Kinder wachsen laut Unicef in relativer Armut auf. Sie blieben auch länger in Armut als andere. „Armut“ ist dabei kein qualitativer, sondern ein statistischer Begriff. Er bezeichnet die Situation von Kindern, deren Eltern weniger als die Hälfte des mittleren Nettoeinkommens zur Verfügung haben. Bei 60 Prozent des Nettoeinkommens sprechen die Experten von „Armutsrisiko“.

Unicef sieht vor allem eine wachsende Kluft zwischen Kindern, die gesund, gepflegt und gefördert aufwachsen, und jenen, die den Anschluss zu verlieren drohen. Die Benachteiligten kommen – wenn überhaupt – schlechter durch die Schule, sie sind häufiger krank, übergewichtig oder verhaltensauffällig. Laut Unicef sind 15 Prozent der Kinder überernährt, bei den 14- bis 17-Jährigen sind es sogar 17 Prozent. 15 Prozent haben psychische Probleme, wobei Jungen überrepräsentiert sind. Und: In keinem Industrieland rauchen so viele Kinder und Jugendliche wie in Deutschland. Bei den 11- bis 17-Jährigen sind es 20 Prozent der Jungen und fast genauso viele Mädchen. Sind die Kinder ausländischer Herkunft, verschlechtert sich ihre statistische Situation. 17 Prozent schaffen keinen Schulabschluss, in Berlin sind es 25 Prozent, in Baden-Württemberg sogar 30 Prozent.

Die Parallelstudie des Prognos-Instituts im Auftrag des Familienministeriums kommt zu einem ähnlichen Urteil, wenn auch mit einem positiven Seitenblick. Denn in Europa steht Deutschland in puncto Kinderarmut relativ gut da. Nur in Skandinavien geht es dem Nachwuchs besser, während Spanien und Italien – Länder mit einem traditionellen Familienbild und einem besonders familienfreundlichen Image – auf den Schlussplätzen rangieren.

Laut dem Prognos-Bericht lag die Armutsrisikoquote bei den unter 18-Jährigen im Jahr 2006 bei 17,3 Prozent – das sind 2,3 Millionen Kinder. Dabei fiel das Armutsrisiko für Kinder von Alleinerziehenden mit gut 40 Prozent deutlich höher aus als in Paarhaushalten mit – je nach Kinderzahl – 9,5 bis 14,1 Prozent. Kinder ausländischer Familien sind wegen geringerer Berufstätigkeit und Verdienste ihrer Eltern mit 30 Prozent einem doppelt so hohen Armutsrisiko ausgesetzt wie Kinder aus deutschen Familien. Insgesamt betrachtet leben in Haushalten ohne Erwerbstätige sogar bis zu 70 Prozent der Kinder unter der Armutsgrenze. Arbeitet dagegen ein Elternteil Vollzeit, sinkt das Armutsrisiko für den Nachwuchs auf zehn Prozent. Haben gar beide Eltern Arbeit, spielt Armut in der Familie praktisch keine Rolle mehr. Aber auch ältere Kinder – besonders zwischen 15 und 18 Jahren – sind häufiger von Armut betroffen als jüngere. Dafür gibt es nach Angaben der Forscher drei Erklärungen: In dieser Altersgruppe gibt es mehr Scheidungskinder, leben also mehr Jugendliche in Ein-Eltern-Haushalten. Ein anderer Teil von ihnen ist bereits von zu Hause ausgezogen, aber „verfügt nur über ein geringes Erwerbseinkommen“. Und nicht zuletzt brauchen ältere Kinder generell mehr Geld als jüngere – zum Beispiel für Handy, iPod und Computer.

Der Unicef-Vorsitzende Jürgen Heraeus forderte am Montag nicht nur eine bessere materielle Versorgung der Kinder, sondern will „Verantwortungsgefühl, Eigenaktivität und Konfliktfähigkeit von klein auf fördern“. Der Soziologe Hans Bertram, der die Unicef-Studie verantwortet, appellierte an die Politik, Kinder nicht nur aus der ökonomischen Perspektive zu sehen und den in Ressorts zersplitterten Ansatz zu überwinden.

Der zersplitterte Ansatz wurde am Montag allerdings eher noch vertieft. Während Bundesarbeitsminister Olaf Scholz wenige Tage zuvor nur jedes achte Kind als armutsgefährdet sieht, zählt von der Leyen jedes sechste. „Wir haben tiefenschärfere Daten aufgearbeitet“, sagte von der Leyen jetzt. Die Mindestlohnidee des Kabinettskollegen lehnte sie erneut ab. Sie sagte: „Wenn einer Vollzeit arbeitet, ist es möglich, eine Familie gut zu ernähren.“ Sie betonte aber auch den Wert des Kindergelds, das gerade in Deutschland das Armutsrisiko erheblich dämpfe. Deshalb erneuerte sie ihre Forderung, das Kindergeld nach der Zahl der Kinder zu staffeln. Für das dritte Kind sei die Leistung seit 1995 nicht mehr erhöht worden. „Wir haben in Deutschland das dritte Kind vergessen.“

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