Jeans : Bleichen, ätzen, waschen

Fast jeder besitzt ein Paar Jeans. Die Bread & Butter zeigt, wie groß die Unterschiede sein können.

Romy Uebel

Jeans stehen im Zentrum der Bread & Butter, denn der Denimmarkt zählt zu den absatzstärksten Segmenten der Modeindustrie. Aus den funktionalen Hosen, die Levi Strauss 1873 erfand, hat sich eine Bandbreite entwickelt, die von Basics bis zu kostbar verzierter Denimcouture reicht. Mal wird aus Kokosfasern gewebt, mal mit Schlamm gefärbt, mal gestaltet ein Laser die Form, mal wird Gold ins Stöffchen implantiert.

Da seit dem Comeback der Röhre vor einigen Jahren beim Thema Silhouetten nicht viel Neues passiert und nahezu jeder Anbieter schmale, gerade und weite Formen im Programm hat, sind Heritage und Authentizität zu inflationär benutzten Begriffen geworden. Die älteste, die aufwändigste, die seltenste Jeans – für Superlative sind Denimfreaks bereit, fast jeden Preis zu zahlen, und eine Story wandert heute meist automatisch mit in die Einkaufstüte.

Veteranen wie Levi’s, Lee und Wrangler reproduzieren in regelmäßigen Abständen Stücke aus den eigenen Archiven, in stillgelegten Minen oder auf Dachböden gefundene Relikte werden mit Stolz und großem PR-Bohei der Öffentlichkeit präsentiert.

Wo die Vergangenheit nicht zum Verkaufsargument reicht, wird auf Stoff und Verarbeitung gesetzt. So darf afrikanische Baumwolle wegen ihrer Weichheit entsprechend teuer sein, das beste Händchen bei der Weiterverarbeitung der Baumwolle zu Denim wird den Japanern nachgesagt.

Noch entscheidender als der Stoff sind jedoch Waschungen und die sogenannten Finishes, also Ausstattungen, künstliche Abnutzungen oder Beschichtungen. Echte Kenner setzen zwar auf sogenannte Raw- oder Rigid-Waren, also ungewaschene Stoffe, und tragen diese selber ein, das Gros der Konsumenten favorisiert allerdings Used-Optiken. Um diese ungekünstelt und echter oder aber auch verrückt und übertrieben zu gestalten, wird gesandstrahlt, geätzt, gebleicht und gewaschen. Wenn dann auch noch Handarbeit im Spiel ist, klettern die Preise schnell auf 300 oder auch 800 Euro.

Welche Innovationen für den Sommer 2010 zu erwarten sind und welche Labels gerade von sich reden machen, erfuhren wir von internationalen Experten auf der Bread & Butter.


YOU NGUYEN
LEVI'S

Im vergangen Jahr haben wir entschieden, die 501 wieder stärker ins Zentrum zu setzen. In unsteten Zeiten sehnen sich die Menschen nach authentischen Produkten, und die 501 ist die Quintessenz der Jeans. Aus der neuen Kollektion mag ich die leichten Denims, bei den Damen die sonnengebleichten Farben und den weichen Griff, das ist sexy, weiblich und tough gleichermaßen.

Mein Styling-Tipp für den kommenden Sommer: Denim von Kopf bis Fuß! Zum Lieblingsschnitt, egal ob schmal, gerade oder weit, kombiniert man ein Jeanshemd. Und selbstredend sollte man sich nicht ohne Levi''s Trucker Jacket erwischen lassen. Wer es extrem mag, trägt alles in demselben Indigoton, gemäßigter wirkt es, wenn man verschiedene Schattierungen mischt. Auch einen Komplettlook in Weiß finde ich frisch und pur. Tuniken und T-Shirt-Kleider über schmalen Röhren bleiben wichtig, ansonsten spielen Frauen immer stärker mit Proportionen. Generell vertrete ich die Meinung, dass persönlicher Stil sehr viel wichtiger ist als kurzlebige Mode.


JASON DENHAM
DENHAM THE JEANMAKER

Bevor man eine Jeans entwirft, sollte man die Geschichte verstanden haben. In unserem Studio gibt es über 1000 Vintage-Stücke. Was uns von anderen unterscheidet, ist die Leidenschaft für modernes Design, dessen Kombination mit der Vergangenheit und die Unterwanderung von Konventionen. Deshalb sind wir sehr erfolgreich, obwohl wir unser Label erst im vergangenen Jahr gegründet haben.

Für diesen Sommer haben wir für die Frauen eine Haremshose mit tiefem Schritt, oben viel Volumen und schmalen Beinen. Als Vorlage dienten marokkanische und türkische Originale aus unserem Archiv, wir haben sie sexy und feminin umgesetzt. Bei den Herren bleibt die Röhre mit schmalem Saum. Neu ist ein Modell mit ergonomischen Taschen und einer speziellen Frontkonstruktion, die eine niedrige Leibhöhe simuliert.

Für den Sommer 2010 benutzen wir viele alte Stoffe für neue Modelle, zum Beispiel alte holländische Armeeschlafsäcke oder den Stoff antiker Kimonos.


REY GAUTIER
EDWIN
In den achtziger Jahren gehörte eine Edwin noch zur Grundausstattung. Zurzeit müssen wir eingestehen, dass wir gewisse Turbulenzen durchleben. Aber das liegt in der Natur unseres Geschäfts. Der einzige Weg aus dieser Misere ist Beständigkeit. Edwin hat sich nie von seinen japanischen Wurzeln entfernt, wir entwickeln weiter konstant gute Denim Styles, Konstruktionen und Waschungen. Unser Ziel sind Integrität und Qualität, schließlich steht die Marke bereits seit 1947 für Handwerk.

Das Modell Nashville aus japanischem Red Listed Selvage etwa ist ein absolut zeitloser Klassiker. Funktionalität und Verfeinerung waren die Hauptinspirationen für den kommenden Sommer. Meine persönlichen Lieblingsstücke sind die ED47 Rainbow Listed Selvage, eine gerade Hosenform mit etwas tieferem Bund, das schwarze Navigator-Chambray-Hemd, ein Parka aus feinem Twill und die Lederhalbschuhe Armstrong, die wir gemeinsam mit dem Label Folk entwickelt haben.

TONY TONNAER
KUYICHI

Grün ist kein Trend, denn Trends sind endlich. Grün ist richtungweisend für die Zukunft, daran wird sich nichts mehr ändern. Wir haben das Glück, bereits zu den renommierten Marken zu gehören.

Seit fast zehn Jahren beweisen wir, dass Nachhaltigkeit möglich ist: Respekt für die Arbeiter und Arbeiterinnen, Interesse für soziale und ökologische Belange im Herstellerland sind feste Bestandteile unserer Firmenphilosophie. Wir arbeiten mit Made-by, einem unabhängigen Verbraucherlabel, das Marken analysiert und auf dem Weg zu Nachhaltigkeit unterstützt. Jeder Kunde kann auf ihrer Homepage sehen, wie weit wir schon sind und woran wir noch arbeiten.

Recycling ist zurzeit das Topthema. Wir verarbeiten PET-Flaschen zu Jacken und T-Shirts und experimentieren viel mit Hanf und Tencel, einer Faser aus Eukalyptus. In jeder Hinsicht nachhaltig zu leben, ist leider noch unmöglich. Aber ich bemühe mich, trage nur Kuyichi, fahre ein Bio-Ethanol-Auto, benutze daheim grüne Energie und mag Bio-Essen.


NICK STAVRAKAKIS
INDIGOFERA – PRPS-DISTRIBUTION
PRPS steht für „Product with a Purpose“, denn dem Gründer Donwan Harrell geht es in erster Linie um Zweckmäßigkeit und Funktionalität. Derzeit gehören unsere handgearbeiteten Hosen zum Exklusivsten, was der Markt zu bieten hat. Promis wie Brad Pitt oder Katie Holmes zählen zu unseren Fans.

Die Baumwolle stammt aus Afrika, das ist die robusteste Ware der Welt, die extrem viel Indigofarbstoff aufnehmen kann. In Japan entstehen Stoff und Finishes. Mindestens sieben Stunden Handarbeit und zahlreiche Flugkilometer stecken in jeder Hose. Das geht nicht billiger als 350 Euro. Unser typischer Kunde ist ein Purist, der seine Jeans am liebsten jeden Tag trägt.

Das Schöne an PRPS ist, dass es keine Trends gibt. Unser Konzept ist zeitlos und es beinhaltet seit der Gründung nur vier Schnitte. Es gibt allerdings keine Waschung unter der Sonne, die wir nicht im Sortiment haben, von ganz soften Rinse-Optiken bis zu ganz extremen Zerstörungen. Damit experimentieren wir.

Die Jeans, die ich persönlich besitze, habe ich nie gezählt. Es dürften so um die 350 bis 400 sein, sehr viele davon habe ich noch nie getragen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben