Zeitung Heute : Jeans und Altmetall

David Buckingham baut Skulpturen aus Schrott – die Marke Wrangler nutzt das für ihr Marketing

Ein Mann fährt mit seinem Pick-up bei sengender Hitze durch die ländliche Einöde Kaliforniens. Manchmal hält er an, wenn er am Straßenrand ein rostiges Fahrzeugwrack findet, das ihm gefällt. Dann holt er seinen schweren Industrieschneidbrenner aus dem Wagen und fängt an, Blechstücke aus der verwitterten Karosserie zu trennen. Die lädt er auf und bringt sie in seine Werkstatt in einem heruntergekommenen Viertel von Los Angeles. Dort zerlegt er sie und schweißt sie zu Kunstwerken zusammen – Schriftzügen, die Zitate aus klassischen Hollywoodfilmen ergeben, oder auch großmaßstäblichen Nachbildungen berühmter Pistolen der Welt- und Kinogeschichte.

Der Mann ist keine Erfindung eines amerikanischen Independent-Regisseurs, wie man vielleicht denken könnte, sondern ganz real: Es ist David Buckingham. Im Moment ist er in Berlin, die Galerie Kit Schulte zeigt eine Auswahl seiner Werke, die als zeitgenössische Pop-Art gefeiert werden und mittlerweile bei zahlreichen Stars der Musik- und Filmbranche an den Wänden hängen. Dem jugendlich wirkenden 52-Jährigen sieht man seine bewegte Vergangenheit – er war erst hochbezahlter Werbetexter in New York, dann drogenabhängig und machte mehrere Entzugskuren – höchstens auf den zweiten Blick an. Er erzählt enthusiastisch von seiner Arbeit, von seinen einsamen Streifzügen durch die Wüste – „dort gibt es Schlangen, giftige Spinnen und Coyoten“ – den Begegnungen mit seltsamen Landbewohnern, die merkwürdige Drogen nehmen, und der Suche nach perfekt verwitterten Blechen in den richtigen Farbtönen. Alt müssen die Rohmaterialien für seine Werke sein, „authentisch“, wie er betont.

Angesichts dieser offen zur Schau gestellten Suche nach Wahrhaftigkeit verwundert der Blick in den Katalog: Auf den letzten Seiten findet sich eine Modestrecke, mit der die Jeansmarke Wrangler Werbung für ihre exklusive Linie Blue Bell macht. Die hat sich David Buckinghams Werke als „Inspiration“ für ihre aktuelle Kollektion ausgewählt. Dafür hat das Unternehmen, eine Tochter des US-amerikanischen Großkonzerns VF, den Katalog bezahlt und stattet den Künstler nun auch kostenlos mit Hosen aus. Ist diese Kombination von Kunst und Kommerz ein Problem? Für David Buckingham jedenfalls nicht – der sieht seine Rolle ganz unprätentiös: „Ich bin kein Künstler, sondern Bildhauer“, erklärt er. Seit er clean ist, hat er sich geradezu obsessiv der Arbeit verschrieben. Er kann es kaum erwarten, nach seinem Berlin-Besuch in seine Werkstatt in Los Angeles zurückzukommen und endlich wieder den Trennschleifer in die Hand zu nehmen. Die Verbindung zu Wrangler sieht er pragmatisch: „Ich mag einfach die Jungs und das, was sie machen.“ Er erzählt, dass ihn die Jeansfirma angerufen hatte, kurz nachdem er eines seiner Werke an die Kunstsammlung der Designerin Miuccia Prada verkauft hatte. Ohne groß nachzudenken, sagte er zu. Und hat es nicht bereut.

Für die Strategen von Wrangler ist Buckingham ein Glücksfall: Das, was er ganz selbstverständlich macht, entspricht genau den Schlagworten, mit denen heutzutage teure Jeans vermarktet werden. Während früher mit herzlich sinnentleerten Kampagnen nach dem Motto „Du bekommst die Frau, wenn du unsere Hosen trägst“, für Jeans geworben wurde, geht es nun – zumindest im gehobenen Segment – um handwerkliche Qualität, gealterte Materialien und die historischen Wurzeln in der Arbeitskleidung schwer schuftender Amerikaner, kurz gesagt: um „Authentizität“, oder zumindest das Bild davon. Denn für die Blue-Bell-Linie verwendete Wrangler zwar den historischen Namen des 1904 gegründeten Unternehmens, die Marke gibt es allerdings erst wieder seit 2004.

Da bedarf es schon starker Bilder, um das gewünschte Image zu erzielen. Und genau die liefert David Buckingham mit seiner geradezu altmodischen, körperlichen Schwerarbeit, dem korrodierten Metall und den inhaltlichen Bezügen auf die amerikanische Popkultur der vergangenen Jahrzehnte. Ganz konsequent hat das Unternehmen das Streben nach Authentizität aber nicht durchgezogen: Dass in der Werbekampagne für Blue Bell das Topmodel Tony Ward die Rolle des Bildhauers übernahm und selbst zum Trennschleifer griff, gab Buckingham anfangs ein wenig zu denken. „Ist aber in Ordnung, er war ja mal der Liebhaber von Madonna.“

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