Zeitung Heute : Jede freie Minute zählt

Viel Arbeit, wenig Freizeit: Masterstudierende stehen oftmals voll im Berufsleben

Philipp Eins

Der Stundenplan von Daniela Ruge ist straff organisiert, wie in der Schule. Kein Problem für sie: „Ich brauche Disziplin, einen geregelten Arbeitstag“, sagt die 30-jährige Fachhochschulstudentin. Das hat sie schon nach dem Abi gemerkt. Nachdem sie ein kulturwissenschaftliches Studium an der Universität Leipzig schmiss, machte sie eine Ausbildung zur Werbetexterin, arbeitete in einer Hamburger Agentur. „Gutes Geld und wenig Freizeit – das reichte mir irgendwann.“

Ruge tauschte ihren Job gegen ein neues Studium. Diesmal sollte es Wirtschaftskommunikation sein, an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (FHTW). Die Mischung aus viel Praxis und kurzen Studienzeiten stimmte: Nach drei Jahren hatte sie den Bachelor in der Tasche, einen ersten berufsqualifizierenden Hochschulabschluss. Ihr nächstes Ziel ist das Master-Zertifikat, mit dem sie sich auf Öffentlichkeitsarbeit spezialisieren will. „Weg von der klassischen Werbung und ran an die Menschen.“

Akademische Lehre und Berufsausbildung: Die Berliner Fachhochschulen wollen mit ihren neuen Abschlüssen beides anbieten. Denn wer sich für einen praxisbezogenen Master entscheidet, kann hinterher trotzdem in die Wissenschaft gehen. „Formal sind Masterabschlüsse an Universitäten und Fachhochschulen gleichwertig“, bestätigt Jürgen Zöllner, Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Berlin. „Wer an einer Fachhochschule erfolgreich abschließt, kann promovieren.“

Auch Tenta Grazhdani kam über den FH-Master in die Wissenschaft. Die Sozialarbeiterin aus Albanien besuchte die Alice Salomon Hochschule (ASFH) in Berlin, studierte dort interkulturelles Konflikt-Management. „Ich wollte ein mir fremdes, exotisches Land bereisen“, sagt Grazhdani. „Während des Kommunismus konnten wir 45 Jahre lang nicht in den Westen.“

Außer Exotik bot das Studium an der ASFH noch mehr: Grazhdani lernte, wie soziale Arbeit mit verschiedenen Ethnien funktioniert. Sie machte beim Roten Kreuz in der Schweiz ein Praktikum, schuftete in den Semesterferien als Sozialarbeiterin in Tirana, der albanischen Hauptstadt. Seit ihrem Masterabschluss im Jahr 2003 arbeitet sie dort an der Universität. „Ich habe geholfen, einen Studiengang wie an der ASFH in Tirana einzuführen“, sagt Grazhdani. „Auch in Albanien leben Sinti und Roma, verschiedene Ethnien, mit denen wir arbeiten.“

Für die akademische Laufbahn entscheiden sich jedoch nicht viele Studierende. Wer einen Master macht, steht oft bereits fest im Berufsleben. So wie Stephan Richter. Nach seinem Diplom in Sozialarbeit 2001 bekam er sofort einen Job, betreut seitdem Wohnungslose und Haftentlassene in einer Berliner Einrichtung. Trotzdem begann er ein Teilzeitstudium in klinischer Sozialarbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB). Mit dem Master möchte er sich auf die Arbeit mit psychisch Erkrankten spezialisieren. Dafür büffelt er abends, an den Wochenenden und im Urlaub.

„Einmal im Monat treffen wir uns in Blockseminaren von Freitag bis Sonntag“, sagt der 34-Jährige. „Ansonsten lernen wir am Schreibtisch.“ Fünf Semester lang bedeutet das: Viel Arbeit, wenig Freizeit. Richter sieht seine Freunde selten – „aber die verstehen das.“

André Wecker kennt die Sorgen. Auch er studiert neben dem Beruf. Tagsüber arbeitet der 33-Jährige beim Spandauer Bezirksamt, abends und am Wochenende studiert er Europäisches Verwaltungsmanagement als Fernstudiengang an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege Berlin (FHVR). In diesem Fernstudiengang kann Wecker nach sechs Semestern den Masterabschluss erwerben. „Ich arbeite 40 Stunden die Woche auf dem Amt“, sagt Wecker. Zusätzlich sitzt er jeden Tag ab halb fünf vor den Studienbriefen. 15 bis 20 Stunden pro Woche.

Auch wenn die Freizeit knapp ist: Weder Stephan Richter noch André Wecker möchten die zusätzlichen Stunden vor dem Schreibtisch missen. „Nicht nur wegen der besseren Berufschancen: Man kann seine Interessen ausleben, Wissen erweitern“, sagt Wecker. „Hätte ich eine Familie, ginge das nicht.“

Klingt, als wäre der Master ein Beschäftigungsprogramm für unausgelastete Singles. Unsinn, meint Ingo Bischoff. Einen Baum pflanzen, ein Haus bauen, ein Kind zeugen: Der 38-jährige Brandenburger aus Hohen Neuendorf hat das alles hinter sich. Den Master in Medieninformatik an der Technischen Fachhochschule Berlin (TFH) wollte er trotzdem haben.

„Neben meiner Arbeit als EDV-Techniker und der Familie bleibt wenig Zeit – da muss ich zum Lernen schon mal nachts aufstehen“, sagt Bischoff. Dafür ist der Stoff multimedial aufbereitet: Das Studium wird von der TFH als Online-Lehrgang angeboten. Vorlesungen werden als elektronische Rundbriefe verschickt, ergänzt mit Animationen, Grafiken und Tönen. Auch seine Kommilitonen sieht Bischoff in virtuellen Klassenräumen: „Wir treffen uns in Internetforen, um über den Stoff zu diskutieren.“ Das erleichtert die Arbeit.

Seinen Arbeitgeber möchte Bischoff erstmal behalten, auch nach dem Abschluss. Wer dagegen mit seinem Master einen neuen Job angeln will, hat gegenüber Diplom- und Magisterabsolventen gute Chancen. „Der Master stößt auf eine breite Akzeptanz bei den Unternehmen“, sagt Gerhard F. Braun, Vizepräsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA). Grund seien die überfachlichen Kompetenzen, die der Studienplan für Bachelor- und Masterstudierende vorsieht. „Arbeiten im Team und die Beherrschung von Präsentationstechniken sind für das Berufsleben unerlässlich.“

Der Nachteil: Viele Masterprogramme sind kostspielig. Während für den Studiengang Wirtschaftskommunikation an der FHTW die üblichen Semestergebühren von etwa 250 Euro fällig sind, müssen Studierende an anderen Hochschulen mehr blechen. 1 100 Euro pro Halbjahr kostet der Masterstudiengang Klinische Sozialarbeit an der KHSB, an der FHVR sind es etwa 900 Euro pro Semester für das dreijährige Studium in Europäischem Verwaltungsmanagement.

Benjamin Bode nimmt hohe Kosten für seine berufliche Weiterbildung in Kauf. Rund 12 500 Euro zahlt er für ein zweijähriges Masterstudium in Unternehmensmanagement an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin (FHW). Dazu kommen Fahrtkosten zwischen Berlin und Leipzig, wo er bei den städtischen Wasserwerken arbeitet. „Meine Ersparnisse reichen gerade so“, sagt Bode. „Aber das ist es mir wert.“

Mit dem Master of Business Administration, kurz MBA, möchte der Wirtschaftsinformatiker seine Kenntnisse in Mitarbeiterführung, Marketing und Rechnungswesen erweitern. „An der Universität habe ich zwar BWL-Kurse belegt. Doch das war mir zu theoretisch.“ Der MBA an der FHW richtet sich vor allem an Ingenieure, Natur- und Geisteswissenschaftler, die sich für Führungspositionen qualifizieren oder gleich ein eigenes Unternehmen gründen wollen. Mit dem MBA in der Tasche einen neuen, lukrativen Job finden: Benjamin Bode könnte sich das gut vorstellen. Die Investitionen für das Studium hat er dann hoffentlich schnell raus.

Neue Aufgaben sucht auch Nicole Nowarra. Die 39-Jährige arbeitet seit 15 Jahren als Sozialarbeiterin in einer Haupt- und Realschule in Berlin-Kreuzberg. „Irgendwann hatte ich genug vom Schulalltag“, sagt Nowarra. Als sie vor einigen Jahren das erste Mal an die Elfenbeinküste reiste, hat sie das Interesse für Westafrika gepackt.

Nowarra belegte den Masterstudiengang Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession, den die Evangelische Fachhochschule Berlin (EFB) zusammen mit anderen Berliner Hochschulen anbietet. „Während des Studiums wollte ich erforschen, ob die Kinderrechtskonventionen der UN an der Elfenbeinküste tatsächlich fruchten.“ Sie besuchte Jugendliche in afrikanischen Gefängnissen, traf sich mit Straßenkindern. „Das Master-Studium gibt mir inzwischen Selbstbewusstsein“, sagt Nowarra. „Ich kann mich auf ein Netz von Forschern verlassen.“ Nach dem Abschluss möchte sie als Beraterin für eine Hilfsorganisation arbeiten. Ein Angebot hat sie schon.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben