Zeitung Heute : Jede Jahreszeit hat ihren eigenen Klang

Günter Blutke

In ihrem Haus am Deich von Slo¿nsk kann Izabella Engel die Jahreszeiten hören. Es muss längst Frühling sein. Irrtum ausgeschlossen, denn im Horst auf dem Nistmast im Garten klappern die Störche. Zur Begrüßung, wenn sich die Partner beim Brutgeschäft ablösen oder wenn ein Greifvogel bedrohlich dicht vorbeifliegt. Vor gar nicht langer Zeit hörte man vor ihren Fenstern noch Singschwäne, aber die sind inzwischen in ihre nördlichen Brutgebiete abgezogen. Ebenso wie die meisten der, grob geschätzt, 150 000 Grau-, Saat- und Blässgänse, die Jahr für Jahr pünktlich zum Herbstbeginn einfliegen und mit den Schwänen wieder verschwinden. Nur der Sommer hält sich zurück. Sein Markenzeichen ist die Stille, unterbrochen nur vom Gekreisch aufgestörter Lachmöwenkolonien und dem Trompeten der Kranichtrupps beim Einflug zum Schlafplatz.

Izabella Engel, die studierte Försterin, wohnt am richtigen Platz für ihr nebenbei betriebenes Gewerbe: Sie ist Chefin von "Hoopoe", einem winzigen Naturreisebüro. Nach Anmeldung führt sie Vogelliebhaber oder Naturfotografen und verleiht auch schon mal ein Boot für Ausflüge auf dem endlosen Wassermeer mit dem von überall her sichtbaren Garanten für sichere Rückkehr, dem Turm der Slo¿nsker Kirche.

Slo¿nsk, eigentlich mit dem Schrägstrich durch das "l" geschrieben und "Swonsk" gesprochen, liegt rund hundert Kilometer von Berlin-Mitte und exakt zwölf vom Grenzübergang Küstrin entfernt. Acht Kilometer davon sind auch zu dieser Jahreszeit noch mit Wasser links der Straße überflutet, eine Wasserfläche bis zum Horizont, durchsetzt mit Baumgruppen, Weidenbüschen und Schilfgürteln. Diese Landschaft an der Warthemündung ist so einzigartig, dass sie in dem an Naturschönheiten wahrlich nicht armen Polen zum Nationalpark "Warthemündung" erklärt wurde.

Bis 1945 hieß der kleine Ort Sonnenburg. Ein großer Teil der Einwohner musste das Städtchen in der Nacht vom 30. Januar räumen, weil die Wehrmachtsgeneräle das Gebiet vor der Festungsstadt Küstrin zur Kampfzone erklärt hatten. In jener Nacht, in der die Güterzüge mit den deutschen Bewohnern auf der jetzt stillgelegten Strecke nach Küstrin rollten, wurden im berüchtigten Zuchthaus 819 Gefangene erschossen, darunter 91 junge Luxemburger, die sich geweigert hatten, für die deutsche Wehrmacht zu kämpfen. Daran erinnert ein vom Großherzog Luxemburgs angelegter Gedenkhain, aber auch eine Ausstellung am Platz des Zuchthauses.

Bemerkenswert ist die Ausstellung auch deshalb, weil hier in Erlebnisberichten von Polen und Deutschen ohne politische Verklemmungen vom gemeinsamen Geschick der Vertreibung aus angestammter Heimat berichtet wird. Als im Juni 1945 die letzten Deutschen Sonnenburg verlassen hatten, wurden die Häuser von den aus den Ostgebieten vertriebenen Polen bezogen, die hier, wie die Radowskis in der Puschkinstraße, nun schon in der dritten Generation zu Hause sind.

Vom deutschen Sonnenburg ist das auffälligste Überbleibsel die gotische Johanniterkirche. Der Orden hatte den Ort und die dazugehörenden, damals noch stärker vom Wasser geprägten Ländereien, um 1425 gekauft und über die Jahrhunderte zu seinem Brandenburgischen Zentrum ausgebaut. Die merkwürdige, der Londoner Westminster Abbey nachempfundene Turmspitze, stammt aus dem Jahre 1817, ein Geniestreich des Geheimen Oberbaurats Karl Friedrich Schinkel. Vom danebenstehenden Ordensschloss blieb nach einem Brand im Jahr 1975 nur das Skelett übrig. Ein bis heute ungeklärter Kriminalfall.

Der Deich vor der um 1900 gebauten Pumpstation führt zu einem weit älteren an der Warthe. Friedrich II. ließ hier im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts von 3000 Kolonistenfamilien, oft im Ausland, in Ländern wie Sachsen oder der Pfalz angeworben, das Warthe- und Netzebruch trockenlegen. Sie siedelten in Dörfern, die sie Neu-Dresden, Stuttgart, Klein-Malta oder Philadelphia nannten. Für vorsichtige Fahrer ist der holprige Deich leicht mit Auto oder Fahrrad abzufahren, rechts davon immer wieder einzelne alte Gehöfte, alle mit dem obligaten Storchennest. In Kloptow verbindet eine Fähre beide Ufer der Warthe, wenn sie nicht verkehren sollte, dann kommt man einige Kilometer weiter über die nächste Brücke zum Deich auf der anderen Flussseite.

Ein anderes Land, aber auch eine andere Welt, in der jede Jahreszeit ihren eigenen Klang hat. Für einen Tagesausflug fast zu schade, aber man kann ja jederzeit wiederkommen.

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