Zeitung Heute : Jede Krise bietet eine Chance

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TRIALOG

Wie schnell sich manchmal die Dinge ändern und die Wortwahl auch. „Das ganze deutsche Volk" sei von der Hochwasserkatastrophe betroffen, sagte der Bundespräsident in seiner eindringlichen Fernsehansprache. Lange ist es noch nicht her, dass ein Streit nicht nur mitten durch den Bundestag ging, ob der Reichstag noch dem deutschen Volke oder besser der Bevölkerung zu widmen sei.

Not und Bedrohung können zusammenführen. So wird die Erkenntnis neu bestärkt, dass Nation mit Schicksalsgemeinschaft zu tun hat. Allen Fortschritten zum Trotz bleiben die Menschen nicht nur den Naturgewalten ausgeliefert, sondern auch aufeinander angewiesen.

In den kurzen Ferientagen dieses Sommers zwischen Wahlkampf und Hochwasser habe ich ein ziemlich dickes Buch über Entwicklungen in Natur- und Geisteswissenschaften, Kunst und Kultur im 20. Jahrhundert gelesen. Manchmal wird einem angesichts der atemberaubenden Veränderungen fast schwindelig. Aber am Ende bleibt auch die Einsicht, dass in allem Wandel die Grundstrukturen menschlichen Verhaltens und menschlichen Zusammenlebens ziemlich konstant bleiben. Deshalb wirkt Geschichte auch über Schicksal und Befindlichkeit des einzelnen hinaus. Das Wiederaufleben jahrhundertealter Konflikte auf dem Balkan einschließlich der unterschiedlichen Reaktionen der europäischen Mächte darauf Anfang der 90er Jahre war so ein Beispiel.

Weil Geschichte lebt, ist es notwendig, Lehren aus ihr zu ziehen. Eine dieser Lehren ist, dass wir als Nation nicht nur Schicksals-, sondern auch Verantwortungsgemeinschaft sind, und das gilt für Vergangenheit wie für Gegenwart und Zukunft. Und dazu gehört, dass unser nationales Interesse besser aufgehoben ist, wenn wir Deutsche keine Sonderwege mehr gehen, sondern eingebunden bleiben in europäische Gemeinschaft, atlantische Solidarität und globale Zusammenarbeit. Für deutsche Wege und Alleingänge bleibt da kein Raum, in der Außen- und Sicherheitspolitik nicht und in der Umwelt- und Energiepolitik auch nicht. Hölderlin wusste, dass in der Gefahr das Rettende nahe ist. So liegt in jeder Krise immer auch eine Chance. Wenn wir uns in den Tagen des Hochwassers auf die Kräfte besinnen, die in der spontanen Einsatz- und Hilfsbereitschaft der Menschen stecken und in nationaler wie europäischer Solidarität, dann werden wir die Herausforderung bestehen und die verheerenden Schäden beseitigen können. In der freiheitlichen Gesellschaft steckt mehr Kraft und Solidarität, als gelegentlich Glauben gemacht wird. Es ist gut, dass sich das von Zeit zu Zeit immer wieder neu bestätigt.

Das erfordert auch Verlässlichkeit und den Verzicht auf nationale Alleingänge und sprunghafte Entscheidungen. In der Zueignung zu Goethes Faust heißt es "Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt". Für deutsche Politik darf das niemals mehr gelten.

Wolfgang Schäuble ist Präsidiumsmitglied der CDU und schreibt die Kolumne im Wechsel mit Ante Vollmer und Richard Schröder.

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