Zeitung Heute : Jede Menge Gedöns

Dagmar Rosenfeld

Studien belegen, dass berufstätige Frauen in Deutschland beim Gehalt schlechter gestellt sind als ihre männlichen Kollegen. Warum verdienen Frauen weniger?


Am Weltfrauentag war ordentlich „Gedöns“ im Deutschen Bundestag, um die Formulierung von Ex-Kanzler Gerhard Schröder zu benutzen. Die Frauen hatten im Parlament das Wort, obwohl Bundestagspräsident Lammert die Debatte versehentlich vorzeitig beenden wollte. Kanzlerin, Familienministerin und frauenpolitische Sprecherinnen, sie alle mahnten mehr Chancengleichheit für Frauen an. Was ein bisschen wie eine Debatte von gestern klingt, ist tatsächlich nach wie vor zeitgemäß. Obwohl so viele Frauen wie nie zuvor berufstätig sind – weltweit sind 40 Prozent der Beschäftigten weiblich –, verdienen sie immer noch deutlich weniger als Männer in vergleichbaren Positionen, heißt es in einer Untersuchung der Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO). Auch in Deutschland gibt es eklatante Gehaltsunterschiede. So ist hierzulande der Stundenlohn von Frauen im Durchschnitt 22 Prozent geringer als der von Männern, wie eine Studie der EU ergeben hat. Damit werden innerhalb der EU Frauen im Vergleich zu Männern nur in Estland, der Slowakei und Zypern schlechter bezahlt. Außerdem ist in Deutschland die Lohnschere in den vergangenen Jahren sogar noch weiter auseinandergegangen, während in Frankreich und Großbritannien die Unterschiede in der Bezahlung geringer geworden sind.

Warum Frauen in Deutschland nicht nur weniger verdienen, sondern auch seltener in Führungspositionen zu finden sind (nur 26 Prozent der Führungskräfte sind weiblich), dafür führt Reinhard Bispinck von der gewerkschaftsnahen HansBöckler-Stiftung mehrere Gründe an: „Zum einen spielt die Dauer der Berufstätigkeit eine Rolle, deswegen wirken Babypausen und Elternzeit karriereschädigend.“ Aus der EU-Studie geht hervor, dass es in erster Linie immer noch die Frauen sind, die ihre Arbeitssituation dem Familienleben mit Kindern anpassen. „Außerdem arbeiten Frauen oft in Branchen, die schlechter bezahlen“, sagt Bispinck. So sei der Anteil weiblicher Beschäftigter im Dienstleistungssektor besonders hoch. Altenpflege, Einzelhandel oder Friseurhandwerk seien typisch weibliche Berufsfelder. Doch neben diesen strukturellen Faktoren gebe es auch eine Frauenlohndiskriminierung: „Gesellschaftlich werden Tätigkeiten, die überwiegend von Frauen wahrgenommen werden, geringer bewertet“, sagt Bispinck. Das Antidiskriminierungsgesetz, das im August vergangenem Jahres in Kraft getreten ist, werde dieses Problem nicht lösen. „Dazu braucht es ein unmittelbares Gleichstellungsgesetz, das direkt auf die Genderfrage abzielt“, sagt er voraus.

Bispinck sieht beim Thema Chancengleichheit nicht nur die Politik, sondern auch die Tarifvertragsparteien in der Pflicht. So wie die Stahlindustrie in NRW in ihrem Tarifvertrag festgelegt habe, dass die betriebliche Politik auch auf den demografischen Wandel ausgerichtet werden muss, könnte künftig der Gleichstellungsaspekt bei Tarifabschlüssen aufgenommen werden.

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