Zeitung Heute : Jede Sekunde zählt

Ungewöhnliche Einsatzfelder für Semiotiker: Auch im Operationssaal können sie helfen

Heiko Schwarzburger

Wenn es um Sekunden geht: Bei schweren Verletzungen hängt das Leben eines Menschen oft am seidenen Faden. Dann beginnt für die Mediziner ein Wettlauf mit der Zeit. „Der Erfolg einer Operation hängt ganz wesentlich davon ab, wie schnell sich das medizinische Team über die Verletzungen und die Sofortmaßnahmen verständigt", sagt Massimo Serenari. Der Kommunikationsexperte von der Arbeitsstelle für Semiotik der TU Berlin beobachtet Krankenhausärzte bei ihrer Arbeit. Ihn interessiert, wie sich die Chirurgen, Schwestern und Anästhesisten auf neue Fälle einstellen, vor allem, wenn es um kompliziertere Verletzungen als bei Routinefällen geht. „Die Kommunikation innerhalb der Teams ist natürlich vom Wissen und den Erfahrungen der Ärzte, Pfleger und Schwestern geprägt", analysiert er. „Oftmals sind Entscheidungen notwendig, bei denen die Ärzte improvisieren müssen, meist unter erheblichem Zeitdruck."

Massimo Serenari ist Semiotiker, also ein Wissenschaftler, der sich mit der Deutung von Zeichen und Gesten beschäftigt. In der täglichen Arbeit der Mediziner sucht er nach bestimmten Gesten, Wörtern oder anderen Formen der Kommunikation, um sie zu verstehen und zu klassifizieren. Wie schnell sich die Ereignisse in einem Krankenhaus mitunter entwickeln, das durfte er an der Charité und im italienischen Klinikum Sant´Agostino, das zur Universität von Modena gehört, hautnah erleben. Innerhalb weniger Sekunden kann sich die Routine in dramatische Rettungsaktionen verwandeln. In Modena hatte er eine Videokamera dabei, um die Teamarbeit hinterher auszuwerten.

„Dort filmte ich gerade eine normale Operation, als auf der Intensivstation die Arterienprothese eines Patienten brach", berichtet er. „Der Mann drohte zu verbluten, eine Notoperation war unumgänglich. Doch ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt war kein Operationssaal frei." Auf Videoband führt er nun in seinem Berliner Büro im TU-Hochhaus vor, wie sich innerhalb einiger Sekunden ein verfügbares Operationsteam auf dem Gang sammelte. „Das ist ein typisches Muster: Erst kommt die Hiobsbotschaft. Danach herrschen einen kurzen Augenblick Chaos und Hektik, doch kurze Zeit später findet das Team einen synchronen Rhythmus und es kehrt wieder eine gewisse Routine ein", erläutert er. „Diese ersten drei Minuten, das ist die kritische Zeitspanne, in der sich das Überleben des Patienten entscheidet."

Im konkreten Fall entschied der italienische Chirurg, den Noteingriff sofort und ohne Umschweife auf der Intensivstation vorzunehmen. „Diese Station bietet zwar nicht die gesamte Technik und Sterilität wie ein Operationssaal, aber die wichtigsten lebenserhaltenden Systeme sind dort auch vorhanden“, erzählt er. „Außerdem musste der verantwortliche Chirurg schnell handeln, denn der Blutverlust des Patienten war enorm.“

Auf Serenaris Videofilm ist detailliert festgehalten, wie der Arzt seine Mitarbeiter anspornte. Weil es galt, erste Maßnahmen am Patienten sofort einzuleiten, mussten jeder Arzt und jede Schwester auf der Intensivstation ihre gewohnte Routine unterbrechen. Es blieb keine Zeit, die Hände zu waschen, Gummihandschuhe überzustülpen oder einen Mundschutz anzulegen. „Man sieht im Nachhinein auf den Videobildern sehr gut, wie ältere, erfahrene Kollegen diese Dinge faktisch zwischendurch erledigen. Jüngere Kollegen brauchten länger, um sich auf den Zeitdruck einzustellen."

In einem zweiten Film hielt Massimo Serenari fest, wie sich die italienischen Anästhesisten bei einer normalen Routineoperation verhalten. Ein Patient wurde an der Halsschlagader operiert. „Bei älteren Menschen kommt es oft zu Ablagerungen in den Arterien“, erklärt er. „Damit das Blut weiterhin ausreichend durch das Gehirn fließen kann, muss man diese Arterien reinigen." Ein wesentliches Problem bei Operationen an der Halsschlagader besteht jedoch darin, dass die Anästhesisten während der gesamten Operation überprüfen müssen, ob das Gehirn des Patienten ausreichend mit Blut versorgt wird.

„Sollte es bei der Blutversorgung zu Schwierigkeiten kommen, muss der Chirurg die Operation unterbrechen oder einen Bypass legen, der aber sehr aufwendig ist." Deshalb wird der Hals nur örtlich betäubt. Der Patient bleibt bei Bewusstsein. Er kann auf Anfragen der Anästhesisten reagieren oder durch Drücken eines Gummiballes zeigen, dass seine Motorik und Reflexe, sprich: wesentliche Hirnfunktionen, noch ungestört funktionieren.

„Bei solchen Operationen erweitert sich die Kommunikation im Operationssaal auf den Patienten, der regelmäßig Rückmeldungen über sein Befinden gibt", sagt Massimo Serenari. „Wenn er beispielsweise nicht mehr adäquat reagiert, kann seine eingeschränkte Reaktion mehrere Gründe haben: eine zu starke Narkose, Ablenkung oder aber eben lebensbedrohlicher Blutmangel im Gehirn. Dies ist gleichfalls eine Situation, in der die Mediziner die eingespielte Routine verlassen und improvisieren müssen.

Auch hierbei sind ihre Erfahrungen und ihr Wissen die wichtigsten Quellen für schnelle und vor allem richtige Entscheidungen.“ Serenaris Forschungsgebiet ist noch jung. Gemeinsam mit Medizinern, Psychologen, Arbeitswissenschaftlern und Informatikern wollen die TU-Semiotiker nun aus einer bestimmten Anzahl von dokumentierten Operationen Hinweise gewinnen, wie die Kommunikation effektiver gestaltet werden kann.

„Das wäre für die Ausbildung junger Mediziner von höchstem Wert", befindet er. „Wir wollen eine Art Standardmodell realisieren, mit dem sich die wichtigsten Kommunikationsprozesse nachvollziehen lassen. Damit könnte man es schaffen, die kritische Frühphase eines Notfalles zu verkürzen." Er zieht Parallelen auch zu anderen Berufsgruppen: Feuerwehrleuten, Polizisten oder Rettungsdiensten im Katastrophenschutz. „Aber vorerst bleiben wir bei den Medizinern", meint er. „Da haben wir noch viel Arbeit vor uns."

Arbeitsgruppe Semiotik der TU Berlin, Prof. Roland Posner, Telefon: 030/314-23633, E-Mail: posner@kgw.tu-berlin.de

Nähere Informationen im Internet unter: http://uebb.cs.tu-berlin.de/kosis/

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