Zeitung Heute : Jedem Anfang wohnt ein Zauder inne

In Saudi-Arabien wird gewählt. Nicht alle wissen, wozu – und wie das geht

Andrea Nüsse[Al Khobar]

Erste landesweite Kommunalwahlen in der Geschichte des islamischen Königreichs Saudi-Arabien, Donnerstag, zweite Etappe. Soleiman Abdullah Soleiman wirkt immer noch überrascht.

Der Mann hat gerade seinen Stimmzettel in eine Wahlurne geworfen, im Innenhof einer mit bunten Fähnchen geschmückten Koranschule in Al Khobar, im Osten des Landes. „Als jemand direkt hinter mir an der Wahlurne warten wollte, wurde er gebeten zurückzutreten, damit ich in Ruhe meine Stimmzettel ausfüllen kann“, sagt er. Der Mann ist Frauenarzt, Jahrgang 1947, er trägt ein blütenweißes bodenlanges Gewand und einen Schnauzbart, und er ist selbst Kandidat für die Gemeinderatswahlen in der saudischen Ostprovinz. Beseelt von der Ernsthaftigkeit im Wahllokal greift er jetzt ein, als er vor der Tür einen bärtigen Mann sieht, der bei den Wartenden für Kandidaten wirbt. „Illegale Wahlbeeinflussung“, schimpft er und zückt seine kleine Digitalkamera, um den Übeltäter zu fotografieren. Der geht schnell weg.

Soleiman hat keinen Zweifel, dass dies ein konservativer Religiöser war, möglicherweise ein Sittenwächter, ein Mutawwa. Normalerweise sind es die Mutawwas, die anderen Saudis sagen, wie sie sich kleiden sollen, was erlaubt ist und was verboten. Doch am Wahltag gelten andere Gesetze, und Soleiman freut sich, dass er den Spieß einmal umdrehen kann.

Bei den Wahlen in den Ostprovinzen wird die Hälfte der Gemeinderatsmitglieder bestimmt. Die andere Hälfte wird von der Regierung ernannt. Am 10. Februar hatte bereits die Hauptstadtregion um Riad gewählt, im April sollen die Einwohner der restlichen Provinzen ihre Stimme abgeben. Frauen sind von der Abstimmung ausgeschlossen.

Soleiman hat einen bescheidenen Wahlkampf geführt, 10000 Rial hat er ausgegeben, etwa 2000 Euro. Kandidaten in Riad hatten sich das bis zu 15 Millionen Rial kosten lassen.

Soleimans Wahlkampfzentrale war seine gynäkologische Klinik an der König-Fahd-Straße: Hier hängt ein riesiges Plakat mit dem Foto des Arztes, der sich als „Schlüssel“ für besseren Service in der Gemeinde präsentiert. 15 Frauen verschickten für ihn E-Mails und SMS-Botschaften. In der Tasche seines Thaub, des langen Gewandes, hatte Soleiman kleine Wahl-Visitenkarten, mit einem Foto in OP-Kleidung mit Mundschutz. „Ich kann sagen, dass ich Probleme behandeln kann“, sagt er. Und wenn er rausging, hatte er immer einige Stücke Würfelzucker dabei, auf deren Papierverpackung sein Name stand. Die holte er aus der Tasche, wo immer Tee serviert wurde. Der Lacherfolg war garantiert.

Ob es bei 36 Konkurrenten in seinem Wahlkreis für einen Wahlsieg reicht, weiß der Arzt nicht. Ob die Wahlen wirklich der Beginn einer ernsthaften Demokratisierung der absoluten Monarchie sind, weiß er ebenso wenig. „Aber wenn ich nicht angetreten wäre, könnte ich nicht guten Gewissens darüber meckern, dass es nicht vorangeht“, sagt er.

Politische Erfahrung hat Soleiman aus seiner Studentenzeit in Europa, als er in der Solidaritätsbewegung für die Palästinenser aktiv war. Damit ist er anderen Kandidaten in dem Land, in dem es keine Parteien und erst neuerdings öffentliche politische Debatten gibt, voraus. Die meisten verstehen nur etwas von Geschäften oder religiöser Mobilisierung.

In Soleimans Wahlprogramm kommt Religion nicht vor. Auch die große Politik ist nicht seine Sache. Er will Jugendklubs gründen, die Kultur fördern, die Stadt sauberer machen und dafür sorgen, dass die Nebenstraßen Al Khobars befahrbar werden. „Wir sitzen hier in der Ostprovinz auf den größten Erdölreserven der Welt und haben nicht einmal anständige Straßen, das ist eine Schande“, sagt er, als er mit seinem orangefarbenen, zweitürigen Volvo durch ein tiefes Schlagloch fährt. Doch viele Wähler haben keine Ahnung, was die Aufgabe eines Gemeinderates ist.

Ein junger Mann, der zu Soleiman in die Praxis kommt, um ihn kennen zu lernen, fordert mehr Arbeitsplätze. 21 Jahre alt ist er, er sagt: „Egal was ich studiere, ich habe keine Zukunft.“ Er trägt Jeans und schulterlanges Haar und macht eine Ausbildung zum Instandhalter medizinischer Geräte. Außerdem wünscht er sich Kinos in Saudi-Arabien. Soleiman erklärt ihm, dass der Gemeinderat dies nicht entscheiden könne. Doch der junge Mann redet unbeirrt weiter, als wolle er einfach einmal alles loswerden, was ihn beschäftigt. Er wirkt dankbar, dass ihm jemand zuhört.

Soleiman steigt wieder ins Auto und setzt seine Runde durch die 33 Wahllokale der Stadt fort. Wenn er in Al Khobar nicht gewählt wird, sagt er, will er dennoch sein Lieblingsprojekt verwirklichen: eine Städtepartnerschaft. Seine Heimatstadt Al Ghat in der Zentralprovinz Nejd will er mit dem österreichischen Dorf Zwittel, der Heimat seiner Ehefrau, verbandeln. „Wir müssen uns öffnen, egal wie“, sagt Soleiman und gibt Gas.

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