Zeitung Heute : Jedem sein Internet: Die Vielfalt im Netz schreit nach der persönlichen Ordnung

Matilda Jordanova-Duda

Joachim von Ahn war von der Idee so sehr überzeugt, dass er seinen Job als kaufmännischer Geschäftsführer bei AOL kündigte und mit vier weiteren Ex-AOLern die Firma daybyday gründete. Ihr Produkt: ein persönlicher WebOrganizer. Alles in einem und von überall her, wirbt daybyday. Die Kunden können ihre Termine, Adressen, Bookmarks und Dateien auf dem Internetserver von daybyday ( www.daybyday.de ) ablegen und aus jedem Gerät mit Internet-Zugang, egal ob PC, Handy oder Palm, auf sie zurückgreifen. Damit soll es endlich Schluß sein mit dem Durcheinander von Speicherplätzen. Denn wie läuft es bisher? Termine, Adressen und Aufgaben werden auf mobilen Organizern notiert, die Web-Favoriten im Browser abgelegt und wichtige Dokumente sind auf dem PC gespeichert.

Die Hamburger Firmengründer wollen zudem die Kunden anhand ihres Interessenprofils mit entsprechenden Veranstaltungshinweisen, Messeterminen und Links versorgen. Der Dienst ist kostenlos und werbefinanziert, da kann man vielleicht nachsehen, dass das Interessenprofil nicht allzu detailliert ist und vor allen Dingen Bundesliga und Anlagetips zur Auswahl bietet. Ende Mai hat T-Online 55 Prozent von daybyday übernommen und will den WebOrganizer ins eigene Portal eingliedern.

Womit die Zeichen der Zeit erkannt wären: Mach dir dein eigenes Internet! Der Nutzer scheint von der Vielfalt von mehr als einer Milliarde Websites überfordert zu sein und will sie endlich nach eigenen Vorlieben ordnen. Als ob auf das Wissen und den Geschmack der professionellen Vorsortierer bei Yahoo, T-Online und Co. kein Verlaß wäre. Aber nein, jeder ist doch selber Experte. So sieht es zumindest das Berliner StartUp-Unternehmen meOme.

Bei diesem jungen Internet-Dienstleister kann jeder künftig sein eigenes Portal, Personal Internet genannt, entwerfen. Das Personal Internet existiert bei meOme bislang nur in einer Demo-Version: meine Game-Links, meine Party-Links, meine Aktien, meine Kampfsport-Links, mein AbiJahrgang. Das klingt ja sehr nach männlich, einigermaßen jung, einigermaßen betucht und sehr erfolgsorientiert. Aber das Personal Internet ist schließlich dafür gedacht, auch andere Zusammenstellungen zu erlauben: meine liebsten Bücher, meine gescheitesten Mütter mit Modem, meine ergiebigsten Geschenkseiten und so weiter.

Im Personal Internet wird man genau die Seiten, News, Foren, Bookmarks und Shops aufbewahren können, die einen interessieren, verspricht meOme-Gründer Philipp Stolberg. Aus den mehr als 170 themenspezifischen Portalen ( www.meome.de ) soll sich jeder Interessierte Links und Inhalte zusammenklauben. Bei Problemen helfen die Guides der Portale weiter. Wie man zu seinem Personal Internet kommt, hat der Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir bereits mit seiner Turkish Community vorgeführt. Darunter sind politische Vereine, orientalische Rezepte, türkische Kabarettisten in Deutschland und internationale Krankenhäuser in Istanbul zu finden. Dem Personal Internet prophezeiht Stolberg dieselbe große Zukunft wie einst dem Personal Computer und zitiert dabei den Marktforscher Forrester Research. Auf den einzelnen Nutzer zugeschnittene Online-Angebote würden demnach in den nächsten vier Jahren 60 Prozent des Internet-Marktes ausmachen.

Mit dem Zusammenstellen des eigenen Internets kann man bei Christian Eigner und Franz Zuckriegl von 21st Channel in Graz indes schon beginnen. Die Betreiber bieten einen - wie sie versprechen - lernfähigen Webwatcher ( www.webwatcher.at ). Man kennt es ja: Kaum ist eine Linksammlung zum Spezialgebiet angelegt, flugs kommen neue Websites dazu, alte Adressen gelten nicht mehr. Der Webwatcher soll das Internet in festgelegten Zeitintervallen nach Links zum gewünschten Thema durchsuchen, die neuangekommenen kennzeichnen und die nichtrelevanten streichen.

Seine Lieblings-Links anderen zu empfehlen, gehört beim Dienst Oneview der Kölner Firma denkwerk zum guten Ton. Die Lesezeichen zu individuellen Themen werden von den Nutzern kommentiert, ergänzt, gar zu einer Bibliothek ausgeweitet. Es gilt das Schneeballprinzip: Je mehr Leute ihre Favoriten zur Verfügung stellen, desto attraktiver wird der Dienst. Niemand muß mehr im Urlaub oder auf Dienstreise auf seine geliebten Webseiten verzichten (siehe auch day-by-day). Da die Lesezeichen auf dem Internetserver von Oneview abgelegt sind, ist es möglich, mit einem Passwort aus jedem Computer darauf zurückzugreifen ( www.oneview.de ).

Damit nicht genug, will man dem französischen Unternehmer Michel Safars glauben. Und der Mann hat Großes vor: Schon in Kürze soll jeder der mehr als 300 Millionen Internet-Nutzer mindestens ein persönliches KeeBook besitzen. Ein KeeBook stelle man sich als eine Art Digitalbuch vor, das aus Websites, eigenen Texten und Bildern, ja sogar Musik und Videoclips zusammengestellt ist. Angeblich ist es nicht komplizierter als im Web zu surfen, mit der KeeBook-Software Seiten aus dem Netz zu ziehen und mit Office-Dateien in Word und Excel zusammenzupacken. Zudem ließen sich Notizzetteln mit Kommentaren auf den Websites heften oder wichtige Sätze mit einem Marker hervorheben. Digitale Bücher zu jedem beliebigen Thema können so im Nu entstehen - ob Reiseführer, Kochbücher, Familienalben oder Firmenpräsentationen.

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