Zeitung Heute : Jedem sein Zipperlein

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: verschwundene und erfundene Krankheiten

Hartmut Wewetzer

Krankheiten kommen und gehen. Manche verschwinden einfach. So wie die Hysterie, die Ende des 19. Jahrhunderts als nervöses Frauenleiden hoch im Kurs stand. Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, erwarb sich seine ersten Meriten mit den 1895 veröffentlichten „Studien über Hysterie“. Heute ist dieses merkwürdige Leiden praktisch verschwunden, es hat sich aufgelöst wie ein Federwölkchen in der Mittagssonne. Genauso wie einige andere Störungen, etwa die „vegetative Dystonie“ oder die „Neurasthenie“. Auch die „multiple Persönlichkeit“ ist schon wieder auf dem absteigenden Ast.

Krankheiten sollte man keine Träne nachweinen. Es ist gut, wenn sie weg sind. Deshalb ist es ein beunruhigender Trend, wenn alle Nase lang neue Störungen ausgerufen werden, meist mit einer entsprechenden Kur gleich dazu. Auf diese Weise ist plötzlich jeder krank, und keiner entkommt der Therapie. „Disease mongering“ heißt dieses Phänomen auf Neudeutsch, was etwa so viel heißt wie „Krankheiten vermarkten“. Oft stecken zu einem nicht unwesentlichen Teil Pharmafirmen dahinter, die auf der Suche nach Kundschaft sind. Neue Leiden wecken neue Bedürfnisse. Nach Therapien und damit nach Pillen.

Die männliche Glatze, Schüchternheit, manisch-depressive Kinder, nächtliche Heißhunger-Attacken, weibliche sexuelle Unlust und unruhige Beine („restless legs“) gehören zu den Problemen oder Problemchen, bei denen nun angeblich sofort gehandelt werden muss, weil sie bislang unerkannte Gefahren in sich bergen und epidemische Ausmaße haben. Vergleichsweise harmlose Störungen wie das Reizdarm-Syndrom werden zu ernsthaften Krankheiten hochstilisiert. Natürliche Lebensprozesse wie die Wechseljahre lassen sich scheinbar nur noch mit Medikamenten überstehen.

Risikofaktoren für Gefäßleiden wie ein erhöhter Blutdruck oder erhöhte Blutfette werden zu regelrechten Krankheiten ernannt – und immer radikaler angegangen. Wendet man die neuen Richtlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie auf Norwegen an, so haben drei von vier Norwegern ein „erhöhtes Risiko“ für Herzleiden.

Damit kein Missverständnis aufkommt: in all diesen Fällen kann es sein, dass eine Therapie wichtig und richtig ist. Aber mindestens genauso groß ist die Gefahr, dass man Menschen zu Unrecht Angst einjagt, sie unbegründet Nebenwirkungen von Medikamenten aussetzt und zudem Mittel dort aus der Gesundheitsversorgung abzieht, wo sie wirklich gebraucht werden, nämlich bei der Versorgung von Menschen mit richtigen Krankheiten. Auf der anderen Seite sind wir dieser „Medikalisierung“ auch nicht hilflos ausgeliefert. Sie bedient zwar vordergründig unser Bedürfnis nach Gesundheit und langem Leben. Doch fragt sich, ob der Preis dafür nicht zu hoch ist.

Wer sagt, dass man nicht auch mit dem einen oder anderen Zipperlein leben und sich dennoch wohl fühlen kann?

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