Zeitung Heute : Jeder Blick ein Treffer

Dagmar Rosenfeld

Körperhaltung und Gestik eines Menschen verraten oft mehr als Worte. Was sagt die Körpersprache von Angela Merkel und Wladimir Putin über das deutsch-russische Verhältnis aus?


Deutschland und Russland sind eng miteinander verbunden. Ganz besonders eng war das Verhältnis als noch Gerhard Schröder die Regierungsgeschäfte führte. Da gab es keine Schwierigkeiten. Problematische Themen wurden ausgeklammert, wenn Schröder und Wladimir Putin zusammentrafen. Menschenrechte, Medienfreiheit und Tschetschenienkrieg – alles kein Thema unter echten Männerfreunden. Nun regiert Angela Merkel Deutschland, und ihr ist nicht nur die Kooperation mit Russland wichtig, sondern sie wagt auch Kritik. Das hat sie beim Petersburger Dialog in Dresden gezeigt und gesagt. Oft aber erzählen Bilder noch mehr als Worte. Was die Fotos von Merkel und Putin über die deutsch-russischen Beziehungen verraten, das hat Günter Hübner, Experte für Körpersprache, analysiert:

„Die Kanzlerin heißt Putin herzlich willkommen, offen in der Körperhaltung und mit einem ehrlichen Lächeln – nicht nur die Mundwinkel gehen nach oben, sondern auch die Augen strahlen. Die Gefühle aber bleiben unerwidert – Putins rechte Hand, die er gegen sein Sakko drückt, signalisiert: bitte nicht berühren. Und obwohl beide die gleiche Körpergröße haben, ist es kein Treffen auf Augenhöhe. Das lässt Putin nicht zu. Den Kopf gesenkt, so dass sein Blick von unten nach oben wandert, gibt er den KGB-Offizier. Wie ein Spion, der aus der Grube nach oben späht.“

„Heimvorteil Merkel. Dresden ist ihr Revier, und das lässt sie Putin spüren. Entspannt winkt die Kanzlerin dem Publikum zu. Der Präsident will sich nicht auf die Situation einlassen – er wendet sich weder ganz dem Publikum noch der Kanzlerin zu. Putin will die Kontrolle behalten und sich nicht in die Karten schauen lassen. Das verraten seine Hände: Die bilden einen Hohlraum, in dem der rechte Daumen sogar verschwindet. Symbolisch schafft er sich so einen Raum, den keiner einsehen kann.“

„Die Stimmung kippt. Zeigte Merkel beim Empfang des Präsidenten noch Emotionen, so hat sie sich nun Putins Stil angepasst. Die Kanzlerin ist auf Distanz gegangen. Das Lächeln ist nur noch angedeutet, die Augen bleiben starr. Sie hält die Hände schützend vor den Bauch, die Finger ineinandergeschoben. Das signalisiert Unsicherheit. Auch Putin gelingt das Lächeln nicht. So wie Merkel bemüht er nur einen Bruchteil seiner Gesichtsmuskulatur, um seinem Ausdruck Freundlichkeit zu verleihen. Die Schaumir-in-die-Augen-Kleines-Nummer erreicht hier eine neue Dimension: Der Blick des russischen Präsidenten ist abschätzend, und ein wenig herablassend.“

„Am Ende des Tages hat Putin ordentlich Boden gut gemacht. Er verschafft sich Raum für seine Argumente, breitbeinig sitzt er da, die Ellbogen auf die Sessellehnen gestützt. Seine Haltung signalisiert Sicherheit, aber wieder verraten seine Hände, dass er aus der Deckung nicht herausgeht. Er hat Merkel im Visier: Die Augenbrauen zusammengezogen fokussiert er die Kanzlerin wie durch den Ziellauf eines Gewehrs. Putin ist es, der die Situation beherrscht. Merkel hat die Beine zusammengepresst, piddelt an den Fingernägeln. Generell ist es so, dass Menschen die unsicher sind, sich selbst anfassen. Die Kanzlerin ist verkrampft, betastet ihre Hände, ist im wahrsten Sinne des Wortes bemüht, sich mit Fingerspitzengefühl an das Gespräch heranzutasten.“

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