Zeitung Heute : Jeder kämpft für sich allein

In Goslar haben ihm die Menschen zugejubelt. Selbst Gerhard Schröder hat dort für „den Sigmar“ gekämpft, als ginge es um ihm selbst. Dabei hat gerade der Kanzler den Wahlkämpfer Gabriel immer wieder auflaufen lassen. Und jetzt sieht der die Niederlage kommen.

Markus Feldenkirchen

Es wirkt in diesem Moment fast so, als sei Gerhard Schröder der Vater. Er lehnt am Stehtisch, den Rücken leicht zurückgebeugt, den Kopf schräg nach links, in Beobachterstellung. Er klatscht nicht, er lächelt milde, seine Miene ist ein wenig skeptisch, aber auch ein bisschen stolz. Er schaut genau hin: Gerhard Schröder will sehen, wie sein politischer Ziehsohn ankommt.

Sigmar Gabriel kommt heute prächtig an. Immerhin ist er hier auch in seiner Geburtsstadt, im verträumten Goslar am Harzrand. Die Menschen, die ins Odeon-Theater gekommen sind, wo sonst seichte Operetten wie „Im Weißen Rössl“ oder „Die Blume von Hawaii“ gegeben werden, mögen ihn. Die Mutter ist auch dabei, sie sitzt in der ersten Reihe. Und doch ist das alles trügerisch, der Jubel, der Kanzlerblick, die Hoffnung. Was aussieht wie ein Siegeszug, ist in Wahrheit eine Abschiedstournee. In einer Woche sind Wahlen. Gabriels Herausforderer Christian Wulff liegt zwölf Prozent vorne.

Es ist so, als säße Gabriel in einem Zug und rolle unaufhaltsam dem Ende einer verheißungsvollen Karriere zu. Er will da nicht ankommen. Aber er ahnt, dass es so kommen wird. Gabriel hat alles versucht, um von diesem Gleis herunterzukommen, dem Schicksal zu entfliehen. Aber die Richtung haben andere vorgegeben, Schröder in Berlin. Und so fährt Gabriel also weiter. Die paar Tage noch.

Noch lässt er sich die Resignation nicht anmerken, er versucht es jedenfalls. Nur manchmal rutschen ihm Standardworte wie „Erfolg“, „Sieg“ und „Kämpfen“ etwas verächtlich über die Lippen, er spuckt sie aus. Die Unterwerfung unter das Schicksal muss für ihn besonders bitter sein, weil er wie kaum ein Zweiter an die Machbarkeit des Erfolgs glaubte. Er konnte im Wahlkampf machen was er wollte, den „Elder Statesman“ geben oder rumrüpeln, links sein oder telegen sein. Es hat alles nichts genützt. Er hat sein Schicksal angenommen, das ungerechte, und führt ordentlich zu Ende, was seine Pflicht ist. Unter Schröders Augen läuft er in Goslar sogar noch einmal zur Höchstform auf, zu klarer Sprache, polternder Polemik und kraftvollen Posen, derer sich sonst nur Siegertypen bedienen. Diese Haltung wird er noch bis Sonntag beibehalten.

Keine Gnade

Dann, am Wahlabend, wenn es nicht gereicht haben sollte, wird er sich hinstellen und alle Schuld auf sich nehmen. Und es wird viele geben in der SPD, die nicht einmal traurig sein werden, dass diesem Überflieger endlich einmal die Grenzen gezeigt werden. Und werden dabei vergessen, dass sie gerade ihren größten Hoffnungsträger verloren haben. Gabriel aber darf keine Gnade von seinen Parteikollegen erwarten.

Sie kennen ihn ja nicht mal richtig, weil er sich innerhalb der Partei wenig engagiert hat. Er scheint auch nicht so recht ins traditionelle Hinterzimmer-Milieu der SPD-Orstvereine zu passen. Einer, der das schwarze Haar jeden Morgen mit Pomade möglichst glatt nach hinten zwingt. Einer, dem derbe Flüche und flotte Sprüche allemal lieber sind als Weisheiten aus Parteiprogrammen. Er kann schon genüsslich gegen die sozialdemokratischen Tischmanieren verstoßen; und Wahlkampf gegen die eigene Partei macht er auch. Gabriel – ein Fremdkörper? Jedenfalls einer, dem die Worte gar nicht großartig genug sein können. Da fordert er, dass die SPD wieder „Visionen vom anderen Leben in einer besseren Welt“ anbieten müsse – und dabei sucht er doch erst den gedanklichen Unterbau für sein Handeln. Das erste Ergebnis dieser Suche ist kürzlich als Buch erschienen, es heißt anspruchsvoll „Mehr Politik wagen“ und unterscheidet sich doch nicht wesentlich von Altbekanntem.

In Gabriels Landtagsbüro hängt ein vergilbtes SPD-Plakat aus alten Zeiten, darauf der Schriftzug: „Mutter denk an mich! Wähle sozialdemokratisch“ Die Mutter wird am Ende keine Schuld haben. Denn sie, die Dame mit weißem Haar und roter Bluse aus Reihe Eins des Odeon-Theaters, ist ja der tiefere Grund für Gabriels Sozialdemokratisch-Sein. Ganz zart erzählt er, wie die Mutter nach der Scheidung sieben Jahre lang auf Ämtern und vor Gericht um die Vormundschaft für den kleinen Sigmar kämpfte, der bei seinem Vater lebte, damals, „als das Wort eines Mannes noch mehr Wert hatte als das einer kleinen Krankenschwester“, wie Gabriel sagt. Auf einmal liegt so viel Ruhe und Verständnis in der Stimme. Es war ihr privater Kampf für Gerechtigkeit, für das Recht, ihren Jungen zu sehen, für das Recht, ihn umsorgen zu dürfen. „Hier ist Sigmar, was kann ich für dich tun?“, fragt Gabriel, nachdem er zwischen zwei Auftritten mit den großen Fingern auf den Tasten des winzigen Handys die Nummer der Mutter gewählt hat. Von der Mutter habe er gelernt mitzufühlen, sagt er. Über den Vater, vertriebener Schlesier und später Verwaltungsbeamter in Goslar, möchte er nicht reden.

Vielleicht wird dem SPD-Chef Schröder erst im Theater von Goslar richtig bewusst, welches Potenzial der Partei mit Gabriel verloren gehen könnte, als er ihn wie einen Sohn von der Seite betrachtet. 50 Minuten kämpft er im Anschluss für „den Sigmar“, bringt die Stimme zum Vibrieren, schreit, geht in die Knie, als ginge es um ihn selbst. Am Ende ruft Schröder in den Saal: „Helfen Sie mit, dass jemand, der zu den ganz wenigen großartigen politischen Talenten gehört, helfen Sie mit, dass Sigmar Gabriel gewinnt.“ Dabei hat er doch in den letzten Wochen Gabriel gleich mehrfach auflaufen lassen, als der versuchte, aus der Gleisführung auszubrechen, Berlin etwas entgegenzusetzen. Seit November fleht Gabriel den Kanzler und sein Kabinett an, endlich den Kurs zu wechseln, Signale zu setzen, ein zweites „Ich habe verstanden!“. Aber es kam nichts Richtiges. Da waren Gabriels Vorstöße für die Vermögensteuer und das Vorziehen der Steuerreform. Beide Initiativen hatte Gabriel mit Schröder abgesprochen, der Kanzler hatte nett genickt („Wir machen das, Sigmar!“), aber diese Zustimmung später schnell wieder vergessen. Und Gabriel lief immer wieder ins Leere. Zurück bleiben Enttäuschungen.

Es muss ja nicht stimmen, was einige Vertraute Gabriels inzwischen verbreiten: Dass Schröder gar nicht an Gabriels Wahlsieg interessiert sei, dass er sogar froh sei, das Ziehkind auszubremsen, das längst zum gefährlichsten Konkurrenten herangewachsen war. Gabriel selbst glaubt trotz aller Enttäuschung nicht an diese Theorie. Er erzählt, dass er mit Schröder erst neulich über den zugefrorenen Maschsee in Hannover spaziert sei, ganz privat an einem Sonntagnachmittag. Er inszeniert eine Plauderstunde zwischen ihm und Schröder im Goslarer „Café am Markt“ wie ein Freundschaftstreffen hinter Schaufensterglas. Aber das sind Geschichten für die öffentliche Wahrnehmung. Genau wie die alte Story vom Türenknallen, die immer noch gern lanciert wird, aus der Zeit, als Gabriel innenpolitischer Sprecher und Schröder Ministerpräsident in Niedersachsen war. Da hat der Junge den Älteren erst angebrüllt, dann polternd den Raum verlassen. Aber Schröder scheint genau das gefallen zu haben, denn fortan förderte er den Aufmüpfigen. Bis der Ministerpräsident wurde. Eine schöne Legende, die aber nicht mehr viel wert ist. Denn die Geschichte vom unaufhaltsamen Aufstieg des roten Bullen aus Goslar und seinem Mentor Schröder ist vielleicht im letzten Kapitel angelangt. 24 Jahre ist es her, dass Schröder und Gabriel sich das erste Mal auf dem Buckeberg im Weserbergland trafen. Schon damals waren die Rollen so verteilt wie heute. Schröder kam als Juso-Chef ins selbstverwaltete Jugendzentrum, wo der 18-jährige Gabriel mit seiner Jugendorganisation, den Falken, gegen den Bau eines Atomkraftwerkes in der Nachbarschaft kämpfte. „Schröder war schon damals hoch professionell“, sagt Gabriel, dem man heute noch die Begeisterung über dieses erste Treffen anmerkt. Und jetzt? Das Ende einer Symbiose? Wie es genau um Schröder und Gabriel steht, wissen sie wahrscheinlich nicht mal selbst so genau. Nur so viel ist klar: Es war schon mal besser. Viel besser.

Hätte Gabriel einen Zweikampf mit Wulff inszenieren können, wie im Sommer Schröder gegen Stoiber unter dem Titel „Der oder ich“, – Gabriel hätte seinen Herausforderer sicher besiegt. Wenn man die beiden nebeneinander beobachtet, etwa beim Fernsehduell auf RTL, dann hat Gabriel etwas Gewieftes, in jedem Fall ist er lebendiger als der Christdemokrat neben ihm. Gabriel lässt Wulff auflaufen, baut ihm Fallen.

Statt also gegen Wulff zu kämpfen sieht sich Gabriel unter permanentem Rechtfertigungsdruck für die Politik seiner Partei in der Hauptstadt. Ausgerechnet er, der seinen Aufstieg mit Mandat aber ohne SPD-Ämter weitgehend an der Partei vorbei organisierte. Und stolz darauf war. Wie paradox die Situation für den tragischen Wahlkämpfer ist, wird etwa im holzgetäfelten Saal des Kurhauses von Bad Bevensen klar, wo die Kreishandwerkschaft Uelzen ihr verspätetes Dreikönigstreffen begeht. Es ist kurz nach 14 Uhr, auf den Tischen steht Bier und Kaffee, als der örtliche Präsident der Handwerkskammer loshobelt: Die Bundesregierung habe aufgegeben, Investitionen und Wachstum zu fördern. „Es soll keine Gelegenheit ausgelassen werden, die Betriebe zu ruinieren“, hallt es so laut, dass den weißbeschürzten Kellnerinnen fast die Kännchen vom Tablett fallen. Gabriel scheint von Satz zu Satz tiefer in sich zusammenzusinken. Auf der selben Veranstaltung aber, nur 20 Minuten später, wird Gabriel zum „Ehrenmeister“ der Handwerkschaft ernannt, „weil er sich so exzellent für das Handwerk in Niedersachsen eingesetzt hat. Bitte schön, Meister Gabriel!“

Am Ende seines Buches hat Gabriel geschrieben: „Natürlich ist für mich auch der nächste Wahltermin immer der wichtigste. Doch entscheidender ist für mich, wie unser Land in zehn Jahren aussieht“. Wer sein elefantenschweres Selbstbewusstsein kennt, könnte den Satz auch anders formulieren: Dass von Gabriels nächstem Wahltermin abhängt, wie das Land in zehn Jahren aussieht. Er hätte ja nur diesen einen Sieg gebraucht. Dann hätte er sich ein paar hohe Parteiämter genommen und ein wenig warten müssen auf das Ende der Ära Schröder.

Einst hatte er Kanzlerpotenzial

Im Lebensplan des Meister Gabriel war das höchste Amt der Republik im vergangenen Jahr zur echten Option gereift. Es stimmte ja alles. Die Umfragen, die wie nebenbei gestreuten Hinweise Schröders, in Gabriel stecke Kanzlerpotenzial und Schröders Beispiel, der ihm ja selbst vorgemacht hatte, wie man aus der niedersächsischen Provinz heraus das ganze Land erobert. Es gibt ja auch sonst kaum einen wie ihn in seiner SPD-Generation. Der Aufstieg war bislang so schnell, so schmerzlos. Da muss einem die Politik vielleicht irgendwann wie ein planbares Ding erscheinen.

Was also, wenn alle Pläne am Sonntag in sich zusammenfallen? Gabriel ist, wie er selbst sagt, „Mitglied im Verein für deutliche Aussprache“. Fast hätte ihn das jede politische Perspektive gekostet. Es müsse ja nicht jeder abgehalfterte Politiker nach verlorener Wahl ins Bundeskabinett wechseln, hat er einmal gesagt. Zugleich hat er ausgeschlossen, in Niedersachsen den Oppositionsführer zu geben. Die Gerüchte, Gabriel ziehe sich vielleicht ganz aus der Politik zurück, sind nicht mal so abwegig. Er ist jetzt 43. Wenn er seinem Leben noch einmal eine andere Richtung geben will, beruflich, privat, dann jetzt. Dabei könnte er nach einer Niederlage endlich Geduld, Konstanz, ja Ernsthaftigkeit beweisen, den Genossen zeigen, dass ihm die eigene Karriere nicht das einzige und die Partei doch wichtiger ist, als viele ihm unterstellen.

Am Ende des Handwerkertreffens in Bad Bevensen ist auch der Präsident von Gabriels Vortrag sichtlich begeistert. Er hastet noch einmal zum Mikrofon. Er räuspert sich. Jetzt wird es feierlich. Man würde sich freuen, sagt der Präsident, wenn Gabriel im nächsten Jahr wieder als Ministerpräsident hierher käme. Und fügt einen letzten Satz hinzu: „Hoffentlich demnächst auch mal als Bundeskanzler.“ Der Präsident hat es gut gemeint. Aber er konnte nicht wissen, welchen Stich ins Herz er dem Gast mit diesem Satz versetzt. Gabriel versucht zu lachen. Aber es gelingt diesmal nicht.

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