Zeitung Heute : Jeder kann Berliner sein

Geschichte in Beton: Der Tagesspiegel im zweiten Jahrzehnt

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Über Jahrhunderte bezeichnete das Wort „Berliner“ noch einen überschaubaren Menschenkreis. Die Bewohner von Charlottenburg, Zehlendorf, Schöneberg, Spandau, Köpenick oder Lichtenberg gehörten noch nicht dazu, wurden erst 1920 der Metropole GroßBerlin zugeschlagen. 1963 wurde die Bewohnerschaft sogar global, als US-Präsident John F. Kennedy das Berlinertum mit einem einzigen Satz aus den Niederungen der Geografie auf die Ebene eines höheren Menschseins hob. „Ich bin ein Berliner“ – damit war der Name, der noch für Goethe nur einen besonders „verwegenen Menschenschlag“ bezeichnete, mit einem Mal zum Symbolwort geadelt, wurde der Berliner gewissermaßen zur Metapher für einen nicht zu brechenden Freiheitswillen. Berliner konnte demnach jeder auf dem Erdball sein, die richtige Haltung vorausgesetzt. Viele haben seitdem behauptet, es zu sein, Politiker vor allem, Film- und Popstars, was mitunter kaum einen Unterschied macht. Der 26.Juni 1963, als Kennedy Berlin besuchte, kann also in seiner Bedeutung für die Stadt kaum überschätzt werden. So ist es nur billig, dass auf den folgenden, dem zweiten Tagesspiegel-Jahrzehnt gewidmeten Seiten Kennedys in besonderer Weise gedacht wird.

Es war eine Zeit, in der die Teilung der Stadt für die nächsten Jahrzehnte festbetoniert wurde. Viele in der plötzlich eingemauerten Teilstadt, so auch der damalige Chefredakteur Karl Silex in seinem Leitartikel, empfanden den 13. August 1961 zunächst einmal als aktuelle „Herausforderung“, wohl aber ahnend, dass sie auf Jahrzehnte hin herausgefordert bleiben würden. Diese politische Erstarrung der Systeme vermischte sich mit immer deutlicheren kulturellen und gesellschaftlichen Verschiebungen, für die die zertrümmerte Waldbühne nach dem legendären Auftritt der Rolling Stones im Spätsommer 1965 nur ein fragwürdiges Sinnbild abgab. Die Jugend wollte nicht länger brav mit den Eltern den „Caprifischern“ lauschen, bald würde sie sich auch die Straße erobern.

All diese Erstarrung, die Umbrüche, Verwerfungen spiegelte der Tagesspiegel mal mehr, mal weniger, ein sich kontinuierlich, wenngleich nicht immer geradlinig entwickelndes Blatt. Das lässt sich beispielsweise daran ablesen, wie die Stars und ihr Glamour behandelt wurden, ein sicher nicht existenzielles, aber vom Leser doch allgemein goutiertes Thema. Den Triumphzug Joan Fontaines zur ersten Berlinale 1951 hatte diese Zeitung noch euphorisch begleitet, auch im Sommer 1957, als die Filmfestspiele ihre Ehrengäste endlich würdig im neuen Zoo-Palast empfangen konnten, berichteten ihre Reporter ausführlich. Später allerdings wurden die Stars mitunter etwas stiefmütterlich behandelt – ein mittlerweile behobener Mangel. Auch dem Sport und seinen Lichtgestalten wurde nicht immer der angemessene Raum im Blatt zugebilligt. Genau fünf Zeilen lang war die erste Sportmeldung im Tagesspiegel, und dann handelte sie nicht mal von Sport im engeren Sinne, sondern vom Entnazifizierungsverfahren gegen einen Olympia-Teilnehmer von 1936. Aber das änderte sich bald, und als Bubi Scholz beim Weltmeisterschaftskampf im Berliner Olympiastadion 1962, dem ersten auf deutschem Boden, leider doch scheiterte – an mangelndem Zuspruch durch den Tagesspiegel hat es jedenfalls nicht gelegen. ac

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