Zeitung Heute : „Jeder kann zur Verbesserung der Welt beitragen“

Peter Mucke sieht für terre des hommes alte und neue Herausforderungen

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Seit 40 Jahren hilft terre des hommes Kindern in Not. Ist das Jubiläum nicht eher ein trauriges Ereignis, weil Ihre Organisation offenbar weiterhin sehr nötig ist?

Der Zustand der Welt ist leider so, dass Organisationen, die Hilfe für Kinder in Not leisten, dringend gebraucht werden. Unsere Vision ist die Schaffung einer „Erde der Menschlichkeit“, was sich auch in unserem Namen „terre des hommes“ ausdrückt. Von dieser Vision sind wir noch weit entfernt, und deswegen ist unsere Arbeit nach wie vor dringend notwendig. Unser Jubiläum ist ein sehr schönes Ereignis, traurig sind die Zustände an vielen Orten dieser Welt.

Ihr Geburtstagsmotto lautet „Viel erreicht – Viel zu tun!“. Wie sieht die Bilanz nach vier Jahrzehnten aus?

Mit unserem Geburtstagsmotto wollen wir das Spannungsfeld zum Ausdruck bringen, in dem wir uns befinden: Wir haben in 40 Jahren unzählige Kinder von Ausbeutung, Not und Sklaverei befreit. Wir haben sie aus Kriegen gerettet, versorgt und ihnen eine Ausbildung ermöglicht. Auch auf politischer Ebene hat terre des hommes – gemeinsam mit anderen Organisationen – einiges bewegt. So kann seit 1993 endlich der sexuelle Missbrauch von Kindern durch Deutsche im Ausland vor deutschen Gerichten verfolgt werden. Die Produktion Menschen verachtender Landminen ist endlich geächtet. Viele Käufer fragen nach Produkten aus dem Fairen Handel, mit deren Kauf sie einen Beitrag gegen die Ausbeutung von Kindern leisten wollen. Genauso richtig ist aber, dass es noch „viel zu tun“ gibt. Weltweit müssen rund 218 Millionen Kinder unter 15 Jahren arbeiten, über 120 Millionen von ihnen unter schlimmsten Verhältnissen. Rund 250 000 Kinder unter 18 Jahren werden als Soldaten zwangsrekrutiert und zum Kämpfen gezwungen. Knapp 40 Millionen Menschen weltweit sind mit HIV/AIDS infiziert. terre des hommes will einen Beitrag dazu leisten, dass sich hieran etwas ändert.

Sind wir der „Erde der Menschlichkeit“ näher gekommen oder haben wir uns weiter von ihr entfernt?

Diese Frage kann ich nicht pauschal beantworten. Es gibt Bereiche, in denen sich Positives getan hat: Die zweifelsfrei nach wie vor hohe Kindersterblichkeit ist in den letzten 40 Jahren gesunken, der Anteil der Kinder, die keine Schulbildung bekommen, ebenfalls. Andererseits gibt es neue Formen der Gewalt an Kindern: Die Zwangsrekrutierung und der Einsatz von Kindern als Soldaten ist durch Neuerungen in der Waffentechnik und die Verfügbarkeit immer leichterer automatischer Waffen wesentlich vereinfacht worden. Armut und Umweltzerstörung zwingen in vielen Ländern Asiens und Mittelamerikas immer mehr Menschen dazu, in sehr riskant gebauten Siedlungen zu leben oder zur Abwanderung in die Städte, deren Slums unkontrolliert wachsen. Hier blühen Gewalt, Korruption und Perspektivlosigkeit.

Welche aktuellen Herausforderungen sehen Sie für terre des hommes?

Als Hilfswerk mit politischem Gestaltungsanspruch sind wir gefordert, uns verstärkt in politische Debatten einzumischen und für Gerechtigkeit auf internationaler Ebene zu stehen. Wir fordern die internationale Gemeinschaft auf, sich zur Verwirklichung der im Jahr 2000 beschlossen Millenniums-Entwicklungsziele zu verpflichten. Die Bundesregierung ist in der Pflicht, das Themenfeld der Entwicklungspolitik zu stärken und ausreichend Geld zur Finanzierung entwicklungsfördernder Vorhaben zur Verfügung zu stellen. Wir wollen aber auch erreichen, dass den ärmsten Ländern die Schulden gestrichen werden und keine Vorhaben wie Staudämme oder der Abbau von Bodenschätzen betrieben und finanziert werden, mit denen Vertreibungen oder gewaltsame Umsiedlungen von Menschen oder andere Menschenrechtsverletzungen einhergehen. Eine wichtige Herausforderung für uns ist es darüber hinaus, immer wieder deutlich zu machen, dass viele Probleme und schleichende Katastrophen in Ländern der Dritten Welt auf die Wirtschafts- und Lebensweise in den reichen Ländern zurückzuführen ist.

Gibt es neue Schwerpunkte?

Als entwicklungspolitisches Kinderhilfswerk haben wir eine breite Palette von Themen und Programmen, an denen wir arbeiten. Schwerpunktmäßig wollen wir uns in den nächsten drei Jahren für den verstärkten Schutz von Kindern vor ausbeuterischer Arbeit und in gewaltsamen Konflikten einsetzen. Wir wollen außerdem die Hilfe für HIV-infizierte Kinder und ihre Familien intensivieren und für ihre Bildung und Ausbildung sorgen. Schließlich wollen wir die kulturelle und biologische Vielfalt von Gesellschaften sichern helfen. Dies betrifft die Unterstützung schonender und naturnaher Anbautechniken zur Sicherung der Nahrungsmittelversorgung, aber auch den Schulunterricht in der Muttersprache der Kinder. Dieses Programm bedeutet auch die Verteidigung der Sprach- und Vorstellungswelt einheimischer Gesellschaften gegenüber westlich dominierten Einflüssen auf vermeintlich „unmodernes“ Wissen dieser Menschen. Im Zeitalter der Globalisierung ist dies eine wichtige Herausforderung.

Sie engagieren sich weltweit. Für viele ist das, was sie tun, möglicherweise im doppelten Sinne weit entfernt. Worin begründet sich unsere unmittelbare Betroffenheit?

Zahllosen Menschen in Deutschland ist es zum Glück nicht gleichgültig, wie es anderen geht, auch dann nicht, wenn von fernen Ländern die Rede ist. Es ist ein großes Glück, dass es in Deutschland eine Kultur der Empathie und Anteilnahme für Schwächere gibt, die unserer Solidarität und Hilfe bedürfen. Man möchte helfen, sei es aus Dankbarkeit dafür, dass es uns hier besser geht, sei es, weil dies ein kleiner Beitrag zur Schaffung von mehr Gerechtigkeit weltweit ist. Entscheidend ist: Jeder kann mit seinen Möglichkeiten und seinem Engagement einen Beitrag zur Verbesserung der Welt leisten.

Haben Sie eine Vision, was die Arbeit von terre des hommes anbelangt?

Ich wünsche mir, dass irgendwann Organisationen wie terre des hommes nicht mehr gebraucht werden, weil Kinder weltweit frei von Ausbeutung und Not sind und nach ihren eigenen Vorstellungen in Würde leben können. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Doch je mehr Menschen gemeinsam mit Organisationen wie terre des hommes für dieses Ziel eintreten, desto realistischer ist es, dieses Ziel eines Tages zu erreichen.

Das Gespräch führte Volker Pieper

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