Zeitung Heute : „Jeder Schüler muss Erfolg haben können“

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Durch den Hilferuf der RütliSchule sind Hauptschulen bundesweit ins Gerede gekommen. Wer ist verantwortlich, wenn Schulen versagen, Herr Olbertz?

Schulen und Elternhäuser haben eine gemeinsame Verantwortung und die muss auch gemeinsam wahrgenommen werden. Es müssen Formen gefunden werden, in denen Lehrer und Eltern auch wirklich kooperieren. Dieser Faden scheint im Fall der Rütli-Schule abgerissen zu sein.

Was muss eine Schule in einem schwierigen sozialen Umfeld tun, um ihren Schülern eine Zukunft zu eröffnen?

Der Bildungsgang gerade der Hauptschule sollte so organisiert sein, dass er relevante Ziele und Inhalte hat, die greifbar und erreichbar für die Kinder sind. Für jeden Schüler muss Erfolg möglich sein, egal, welche Voraussetzungen er mitbringt. Ein Problem ist die große Stofffülle. Schüler, die von Lernstoff zu Lernstoff gehetzt werden, haben keine Muße, wiederholend zu lernen.

Wie lernen Hauptschüler am besten?

Vorbildlich ist zum Beispiel das bundesweite Projekt „Produktives Lernen“, wo Kinder in praktischer Arbeit erleben, dass sie etwas auf die Beine stellen können. Wenn wir ihnen keine Erfolgserlebnisse ermöglichen, fragen uns die Jugendlichen: Wozu strengen wir uns an?

Sollte man Hauptschulen schließen und mit Realschulen vereinen – nach dem Vorbild der Sekundarschule in Sachsen-Anhalt?

In Sachsen-Anhalt hat sich die Integration des Hauptschul-Bildungsgangs in die Sekundarschule bewährt. Nun haben wir aber nicht einen so hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Familien wie in einigen Bezirken Berlins. Man muss die Hauptschulen nicht schließen, aber man sollte sie radikal verändern. Denn Sie können zwar die Hauptschulen abschaffen, aber nicht die Kinder, die dort am besten gefördert werden könnten.

Wie geht Sachsen-Anhalt mit den Leistungsunterschieden der Schüler in der Sekundarschule um?

Wir haben in der Stundentafel Freiräume geschaffen, in denen viele Schulen alle zwei Wochen einen Unterrichtstag in Unternehmen oder, was ich anstrebe, künftig auch in den Werkstätten der Berufsbildungszentren absolvieren. Die Schüler sind dankbar, wenn sie auf etwas, das sie geschaffen haben, stolz sein können. Sie können ihre schulischen Schwierigkeiten anders als mit Imponiergehabe oder gar gegenseitiger Gewalt kompensieren.

In vielen deutschen Schulen eskaliert die Gewalt, nicht nur an solchen mit einem hohen Migrantenanteil – Stichwort Gewaltvideos auf dem Handy. Was tun?

Neben pädagogischen Initiativen, Gesprächen und Appellen müssen die Schulen im Ernstfall auch zu rigorosen Maßnahmen wie Handyverboten greifen. Es muss klar sein: Schule ist auch ein Ort des kultivierten Umgangs miteinander. Wenn Jugendlichen keine Grenzen mehr gezogen werden, zweifeln sie daran, dass sie uns wichtig sind.

Jan-Hendrik Olbertz ist Erziehungswissenschaftler und seit 2002 parteiloser Kultusminister in Sachsen-Anhalt.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

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