Zeitung Heute : Jeder sein eigener Chefredakteur

Klatschen, kommentieren, dichten: Im Internet tummeln sich Menschen, die auf eigene Faust publizieren

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Von Markus Ehrenberg

Monica Lewinsky ist an allem schuld. Besser gesagt: Matt Drudge. Als der Journalist 1996 auf seiner Website im Internet das Geheimnis zwischen dem Präsidenten Bill Clinton und seiner Praktikantin ausplauderte, das vom Magazin „Newsweek“ zuvor wochenlang zurückgehalten wurde, bekam nicht nur die Netz-Gemeinde mit, was das Internet für bunte Blüten schlägt: sogenannte „Me-Zines“ (Ich-Magazine), neuerdings auch „Weblogs“ genannt.

Das Magazin „Wired“ schätzt, dass sich über 100 000 solcher persönlichen Internetauftritte im Netz tummeln. Sie sind mit privaten Homepages nicht zu verwechseln. Weblogs enthalten, ähnlich wie drudgereport.com, persönliche Kommentare des Betreibers. Die inhaltliche Palette der Weblogger ist groß. Sie reicht von technischen Themen, Büchertipps, Sportgeschehen, politischen Anmerkungen der so genannten „War blogger“ zum 11. September bis hin zu Gedichten und Tagebucheinträgen. Die Website-Linie: Meinung, Gegenmeinung, unzensiert und ungeschnitten. Autoren sind Journalisten wie der Ex-„Newsweek“-Reporter Mickey Kaus (kausfiles.com), „Zeit“-Redakteur Christoph Drösser (paranews.org) oder „Spiegel“-Journalist Henryk M. Broder (henryk-broder.de), vor allem aber die nlose Masse der Internet-Nutzer.

Im Prinzip kann jeder Computerbesitzer mit Onlinezugang von heute auf morgen sein eigener Chefredakteur werden. Programmierkenntnisse sind nicht nötig. Online-Portale wie salon.com, G-Blog.net oder antville.org. bieten Webspace gratis an oder vermieten ihn an ihre Leser. Wer sich bei salon.com „einbloggt“, findet seine Netztagebücher gleichwertig neben den redaktionellen Angeboten wieder. Das ist im ersten Monat kostenlos, danach kostet der Service 40 Euro im Jahr. Wer Lust hat, sich wie Matt Drudge einem Massenmedium zu präsentieren, wem dazu aber partout nichts einfällt – hier ein paar Beispiele und Anregungen.

Der Egozentriker. „Weil ich so toll bin. Ich bin der Größte“, begründet der EDV-Spezialist und „Kabarettist“ Jörg Kantel seinen Weblog schockwellenreiter.de (benannt nach einem Science-Fiction-Roman von John Brunner), der bis zu 2 500 mal am Tag aufgerufen wird. Morgens und abends jeweils zwei Stunden verbringt Kantel damit, eine „tägliche Ration Wahnsinn“ zu verbreiten. Dazu Vorträge, Kino- und Büchertipps sowie der vielversprechende Link „Über Gabi“.

Die Ich-AG. Der New Yorker Webdesigner Jason Kottke gilt zwar als Trendsetter in der Szene, liebt es aber etwas nüchterner. Er versteht seinen Weblog weniger als nützliches Magazin, mehr als „Online-Wunderkammer“ für seine Gedanken, aber auch als Ort, seine Arbeitskraft in einer kritischen Branche anzubieten. 50 000 User im Monat schauen sich an, was kottke.org zu sagen hat. Ihr Erkenntnisgewinn zurzeit: Links und Fotos zum 11.9. und eine Huldigung an die Sängerin „postgirl“.

Der Reporter. Jeff Jarvis startete seinen Weblog buzzmachine.com am 11. September. Der Journalist war einen Block vom zusammenstürzenden Südtower entfernt. „Ich war so froh, dass ich überlebt habe. Und ich hatte danach einfach so viel zu sagen. Ein Weblog ist der perfekte Platz dafür. Der Vorteil gegenüber anderen interaktiven Geschichten wie Foren, privaten Websites oder Chats: Du bist Chefredakteur und Herausgeber in einem – ein Himmel für den Schreiber. Und für den Internet-Nutzer eine höhere Qualität durch die kommentierten Links.“ Böse Leser-Mails bekommt Jarvis nur, wenn er „über Religion schreibt“.

Der Macher. Einer muss die Seiten ja sortieren. Der Münchener Programmierer Carlo Zottmann, unter dem Namen „Gossip“, Entwickler und Administrator der Weblog-Site g-blog.net mit 350 Einträgen. „Ich mache keine News-Site, habe schon immer gerne Leute zusammengebracht. Die Weblogs sind so verschieden wie die Menschen, denen sie gehören.“ Dass es sich beim Gossip-Weblog um den üblichen belanglosen Internet-Klatsch handeln könnte, weist Zottmann von sich: „Ich rede halt ganz gern.“

Die Verträumte. Von wegen Klatsch. Eine der hübschesten, anspruchsvollsten Weblogs ist der von stattkatze. Sie ist „gerade erst nach Berlin gezogen“. stattgeschichten.antville.org bietet eine ständig aktualisierte Sammlung von Geschichten aus einer „sehr persönlichen Perspektive“. Schade, ein Foto von stattkatze gibt es nicht. „Es ist natürlich widersinnig, öffentlich zu publizieren und gleichzeitig nicht öffentlich sein zu wollen. Aber so ist das mit dem Netz. Und dem Schreiben im Netz. Die Illusion der Anonymität. Aber ich habe eine Handvoll Menschen kennengelernt, die mir unendlich viel bedeuten. Alles Blogger.“

Das ganz persönliche Internet-Magazin. Klatsch, Informationen, Selbstbespiegelung und Poesie. Nicht ganz so exhibitionistisch und banal wie Webcams. Bilder und Texte irgendwo zwischen Monica Lewinsky und Wer-bin-ich-eigentlich. Wie sagte die Cyber-Soziologin Sherry Turkle zum Leben im Netz? „Dass wir uns am Computerbildschirm in unsere eigenen Dramen projizieren, in denen wir Produzent, Regisseur und Star in einem sind.“

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