Zeitung Heute : „Jeder sollte auf seine innere Stimme hören“

Wie hält man die Balance zwischen Job und Privatleben? Helmut Pfeifer, einer der führenden deutschen Management-Trainer, über weniger Stress – und mehr Lebensqualität

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So etwas kennt wohl jeder: dieses Gefühl, Beruf und Privatleben nicht mehr unter einen Hut zu bekommen. Nicht richtig zufrieden zu sein mit dem Job – und sich sogar in der Freizeit gehetzt zu fühlen. Weit entfernt also von jenem Zustand, den man als „Völlig losgelöst“ bezeichnen könnte. So lautet der Titel des neuen Buches von Helmut Pfeifer, einem der führenden deutschen ManagementTrainer (MVG-Verlag, 8,90 Euro). In den vergangenen 14 Jahren hat der 41-Jährige über 65 000 Menschen in Seminaren und Coachings mit seinem Konzept der „Work-Life-Balance“ vertraut gemacht. Wir unterhielten uns mit dem Motivations- und Körpersprachen-Trainer und Experten in Sachen Lebensqualität.

Herr Pfeifer, wir erreichen Sie während des Urlaubs auf Fuerteventura. Gerät bei einer beruflichen Anfrage während der Freizeit nicht Ihre natürliche Balance aus dem Gleichgewicht?

Keineswegs. Ich könnte kaum ausgeglichener sein. Ich sitze hier unter Sonne und konzentriere mich trotzdem ganz und gar auf unser Gespräch. Damit beherzige ich schon eines meiner Lebensprinzipien: den Moment ganz bewusst und mit allen Sinnen zu erfassen. Das fängt schon beim Kaffeetrinken an.

Das klingt nicht neu. Schon die Buddhisten sagen, man soll achtsam sein im Hier und Jetzt.

In meiner Philosophie für ein ausgeglichenes Leben dank Stressmanagement finden sich Anleihen aus Weltreligionen wieder. Aber wir können hier in Deutschland ja nicht erst 15 Jahre ins Kloster gehen, sondern müssen uns in dieser wirtschaftlich orientierten Gesellschaft zurechtfinden.

In ihren Seminaren treiben Sie Multiplikatoren großer Konzerne während Bergtouren oder Segeltörns bis an die Grenze. Haben Unternehmer in Zeiten von Rezession, Massenentlassungen und Konkursen im Alltag nicht schon genügend Herausforderungen zu bewältigen?

Genau darum geht es doch. Zum Glück haben Management und Personalabteilungen erkannt, dass es nicht reicht, Mitarbeiter allein durch Kommunikations- und Verkaufstraining Nutzen bringend einzusetzen. Mindestens genauso wichtig ist es, in menschliche Energien und Ressourcen zu investieren.

Was meinen Sie damit konkret?

Es ist doch so: Viele von uns hetzen wie in Trance durch den Tag. Da gibt es eingefahrene Handlungsweisen, die einen innere Eingebungen und Gefühle verdrängen oder gar nicht erst wahrnehmen lassen. Wenn im Auto die Benzinlampe aufleuchtet, fahren wir tanken. Aber Signale der eigenen Batterie ignorieren viele und wundern sich dann, warum sie unter Burnout-Syndromen leiden. Ich versuche in meinen Veranstaltungen, dieses „Body Scanning“, das bewusste Empfinden und Wahrnehmen, zu schulen und die Menschen dazu zu bringen, dann auch entsprechend zu reagieren.

Sie fordern in Ihrem Buch dazu auf, Alltagsfesseln wie Eitelkeit, Neid, Perfektionismus oder das Streben nach Anerkennung zu sprengen. Wie soll das so schnell gelingen?

Grundsätzlich geben wir zu viel auf Bestätigung von außen, statt aus uns selbst zu schöpfen. Der immerwährende Vergleich mit anderen beginnt doch schon in der Schule. Wir fragen unsere Kinder: Was für eine Note hast du? Und wie war der Klassenschnitt? Wer sich aber ständig mit anderen vergleicht anstatt zu erkennen, was die eigenen Möglichkeiten sind, wird nie glücklich. Jeder sollte mehr auf die innere Stimme hören: Will ich das wirklich, was ich da mache?

Ein Abteilungsleiter kann aber nicht einfach sagen: Ich arbeite jetzt nur noch acht statt 13 Stunden – oder lege sogleich die Füße hoch, weil ich Lust dazu habe. . .

Der Mann würde sich auch nicht wirklich besser fühlen, wenn er das täte. Es geht vielmehr darum, schon vorher im Arbeitsalltag Prioritäten zu setzen und delegieren zu lernen, damit man sich erst gar nicht so belastet fühlt. Damit der Mensch erst gar nicht erst krank wird, weil er den falschen Job macht, sich keine Pausen gönnt, nur von Fast-Food ernährt. Viele meiner Kursteilnehmer quälen sich mit Schuldgefühlen herum. Führungskräfte haben Fehler aus der Vergangenheit nicht verarbeitet oder leiden unter dem Gedanken, womöglich Mitarbeiter entlassen zu müssen oder Gehälter nicht zahlen zu können. Ich frage dann: Welche Schlüsse müssen Sie denn daraus für das Jetzt ziehen? In der Gegenwart Verantwortung übernehmen, das können die wenigsten.

Sie selbst haben Ihr Leben verändert, nachdem Sie als Firmenchef durch Burnout-Syndrome wie einem Hörsturz ausgebremst wurden.

Ja, das war wirklich ein Zusammenbruch wie aus dem Bilderbuch. Aber pragmatisch wie ich bin, habe ich Schlüsse daraus gezogen, die mich in die Lage versetzen, mir selbst und anderen zu helfen.

Das Gespräch führte Annette Kögel

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