Zeitung Heute : Jeder vierte Schüler regelmäßig betrunken

Zahl der Klinikeinweisungen hat sich seit 2000 verdoppelt / Ärztepräsident fordert mehr Kontrollen

Rainer Woratschka

Berlin - Immer mehr Jugendliche trinken bis zum Umfallen. Die Zahl der Klinikeinweisungen von 10- bis 20-Jährigen wegen Alkoholmissbrauchs habe sich seit 2000 auf 19 500 Fälle verdoppelt, sagte die Drogenbeauftragte Sabine Bätzing bei der Vorlage des neuen Drogen- und Suchtberichts. Jeder vierte 12- bis 17-Jährige nahm im Jahr 2007 nach eigener Angabe mindestens einmal im Monat mehr als vier alkoholische Getränke hintereinander zu sich; im Jahr 2005 war es noch jeder Fünfte. Allein in Berlin griff die Polizei von April 2007 bis Ende März 2008 rund 1000 betrunkene Minderjährige auf.

Während der gelegentliche Alkoholkonsum bei Schülern leicht gesunken ist, häuft sich laut Bätzing das exzessive Trinken. Kamen 12- bis 17-Jährige 2005 noch auf 34 Gramm reinen Alkohol pro Woche, waren es im vorigen Jahr bereits 50 Gramm. Das sogenannte „Binge Drinking“ (Rauschtrinken) sei inzwischen ein europaweites Phänomen, sagte die Drogenbeauftragte. Praktiziert werde es von Jugendlichen aller gesellschaftlichen Schichten. Als mögliche Ursache nannte die SPD-Politikerin die Alkoholwerbung. Da sie „teilweise ganz offensiv jugendliche Lebenswelten“ anspreche, sei ihr Einfluss nicht zu unterschätzen, sagte Bätzing. Sie werde sich für eine strengere Selbstkontrolle der Wirtschaft einsetzen. Zudem kündigte sie bis Ende des Jahres ein nationales Aktionsprogramm zur Alkoholprävention an.

Damit werde „hoffentlich eine nachhaltige politische Diskussion über einen besseren Schutz Minderjähriger vor Alkoholmissbrauch in Gang gesetzt“, sagte Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe dem Tagesspiegel. Verbote allein reichten nicht. Diskotheken-, Kiosk- und Gaststättenbesitzer müssten „viel stärker an ihre Verantwortung für den Jugendschutz erinnert“ und notfalls mit empfindlichen Geldstrafen belegt werden. Und der Staat müsse seiner Kontrollpflicht nachkommen. „Da scheint einiges im Argen zu liegen.“

Als Konsequenz aus der gestiegenen Zahl jugendlicher Komatrinker forderte die Drogenbeauftragte der Unionsfraktion, Maria Eichhorn (CSU), ein generelles Alkoholverbot für Minderjährige. Für 16- bis 18-Jährige wären dann nicht nur Spirituosen, sondern auch Bier oder Wein tabu. Alkohol sei nicht nur zu jeder Uhrzeit zu haben, sondern auch „viel zu billig“, kritisierte der Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, Rolf Hüllinghorst. Zudem seien viele Freizeitangebote für Jugendliche verschwunden oder kommerzialisiert worden. „Die Eintrittskarte für ein Hertha-Spiel ist teurer, als sich zu betrinken.“ Dabei lasse sich der Alkoholkonsum auch über den Preis beeinflussen. Seit Einführung der Sondersteuer auf Alkopops 2004 etwa sank der Anteil derer, die diese regelmäßig konsumierten, von 28 auf 10 Prozent.

Man habe zu lange die Gefahren durch legale Drogen verharmlost, sagt der Suchtmediziner und Chefarzt der Oberbergklinik Berlin-Brandenburg, Bernd Sprenger. „Es wird Zeit, dass wir da kritischer hingucken.“ Die hohe Zahl der Klinikeinweisungen liege nicht daran, dass man sich stärker um die Opfer kümmere als früher. Die Vergiftungen seien ja meist lebensgefährlich, „die Dunkelziffer derer, die irgendwo ihren Rausch ausschlafen, ist sehr hoch“. Die Zahl junger Komatrinker steige, wie ihr Alter sinke, sagte Sprenger. „In Berlin gibt es Zehnjährige, die alkoholabhängig sind. Das ist nicht mehr lustig.“ Nötig seien Altersgrenzen, Erziehung zu bewusstem Umgang mit Alkohol und drastische Hinweise auf die Gefahren.

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