Zeitung Heute : Jederzeit anziehend

Die Einkaufsstraßen der City West erleben in diesen Monaten eine Renaissance – an vielen Orten richten sich neue Geschäfte ein

Reinhart Bünger Harald Olkus

In einer Zeit, in der die Berliner Privatradios einen guten Teil ihres Werbeumsatzes damit machen, Öffnungszeiten von Geschäften kundzutun, kommt die Lange Nacht des Shoppings gerade recht: Am Sonnabend haben die Geschäfte in der City West wieder bis 24 Uhr geöffnet; da weiß der Verbraucher definitiv, woran er ist. Fast schien es, als sei diese Veranstaltung obsolet geworden. Einst initiiert, um den Ladenschluss abzuschaffen, schien die große „Verkaufsschaffe“ ihren Zweck erfüllt zu haben. Denn die Ladenschlusszeiten sind freigegeben, der Mohr könnte nun eigentlich gehen. Tommy Erbe, nicht nur Initiator sondern mit seinem „werbeteam berlin“ auch Veranstalter der Langen Nacht, ist allerdings anderer Ansicht. Er ist nicht der Einzige.

Es sei der falsche Augenblick, sich auf dem Erreichten auszuruhen, sagt er: „Wenn die City West jetzt nichts tut, wird sie abgekoppelt.“ Abgehängt von anderen Ecken der Stadt: von der Friedrichstraße, vom Alexanderplatz, vom Potsdamer Platz oder der Schloßstraße in Steglitz. Wenn die Flughäfen Tegel und Tempelhof geschlossen würden, kämen flugreisende Gäste nicht mehr zuerst in Berlins Westen, sondern seien schneller in Mitte oder anderen Stadtteilen.

Ganz so dramatisch möchten Berlins Tourismuswerber die Entwicklung indes nicht sehen. Christian Tänzler von der Berlin Tourismus Marketing (BTM) hält Schwarzmalerei für unangebracht und zeichnet die Zukunft – berufsbedingt – eher in Rosa: Zu qualitativen Aussagen sei man zwar noch nicht in der Lage. Aber große Hotels hätten sich kaum den Standort ausgesucht, wenn sie dort keine Chancen sähen. Außerdem wollten sich zwei Investoren mit weiteren Hotelprojekten in der City West engagieren: Ebertz und Partner wollen das „Zoofenster“, eine Baulücke gegenüber dem Bahnhof Zoo, schließen. Und die Frankfurter Casia Immobilien-Management GmbH arbeitet an einem Hochhausprojekt, das aus drei Einzelbauten an der Kantstraße auf dem Schimmelpfeng-Grundstück besteht. Die Neubauten würden zu den höchsten Häusern Berlins gehören. Außerdem, so Tänzler weiter, erlebe die City West mit der Eröffnung neuer Galerien und Bars gerade eine Renaissance. Die großen Modehäuser seien alle am Kurfürstendamm vertreten. Und wenn der Flughafen Berlin Brandenburg International erst einmal eröffnet sei, bringe eine direkte Bahnverbindung die Fluggäste in 30 Minuten zum Zoo. Alles schick also?

Gerhard Buchholz, bei der BTM auch als Koordinator des „Winterzaubers“ in Lohn und Brot, betont, dass die Lange Nacht des Shoppings schon allein wegen ihrer Zugkraft außerhalb Berlins nicht häufig genug stattfinden könne: „Wir haben festgestellt, dass wegen dieser Veranstaltung immer wieder viele Extragäste in die Stadt kommen.“

Das freut Wertheim-Geschäftsführer Olaf Erle („Wir haben die Touristen besonders im Auge“), das freut Tommy Erbe. Denn sein am Breitscheidplatz stationiertes Stadtrundfahrtunternehmen beklagt an normalen Tagen bis zu 30-prozentige Umsatzeinbußen, seit am Zoo keine Fernzüge mehr halten. Die wichtigen Kulturveranstalter der Stadt seien ebenfalls längst nicht mehr am Kurfürstendamm zu finden, und auch beim Riesenrad am Zoo sei der Erfolg fraglich. „Wenn man sich jetzt nicht zusammentut und ein neues Leitbild für die City West findet, verliert der Standort seine Strahlkraft“, befürchtet er.

Kurt Lehrke, Vorstand der AG City, die einen Teil der Händler repräsentiert, hält diese Vorstellungen für überzogen, ja „albern“. „In der City West sind die größten und wichtigsten Einkaufsstraßen Berlins und so wird es bleiben“, sagt auch Boris Kupsch, Geschäftsführer des Internetportals Kurfuerstendamm.de. „KaDeWe, Peek und Cloppenburg, Wertheim und das Europa-Center haben zusammen doppelt so viel Verkaufsfläche wie die gesamte Friedrichstraße.“

Am Ku’damm und in den Seitenstraßen sind rund 4000 Geschäfte ansässig – vier- mal so viel wie im gesamten Bezirk Mitte. Die besondere Anziehungskraft beruht laut Kupsch darauf, dass sich der Boulevard über 100 Jahre zu dem entwickelt habe, was er heute sei. „Und es gibt hier alles: Edles, Massenware und die kreativen Einzelhändler in den Seitenstraßen.“ Das geplante Riesenrad soll weiteren Schwung bringen. Es wird mit mindestens 300 000 zusätzlichen Besuchern pro Jahr gerechnet. Die City West werde also zu Unrecht totgeredet, findet Tänzler. Dennoch hält er weiteres Engagement für richtig: „Alles, was den Standort bereichert, ist herzlich willkommen.“

Dazu zählt in Zukunft sicher auch das Europa-Center, das wegen der Modernisierungsarbeiten im Erdgeschoss am Sonnabend nicht an der Langen Nacht teilnimmt. Weiteres Wasser hat das Kaufhaus des Westens (KaDeWe) in den von Tommy Erbe angerührten Veranstaltungs-Cocktail gegossen: Das Haus öffnet zwar auch bis 24 Uhr, will ansonsten aber nicht mehr mittun – und sich auch nicht mehr an Kosten beteiligen.

„Obwohl auch in den vergangenen Jahren nicht alle ,Nutznießer‘ dieses Event finanziell unterstützt haben, hat sich das KaDeWe sehr kulant gezeigt und mit 15 000 Euro pauschal den Organisations-, Werbe- und Personalaufwand mit- finanziert“, schrieb Peter Wolf, Vorsitzender der Geschäftsführung der Karstadt Warenhaus GmbH, an Tommy Erbe, der stets mit dem Geld des KaDeWe rechnen konnte. Doch diese Zeiten sind nun vorbei. Wolf verweist auf angebliche „Currywurstbuden vor dem Haupteingang des KaDeWe“, die anlässlich der Langen Nacht schon einmal platziert worden seien: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir zukünftig die Gestaltung unserer Öffnungszeiten und die Darstellung unseres Auftritts selber in die Hand nehmen werden.“

Tommy Erbe schreckt dies nicht, er will zu neuen Ufern aufbrechen, genauer gesagt zum Salzufer. Hier könnte – im Zuge einer räumlichen und inhaltlichen Erweiterung der Langen Nacht des Shoppings – eine Lange Nacht des Autos stattfinden: Mercedes Benz, Porsche, Audi, Toyota – rund ums Salzufer habe sich ein „Kompetenzzentrum Auto“ angesiedelt, das es zu nutzen gelte. Zusammen mit der Porzellan-Manufaktur KPM und Gravis, vielleicht mit Beteiligung der Technischen Universität und der Universität der Künste, will Erbe jeweils zur Zeitumstellung zweimal im Jahr ein weiteres Event etablieren – mit Öffnungszeiten bis 24 Uhr und einem Programm aus Kunst, Musik, Gastronomie.

Die Resonanz der Autobauer ist noch verhalten. Der Sprecher der Mercedes Benz-Niederlassung in Berlin, Joachim Ackermann, sagt: „Herr Erbe hat uns das Projekt vorgestellt, aber wir sind derzeit nicht im Gespräch mit ihm.“ Ähnlich artikuliert sich Porsche. Doch Erbe hat bei der Etablierung der Langen Nacht des Shoppings gezeigt, dass er auch dicke Bretter bohren kann. Ob das alte Ladenschlussgesetz auch ohne ihn und seine Langen Nächte gefallen wäre?

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