Zeitung Heute : Jedes Jahr ein neuer Song

Urban Media GmbH

Von Matthias Glaubrecht

Auch Wale haben Lieder. Es ist ein Konzert wie von einer anderen Welt, ein Brummen und tiefes Schnarchen, vermischt mit dem Geschrei wie von knarrenden Scheunentoren und schreienden Möwen. Wie vielfach im Tierreich, dient auch der Gesang der Wale zur innerartlichen Verständigung. Verhaltensforscher waren indes verblüfft, als sie entdeckten, dass Buckelwale neue Lieder komponieren und ihre Gesänge noch regelrecht in Versform kleiden. Dabei bilden die Walbestände in den einzelnen Weltmeeren nicht nur jeweils lokale Dialekte aus; offenbar fungieren einige besonders begnadete Meeressäuger auch als musikalische Trendsetter, die einen regelrechten Liederwettstreit im Ozean auslö sen.

Als wahre Meister der Unterwasser-Kommunikation erwiesen sich die Buckelwale von den Bermudas. Ihre Unterwassergeräusche sind die längsten, langsamsten und lautesten tierischen Laute. Sie liegen in einem Frequenzbereich von 30 bis 400 Schwingungen pro Sekunde und variieren von einfachen bis zu komplexen Tönen. Ihre Gesänge tragen die Wale zwischen einer viertel und halben Stunde lang ohne Pause in regelrechten Konzerten vor.

Bei vergleichenden Analysen über Jahre hinweg fiel Forschern auf, dass die Strophen der Buckelwale immer wieder neue Elemente enthielten und sich die Gesänge so im Laufe der Zeit verändern. Anfangs glaubten Walforscher, dies mit der Vergeßlichkeit der Wale erklären zu können. Diese singen nur während der Fortpflanzungszeit im Winter. Doch Megoptera novaeangliae ist tatsächlich ein ausgesprochen begabter Komponist. Wale sind die einzigen Lebewesen außer uns Menschen, von denen eine solche Weiterentwicklung von Gesängen bekannt ist.

Ähnlich wie bei den Gassenhauern der menschlichen Musikszene singt auch bei den Buckelwalen stets die gesamte Population die aktuellen „Schlager“, bis die Tiere über Jahre hinweg aus bekannten und neu erfundenen Elementen ein völlig neues Lied entwickelt haben. Bestimmte Elemente, charakteristisch in Rhythmus und Geschwindigkeit, bleiben einige Jahre erhalten, bevor sie durch andere ersetzt werden. Nach über einem Jahrzehnt sind nur noch fünf Prozent der ursprünglichen Themen erhalten; aus dem jeweils vorangegangenen Jahr werden dagegen mehr als 60 Prozent der Leitmotive wiederverwendet.

Evergreens halten acht Jahre

Allerdings muß es so etwas wie Evergreens bei den Buckelwalen geben: Einige wenige Themen nämlich halten sich sieben oder acht Jahre, während andere schon im nächsten Jahr vergessen sind. Dabei unterscheiden sich die Gesänge der Buckelwale in den Wintergebieten vor Hawaii und in der Karibik zwar in einzelnen Tönen und Elementen. Sie weisen aber die gleiche auffällige Struktur auf.

Dennoch haben auch Wale so etwas wie Dialekte. Ein globaler Gesangsvergleich zeigt, dass es zusätzlich zu den Modetrends auch ausgeprägte Gesangsunterschiede zwischen den in getrennten ozeanischen Becken lebenden Buckelwalen gibt. Isolierte Populationen erfinden demnach offenbar ihre eigenen Hits. So singen die Buckelwale von Hawaii kaum anders als die Tiere vor der Küste Kaliforniens. Dagegen gaben die Meistersinger im Altantik – um die Kapverdischen Inseln und in der Karibik – in den gleichen Jahren ganz andere Lieder zum besten. Einen dritten Dialekt entdeckten die Walforscher bei Buckelwalen rund um das Inselreich Tonga im Pazifik.

Wie die neuen Lieder sogar zwischen sonst getrennten Gesangs-Gruppen ausgetauscht werden und wie es zu einer radikalen Umdichtung kommen kann, das konnten Biologen vor der australischen Ostküste verfolgen. Am Great Barrier Reef ziehen die Meeressäuger zwei Mal im Jahr vorbei. Zwischen 1995 und 1998 haben Forscher um Michael Noad die Gesänge der männlichen Buckelwale des Westpazifiks aufgenommen. Sie konnten auf diese Weise verfolgen, wie ein neuer Gesang von zwei eingewanderten, fremden Artgenossen aus dem Indischen Ozean übernommen wurde (veröffentlicht im Fachblatt „Nature“, Band 408, Seite 537).

Wä hrend in den ersten beiden Jahren von insgesamt 82 Walen alle bis auf diese beiden Immigranten das gleiche Lied sangen, wurde deren Lied im darauf folgenden Jahr allmählich bekannter. Auf dem Weg nach Norden nutzte 1997 bereits die Mehrzahl der 112 vorbeiziehenden Wale verschiedene Elemente der beiden westaustralischen Sänger, zusammen mit ihrem alten, im Westpazifik typischen Gesang. Im selben Jahr auf dem Rückweg gen Süden sangen dann fast alle Männchen das neue Lied, und 1998 hatte es sich schließlich ausnahmslos durchgesetzt.

Bislang ist dies das einzige Beispiel, wie rasant und vollständig sich binnen weniger Jahre eine Verhaltensweise bei einer Tierart ändern kann. Wale sind also nicht bloß vergesslich; vielmehr entwickeln sie ihren Gesang aktiv und zielgerichtet weiter. Tatsächlich fassen Forscher dieses Gesangs-Tradieren der Wale neuerdings als einen Beleg für echte „kulturelle Evolution“ auch im Tierreich auf. Dabei setzt sich das Andere und Neue offenbar besonders schnell durch, selbst wenn es anfangs nur von einigen wenigen Trendsettern stammt.

Ausschmücken schadet nicht

Rätselhaft ist zwar noch, warum die omnibusgroßen Meeressäuger ihre Gesänge überhaupt über Jahre hinweg verändern. Doch offenbar fällt es auch Buckelwalen schwer, sich Moden zu widersetzen. Weil aber nur die Männchen singen, glauben Zoologen, dass es die Paarungsvorlieben der Weibchen sind, die den Sangeswettstreit verursachen.

Um die Weibchen zu becircen, müssen die Männchen nicht nur den aktuellen Modesong der Saison perfekt vortragen können. Dabei den Balzgesang zusätzlich noch mit neuen Laut-Kreationen ein wenig auszuschmücken, schadet nicht. Mithin konkurrieren die Männchen untereinander um die Gunst der Weibchen, indem sie sich ständig durch neue Stilelemente zu übertreffen versuchen.

So haben die fremden Buckelwale von der Westküste Australiens nicht nur bei den Weibchen der Ostküste schnell ein offenes Ohr gefunden. Auch die Männchen mussten dort schleunigst umlernen, damit ihnen die Neuankömmlinge nicht die Show stahlen; sie waren gezwungen, ihrerseits die neuen Lieder zum Besten zu geben.

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