Zeitung Heute : Jedes Wort zählt

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Gestern noch bereit, den Deutschen Nationalstolz einzuhauchen, heute vor Nationalismus warnend – ein Widerspruch? Was auf den ersten Blick verquer wirkt, fügt sich zusammen. Bei beiden, Edmund Stoiber wie Gerhard Schröder. Seitdem Stoiber in Bayern regiert, hat er mehrmals rechtspopulistische Ausfälle von früher bedauert, zum Beispiel, dass die deutsche Gesellschaft von Ausländern „durchrasst und durchmischt“ sei. Inzwischen vermeidet er sowieso Extreme, auf der nationalen Ebene angelangt.

Aber auch Schröder war anfällig für Populismus. Der Kanzler mit seinen Wahlkampfhelfern fand anfangs schon, dass es eine gute Idee sei, am 8. Mai mit Walser über Patriotismus und Nation zu reden. Dann aber, mit den Erfolgen Le Pens und Fortuyns im Blick, ihre Reden im Ohr, klangen die Worte anders. Schröder selbst, ganz Kanzler, sprach es an: Er sei in Sorge, dass Europa unter dem Druck rechtspopulistischer Bewegungen und Parteien einer Phase der Renationalisierung entgegengehe. So wurde dieser Vorsatz für den Wahlkämpfer Schröder schwierig: bei den Konservativen zu gewinnen, indem er in den Wortschatz und Themen derer greift, die von der Grundrichtung Stoiber anspricht. Er wollte dessen Wähler mit ihren Assoziationen gewinnen.

Nun zählt jedes Wort, weil viele auch wieder populistisch als Zugeständnis an die Wähler weit rechts der Mitte gewertet werden könnten. Da fällt auf: Schröder redet entsprechend einem Motto, das Bundespräsident Rau bei seiner Amtsübernahme fand – immer Patriot, nie Nationalist. Verharmlosende Worte wie das von Müntefering, der 8. Mai sei ein „Termin“ in der deutschen Geschichte, passen nicht mehr ins Konzept. Und siehe da: Europa ist jetzt nicht mehr in erster Linie ein Verlustgeschäft für Deutschland, gegen nationale Interessen gerichtet. Nationalbewusstsein und Patriotismus beziehen sich inzwischen vor allem auf Fußball. Darin sind sich übrigens mehr als Schröder und Stoiber einig. cas

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