Zeitung Heute : Jelzin und Mitterrand Der gute und der schlechte Stress

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Im Bewusstsein der Öffentlichkeit galt vor allem Boris Jelzin als das von Krankheit geschüttelte Staatsoberhaupt der jüngeren Gegenwart. Man hat ausgerechnet, dass er mehr als die Hälfte seiner Amtszeit nicht im Kreml verbrachte, nachdem er sich 1996 fünf Bypässe hatte legen lassen. Sein Krankenlager verließ er oft nur für Stunden, etwa um mit spektakulären Entlassungen Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Und während noch offizielle Stellen von einer „Virusinfektion mit akuter Bronchitis“ oder einem „Verdacht auf Lungenentzündung“ sprachen, man von einem „totalen Stimmverlust“, einem „blutigen Magengeschwür“ oder „Herzproblemen“ erfuhr, saß die Weltöffentlichkeit vor dem Fernsehschirm und machte sich auf die rote Nase des Präsidenten ihren eigenen Reim. Der Herrscher war krank, so wie Russland krankte – die Metapher war zu schön, um nicht genutzt zu werden. Man vermutete, Jelzin mache mit seiner Krankheit Politik. Einmal wolle er sich durch eine taktische Krankheit vor der politischen Verantwortung in Tschetschenien drücken, ein anderes Mal sich die Hintertür für einen Rücktritt offen halten. Offizielle Versuche der Duma zur Abwahl des Präsidenten aus Gesundheitsgründen scheiterten mehrmals.

Anders in Frankreich. Zwar wusste man, dass Mitterrand seit Jahren an Prostatakrebs litt, auch operiert wurde, doch der Präsident erklärte das tatsächliche Ausmaß seiner Krankheit zu einem Staatsgeheimnis. Obwohl er sich zur „Transparenz“ verpflichtet hatte, ließ er sich unter dem Decknamen „Albert Blot“ in einer Militärklinik untersuchen. Nur er selbst wusste, wie stark ihn die Krankheit seit 1981 schon beeinträchtigte. Ein Buch mit dem Titel „Le Grand Secret“, das sein Leibarzt Claude Gubler kurz nach Mitterrands Tod veröffentlichte, musste auf Betreiben der Familie zurückgerufen werden.

Sein ehemaliger Arzt sagte, schon seit Mitterands Wiederwahl 1994 sei dieser eigentlich amtsunfähig gewesen. Doch Mitterrand wollte bis zuletzt die Kontrolle sogar über den Zeitpunkt seines Todes behalten: Als die Lähmungen zu schlimm wurden, beschloss er, die Medikamente abzusetzen. Nach zwei Tagen war er tot.

Dauerhafter Stress“, sagt Dietrich Andresen, Chefarzt der Kardiologie im Urban-Krankenhaus, „ist eine der Ursachen, die zum Beispiel zum Herzinfarkt beitragen können und das Immunsystem schwächen.“ Ob das Leben eines Politikers mit seinen spezifischen Anforderungen nun schädlich oder nützlich für die Gesundheit sei, ist so pauschal aber nicht zu sagen. Denn man muss unterscheiden zwischen Stress, der stimulierend wirkt und Stress, der schadet: Während der so genannte Eu-Stress positive Anspannung bedeutet, wird Dys-Stress oft in einer ausweglosen Situation empfunden. Nur der Betroffene selbst ist in der Lage, eine Situation zuzuordnen. Wird dauerhaft Dys-Stress empfunden, mit wenig Ruhephasen, so greift er die körperlichen Ressourcen an.

Wenn nun einer in der Lage ist, als Eu-Stress zu empfinden, was für einen anderen Dys-Stress bedeutet, so ist er weniger gefährdet. „Bestimmte Berufsgruppen entwickeln ja Kompensationsmechanismen für Stresssituationen“, sagt Andresen. Begreift also einer als positive Herausforderung, was für den anderen schon eine Belastung bedeutet, wird er er auch weniger gefährdet sein – etwa in Bezug auf einen Herzinfarkt. Somit ist letztlich die Bewertung von Situationen und nicht die Situation selbst für das Wohlbefinden ausschlaggebend.

Leiden Menschen allerdings unter chronischen Schmerzen, kann eine positive Stimulanz sich vorteilhaft auf die Gesundheit auswirken. Die Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS) empfiehlt chronischen Schmerzpatienten, sich auf andere Dinge als ihren Schmerz zu konzentrieren. „Immobilisierung“ sei das größte Übel. Arbeitszufriedenheit und soziale Netze helfen, von Schmerzen abzulenken.

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